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Gestalten von A bis...

 Maschinen­schlosser, Real­lehrer, Dozent in der Lehrerinnen- und Lehrer­weiterbildung, Coach, Programmleiter schulverlag

Hans Jensen: Maschinenschlosser, Reallehrer, Dozent in der Lehrerinnen- und Lehrerweiterbildung, Coach, Programmleiter schulverlag

… Alltag – Arbeit – Beziehungen – Bilder – Chance – Chaos – Dankeschön – Darbietung – Einladung – Effekt – Freundschaften – Frisur – Garten – Geburtstag – Identität – Kaffeepause – Leben – Musikstück – Nachfolge – … – Zukunft

 

Menschen stehen heute kollektiven Herausforderungen gegenüber. Die Kompetenzen, die benötigt werden, um die angestrebten Ziele zu erreichen, sind komplexer geworden und erfordern mehr als nur die Beherrschung einiger eng definierter Fähigkeiten und Fertigkeiten. Viele der heute zu bewältigenden Situationen verlangen in der Regel nicht nur eine Kompetenz, sondern vernetzte Kombinationen von verschiedenen Kompetenzen (Abbildung 1: modifiziert nach DeSeCo*).

Schlüsselkompetenz «Gestaltungsfähigkeit»

 

 Heilpädagoge und Zeichenlehrer, Dozent an der Schule für Ergo­therapie Biel   und am Institut für Heilpädagogik der PH Bern

Mario Somazzi: Heilpädagoge und Zeichenlehrer, Dozent an der Schule für Ergotherapie Biel und am Institut für Heilpädagogik der PH Bern

Unter «Gestaltungsfähigkeit» verstehen wir die Fähigkeit einer Person, durch Denken und Handeln eine Sache (ein materielles Objekt, eine Struktur, einen Prozess, ein Gedankengut) neu herzustellen, zu verändern, weiterzuentwickeln und dadurch der Sache eine bestimmte Form, ein bestimmtes Erscheinungsbild, eine Gestalt zu geben – sie zu gestalten. Gestaltungsfähigkeit verlangt von einer Person, Ist-Zustände wahrzunehmen, sie zu analysieren und Vorstellungen von möglichen Soll-Zuständen zu entwickeln. Gestaltungsfähigkeit verlangt zudem, entsprechende Ziele, Pläne, Vorgehensweisen und Mittel auszuwählen oder zu entwickeln und diese im Gestaltungsvorgang zielstrebig und kriterienorientiert anzuwenden: Gestaltungskompetent ist eine Person, die Gestaltungsmotivationen entwickeln und klären sowie Gestaltungen zielbezogen planen, realisieren und einschätzen kann.

Eigenständig handelnde Menschen können

  • Verantwortung für ihre Lebensgestaltung übernehmen, ihr Leben im grösseren Kontext situieren, Sinnfragen stellen, Ziele formulieren, Prioritäten herausarbeiten und Entscheidungen treffen und danach entsprechend handeln.
  • ihre Bedürfnisse, Interessen und Rechte aktiv wahrnehmen und sie mit denjenigen der anderen abstimmen bzw. sie gegebenenfalls auch verteidigen.
  • ihr Denken und Handeln reflektieren und aus ihren Erfahrungen Konsequenzen für künftiges Denken und Handeln ableiten.

Beziehungsfähige und kooperative Menschen können

  • gute und tragfähige Beziehungen aufbauen und unterhalten, mit anderen zusammenarbeiten und auftretende Konflikte bewältigen und lösen.
  • in der zunehmend vernetzten Welt mit Menschen aus anderen Kulturen zusammenleben und innerhalb sozial heterogener Gruppen kommunizieren und kooperieren.

Menschen, die Medien und Mittel interaktiv anwenden, können

  • diese für ihre eigenen, aber auch für die gemeinsamen Ziele anwenden und sinnorientiert nutzen.
  • Sprache als Medium interaktiv einsetzen.
  • in der Gesellschaft vorhandenes Wissen bzw. vorhandene Informationen mit den zur Verfügung stehenden Technologien nutzen.

Wie unterstützen Sie in Ihrem Unterricht die Entwicklung von «Gestaltungsfähigkeit»?

Ausgehend von den im Projekt DeSeCo umschriebenen Anforderungen stellt sich die Frage, welchen Beitrag die «Gestaltungsfähigkeit» zur Bewältigung der beschriebenen Aufgaben leisten kann. Nachfolgend versuchen wir, den Stellenwert der «Gestaltungsfähigkeit» im Leben von erwachsenen Menschen aufzuzeigen. In Form von Leitfragen möchten wir Sie dazu anregen, Ihren Beitrag zur Entwicklung von «Gestaltungsfähigkeit» in Ihrem Unterricht zu überdenken.

Eigenständige Handlungsfähigkeit
Gestaltungsfähige Menschen erkennen im eigenen Leben Gestaltungs- und Handlungsspielräume, nutzen diese gezielt aus und fordern fehlende Spielräume ein. Sie stimmen die eigenen «Spielräume» mit denjenigen der anderen ab und verstehen Gestaltungsprozesse auch als Problemlöseprozesse.

Leitfragen:

  • Von welchem Verständnis von «Gestaltungsfähigkeit» gehe ich aus?
  • Verstehe ich die Entwicklung von «Gestaltungsfähigkeit» als fachbereichsübergreifendes Anliegen?
  • Biete ich meinen Schülerinnen und Schülern im Unterricht Handlungsspielräume an?
  • Rege ich meine Schülerinnen und Schüler zum eigenen Gestalten an?
  • Ermuntere ich sie zum Gestalten und Umgestalten vorhandener Formen von Objekten, Strukturen, Prozessen und Gedanken?
  • Erleben meine Schülerinnen und Schüler in meinem Unterricht ihre Gestaltungskompetenz. Verschaffe ich meinen Schülerinnen und Schülern «Ich kann das»-Erlebnisse?
  • Überdenken wir gemeinsam Gestaltungsprozesse?
  • Könnten meine Schülerinnen und Schüler fehlende Handlungs- und Gestaltungsspielräume in meinem Unterricht/an unserer Schule einfordern?

Beziehungs- und Kooperationsfähigkeit
Gestaltungskompetente Menschen gestalten ihre Beziehungen zu anderen Menschen. Sie gestalten und entwickeln das Zusammenleben und -arbeiten mit anderen bewusst. Dabei nehmen sie Gestaltungen und Gestaltungsformen anderer Menschen auch aus anderen Kulturen wahr, erkennen Unterschiede und Gemeinsamkeiten und zeigen Wertschätzung und Toleranz gegenüber anderen Ausdrucksformen.

Leitfragen:

  • Erhalten meine Schülerinnen und Schüler Begleitung und Unterstützung in der Gestaltung ihrer Lern- und Arbeitsbeziehungen?
  • Lernen sie in meinem Unterricht, Konflikte anzusprechen und zu bearbeiten?
  • Reflektieren wir Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Gestaltungsprodukten und Gestaltungsprozessen?
  • Entwickeln meine Schülerinnen und Schüler Verständnis und Toleranz gegenüber fremden Ausdrucks- und Gestaltungsformen?

Anwendung von Kommunikationsmitteln
Gestaltungskompetente Menschen setzen Sprache, Bilder und Symbole als gestaltbare Kommunikationsmittel ein. Sie erkennen und nutzen die Gestaltungs-/Handlungsspielräume im Umgang mit Wissen/Informationen und den entsprechenden Technologien.

Leitfragen:

  • Rege ich meine Schülerinnen und Schüler dazu an, Sachverhalte, Überlegungen, Erlebnisse und Erfahrungen in ihrer eigenen Sprache zu formulieren, ihren Vorstellungen Bilder zu geben?
  • Unterstütze ich meine Schülerinnen und Schüler im (Weiter-)Entwickeln in der interaktiven Nutzung von verschiedenen Medien?

Beim Nachdenken über Ihren Unterricht haben Sie – wie wir beim Verfassen dieses Beitrages – vielleicht festgestellt, dass die «Gestaltungsfähigkeit» eine Schlüsselkompetenz ist, die in sehr vielen Unterrichtssituationen entwickelt werden kann. Vielleicht stellen Sie sich deshalb in Zukunft vermehrt die nachfolgende Frage:

Regt mein Unterricht an zum Gestalten von …
… Alltag – Arbeit – Beziehungen – Bildern – Chancen – Chaos – Dankeschöns – Darbietungen – Einladungen – Effekten – Freundschaften – Frisuren – Gärten – Geburtstagen – Identitäten – Leben – Musikstücken – Nachfolgeregelungen – Pausen – …  – von Zukunft?

Hans Jensen und Mario Somazzi

Lesen Sie auf Seite 6 den Folgebeitrag: «Ich kann …, Der KompetenzRaster technisches und textiles Gestalten als Hilfe in der Selbst- und Fremdeinschätzung von Kompetenzen im technischen und textilen Gestalten».

*Projekt «Definition and Selection of Competencies – DeSeCo» der OECD 2003: www.oecd.org/edu/statistics/deseco | www.deseco.admin.ch

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