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Erfinde deine Welt, wie sie dir gefällt!

Das Leben unter die Lupe nehmen, einen persönlichen Ausdruck finden, einander im kreativen Chaos näher kommen und über sich hinauswachsen: Susanne Rieben über Theaterarbeit in der Schule.

Im Theater werden die Welt, das Leben, die Menschen, ihre Beziehungen, ihre Freuden und Leiden unter die Lu­pe genommen. Bei Theaterproben können die Spielenden verschiedene Varianten von Handlungsweisen ausprobieren und in der anschliessenden Besprechung reflektieren. Proben be­deutet daher erproben. Kinder kön­nen Szenen unterschiedlich inter­pre­tieren, gestalten und erleben und ha­ben somit die Wahl zwischen verschie­denen Verhaltensweisen, was selbst für die­je­nigen, die beim Proben nur zuse­hen, nachvollziehbar wird. Solche Erfahrungen können Mut und Zuversicht geben, auch das ei­gene Leben aktiver zu gestalten.

Theater hilft, den persönlichen Ausdruck zu finden
Im Jahr 2001/2 arbeitete ich teilzeitlich als Lehrerin für Sprachen an der Freien Volksschule Solothurn. Unsere kleine Schule entschied sich auf meinen Vorschlag hin, mit allen Kindern an der kids.expo mit einem Theaterstück zum Thema «Erfinde deine Welt, wie sie dir gefällt!» teilzunehmen.

Nach einer Phase mit vorbereitenden Übungen und Spielen brachte ich das Thema in die Gruppe, die damals aus 16 Schülerinnen und Schülern von der 1. bis 9. Klasse bestand. Mein Improvisationsauftrag lautete: Ihr seid Göttinnen und Götter und könnt eine neue Welt erschaffen. Wie sieht diese Welt aus? Die Ideen der Kinder sprudelten: Frie­den und eine intakte Natur sollte es geben, aber auch einen Geist aus einer Lampe oder Flasche, der alle Wünsche erfüllt, z.?B. ewige Jugend und Reichtum für alle und den ganzen Tag die Simpsons am Fernsehen?…

Die Idee vom Geist, der Wünsche erfüllt, stiess auf allgemeine Zustimmung und wurde weiterverfolgt.

«Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können»
Friedrich Nietzsche

Theater ist kreatives Chaos
Zwei besonders theaterbegeisterte und engagierte Schülerinnen, die unbedingt ihre Einräder einsetzen wollten, sollten den herumwirbelnden Doppelgeist spielen. So konnten sie ihre akrobatischen Fähigkeiten nicht nur als Kunststück, sondern als künstlerische Umsetzung, als theatrales Zeichen für ein übernatürliches Wesen einsetzen.

Die Quirligkeit und Fantasie, aber auch das Engagement dieser Kinder brachten unserem Theaterprojekt wichtige Impulse und steckten die ganze Gruppe an. Im Januar, nach vielen Improvisationen und Ideensammlungen, äusserten die Schülerinnen und Schüler ihre Wünsche, was und wen sie gerne spielen wollten. Wir bewegten uns vom Chaos der Sammelphase in eine erste Ordnung. Ich notierte ein Szenengerüst, das in der Intensivwoche in Yverdon in der expo.factory und im expo.camp konkretisiert und umgesetzt werden sollte.

In der Theaterarbeit kommt man sich nahe?…
Die «Theaterarbeitslupe» vergrössert durch ihre Intensität – sozusagen als «Nebenwirkung» – auch die Emotionen rund um die Bühne. Die Chemie zwischen allen Beteiligten – Kindern wie Erwachsenen, Spielenden wie Lei­ten­den – fällt bei kreativen Prozes­sen mehr ins Gewicht als in alltäglichen Schulkontexten.

In der Intensivwoche lief vieles anders, als ich es geplant und mir vorgestellt hatte: eine Magen-Darmgrippe lähmte den Ablauf, die Wege vom Wohn- zum Arbeitsort waren weit, und der expo-Theaterpädagoge und ich hatten so unterschiedliche Arbeits­weisen, dass wir uns gegenseitig bremsten. Einige Pubertierende blockierten zusätzlich unsere Arbeit durch zeitweilige Spielhemmungen und Verweigerung.

Ein Theaterstück gemeinsam entwickeln heisst auch loslassen können
Die Idee der Kinder, einen Teil des Stückes als Fernsehshow zu inszenieren, stiess bei mir auf Kritik, da Theater ja nicht Fernsehen ist und von anderen Spannungsmomenten lebt. Diesen sachlichen Reibereien setzte die Verweigerung des vorgesehenen Showmaster-Spielers ein Ende. Wir mussten diesen ganzen Teil begraben und hatten viel Zeit verloren.

Manche Idee für das Stück musste ich noch loslassen, und manchen Ein­fall mussten auch die Kinder und Jugendlichen im Verlauf der Proben loslassen – eine wichtige Erfahrung beim gemeinsamen Erarbeiten eines Stückes. Loslassen, um anderes bewusster gestalten zu können.

Theaterarbeit braucht Führung – aber was bedeutet das konkret?
Die Zeit nach dem Lager eilte dahin, und unser Theaterprojekt kam nur schleppend voran, sowohl szenisch, musikalisch wie auch gestalterisch.

So kam es, dass ich in den Frühlingsferien aus den Ideen und Improvisationen der Kinder und inspiriert durch die Themen und den Ort der Arteplage Yverdon unser Stück schrieb. Allein mit meinem Notebook entwickelte ich die Ideen eigenwillig und eigenständig weiter. Und da sich zwischendurch mein theaterpädagogisches Gewissen meldete mit der Frage, ob ich den Kindern nicht zu viel aus der Hand genommen hätte, war ich sehr gespannt, ob sie einverstanden sein würden mit der Fassung des Stückes. Den Schluss hatte ich offen gelassen, ich wollte ihn mit den Schülerinnen und Schülern erspielen. Zu meiner grossen Erleichterung hatten sie Spass am Text, den ich ihren Rollen in den Mund gelegt hatte. Meine Führungsübernahme in diesem Moment war für alle stimmig und hilfreich gewesen. Nun stellte sich die Aufgabe, dass die Kinder ihre Texte auswendig lernen und die Rolle zu sich heranholen sollten. Zudem muss­ten sie diese mit ihrer Lebendigkeit und Gestaltungsfreude füllen.

Theater ist Teamarbeit
Parallel dazu wurden unter der kundigen Anleitung meiner Kolleginnen und einiger Eltern Plakate gestaltet, Kostüme genäht und Bühnenelemente aus Holz gebaut. Theaterarbeit ermöglicht auf allen Ebenen die Erfahrung, dass das Ge­schehen nicht allein von einer Person abhängt. Alle gestalten mit und beeinflussen den Ablauf, die Entwicklung, die Veränderung und schliesslich das Gelingen.

Im Theaterspiel kann man über sich hinauswachsen
Und dann war es endlich so weit: Wir konnten das Stück an den Schultheatertagen im Schloss Waldegg, an unserem Schulfest und an der kids.expo spielen und bekamen viele positive Rückmeldungen aus dem Publikum, die uns stolz machten. Die Schülerinnen und Schüler hatten ihre Rollen und das Stück mitgestaltet und ihre individuellen Fähigkeiten eingebracht: Es wurde Einrad gefah­ren, gesungen, gerappt, Querflöte und Horn gespielt und getrommelt. Die Kinder agierten als drei Magier und eine Magierin, welche Erde, Feu­er, Wasser und Luft verkörperten, als verschiedene Tiere, Soldaten und «Penner». Zwei Einrad fahrende Geis­ter führten als Erzählerinnen durch das Geschehen, in Yverdon teilweise sogar auf Französisch. Das Stück hiess: «Damals im Jahr 2202» und es ging um nichts Geringeres als um die Rettung der Welt.

Theaterprojekte sind faszinierende und anspruchsvolle Aufgaben im Schulalltag, die viel Organisations- und Improvisationstalent, aber auch Fantasie, Ausdauer, die Bereitschaft zur Zusammenarbeit und Spielfreude voraussetzen. Das Entwickeln eines Theaterstückes erfordert sowohl von Lehrpersonen wie Schülerinnen und Schülern grossen Einsatz und Flexibilität. Ob man mit Jugendlichen ein vorgegebenes Stück probt und aufführt oder ein Stück von Grund auf erarbeitet und entwickelt, hängt von Zeitvorgaben, Zielen und Vorlieben ab. Das Improvisieren, Erfinden, Entwickeln und Entscheiden erfordert je nach Dauer des aufzuführenden Stückes grössere Zeitreserven und flexibleres Handeln, wird jedoch durch authentisches und überzeugendes Spiel belohnt. Ein solches Projekt kann unter Umständen auch einmal zum Scheitern verurteilt sein – aber wäre ein brav, aber unengagiert auswendig vorgetragenes Stück ein Erfolg? Das Gefühl, etwas von A bis Z gemeinsam Gestaltetes zur Aufführung zu bringen und dafür Anerkennung zu bekommen, ist für jede Klasse ein Gewinn. ?

Susann Rieben

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