farbwelt

Gestalten, sich aussetzen

Iwan Raschle ist Grafiker und Journalist, er gestaltet das «profi-L» und wirkt als Abschlussredaktor. Von 1991 bis 2000 führte er jährlich Schreibwerkstätten für Schülerinnen und Schüler durch.

Kochen ist ein kreativer Prozess. Besonders dann, wenn sich die Köchin oder der Koch nicht eisern an ein vorgegebenes Rezept hält, sondern das Wagnis eingeht, zu experimentieren. Das Kochbuch, Grossmutters Rezeptsammlung oder die Kochsendung im Fernsehen dürfen durchaus Quelle der Inspiration sein, am eigenen Herd stehen aber sollen weder Betty Bossy noch Fräulein Fül scher noch der berühmte Fernsehkoch. Sondern ich: entdeckungslustig, experimentierfreudig und, natürlich, über ein gewisses «kochtechnisches» Basiswissen verfügend. Letzteres lässt sich aneignen, besser noch: entdecken, erfahren, «erkochen». Ersteres – die Entdeckungslust und Experimentierfreudigkeit – sollten sich Kochfreudige durch nichts und von niemanden verbauen lassen.

Gestalten heisst, sich aussetzen. Dem Marktgemüse, der noch unbemalten Leinwand, dem leeren Raum, dem unbeschriebenen Blatt.»

Schreiben ist ein kreativer Prozess. Besonders dann, wenn die Autorin, der Autor den Mut aufbringt, nicht linear zu erzählen, um mehr als eine Ecke zu denken – und also nicht der erstbesten Pointe zu verfallen. Wenn das Erzählte stets von neuem zu überraschen vermag, wenn der Text verblüfft, irritiert, zum Weiterdenken anregt, wenn das Geschriebene oder eben Gelesene eine rhythmische Spannung erzeugt, gleichsam Musik wird – dann werden Schreibende nicht selten ermahnt: Der Text sei zu wenig konzis, die Sprache zu wenig sachlich. Und die unvollständigen Sätze: ein Ärgernis, immer wieder. Für manche. Ihnen fehlt die gewohnte Abfolge Subjekt, Prädikat, Objekt. Die grammatische Dreifaltigkeit. Sie mahnen einen Verstoss gegen die Rechtschreiberegeln an, lesen mit ihren Schülerinnen und Schülern aber Schiller, der sich selbst ebendieses Stilmittels bediente, wenn er beispielsweise schrieb: «Woher so in Atem?». Die Schülerin, sie besucht in der Freizeit Schreibseminare und glänzt dort mit sehr schönen, sehr eigenen Texten, die Schülerin wird von ihrer Lehrperson ermahnt: Unvollständige Sätze sind falsch. Schiller hin, Hürlimann her: In der Schule werden Aufsätze verfasst, keine literarischen Texte. Um konzis zu bleiben: Die Grammatik, der Duden, das in der Schule Gelernte sollen uns beim Schreiben als Leitplanke dienen, die Feder in oder die Tastatur unter der Hand aber haben wir: entdeckungslustig, experimentierfreudig und, natürlich, über das nötige sprachliche Basiswissen verfügend. Ersteres – die Entdeckungslust und Experimentierfreudigkeit – sollten sich Schreibfreudige indes durch nichts und von niemandem verbauen lassen.

Visuelles Gestalten ist ein kreativer Prozess. Besonders dann, wenn die Gestalterin, der Gestalter nicht festgezurrten Grundregeln folgt. Sondern bereit ist, sich einem weissen Bogen Papier zu stellen: Räume zu suchen, Formen zu finden. Entdeckungsfreudig zu sein, experimentierlustig, dabei indes nicht verkennend, was viele nicht kennen: den Goldenen Schnitt beispielsweise, den Aufbau von Farbe, die minimalsten typografischen Grundregeln. Auch hier gilt: Am Zeichentisch oder vor dem Bildschirm steht nicht die Design-Ikone, sondern hier stehe und gestalte ich. Mit inspirierendem Material zur Seite, aber ohne industrielle Halbfabrikate. Ohne Word- oder Powerpoint-Vorlagen also und, mit Blick auf die meist verwendeten Farben, ohne die Standard-Farbpaletten von Microsoft Word & Co. Es gibt Farben. Es gibt Formen. Und es gibt: Bleistiftentwürfe auf Papier anstelle vermeintlich abgeschlossener Gestaltungskonzepte, die auf dem Computer angefertigt wurden.

Ob beim Kochen, Schreiben oder mit Blick auf visuell gestaltete Werke: Gestalten heisst, sich aussetzen. Dem Marktgemüse, der noch unbemalten Leinwand, dem leeren Raum, dem unbeschriebenen Blatt. Der Betrachterin, dem Betrachter, ihrer Kritik. Den Rahmenbedingungen, den Bedürfnissen und Wünschen unserer Kundinnen und Kunden. Sich aussetzen aber kann nur, wer sich auch zu verorten weiss – und wer bereit und fähig ist, Entscheide zu treffen. In welche Richtung zielt mein erster Entwurf? Wann halte ich inne, wechsle ich die Richtung, verwerfe ich bereits Geschriebenes oder Gezeichnetes? Und schliesslich: Welcher Entwurf ist nun wirklich der beste, welche meiner Arbeiten setze ich – neben mir selbst – der Kritik aus?»

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