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Gestaltungskompetenz in selbstständigen Arbeiten fördern

Schülerinnen und Schüler lernen, gezielt eigene Vorhaben zu planen, zu realisieren, zu dokumentieren und zu präsentieren. Das erfordert unterschiedliche (Gestaltungs-)Kompetenzen ... unter anderem auch im Umgang mit Freiräumen und Grenzen.

Als Lehrerinnen und Lehrer befinden wir uns beim Initiieren und Begleiten solcher Arbeiten immer im Spannungsfeld zwischen der Ermutigung zur Autonomie und der Aufforderung, Abmachungen und Vorgaben einzuhalten.

Eine doppelte Zielsetzung – ein Zielkonflikt?
Einerseits ermutigen wir zur Selbst- und Eigenständigkeit und dazu, den verfügbaren Freiraum zu nutzen. Andererseits wollen wir auch, dass die Jugendlichen lernen, sich an Abmachungen und Vorgaben zu halten. Ein Zielkonflikt! Zusammen mit den Jugendlichen müssen Regeln definiert werden – und es gilt, Massnahmen zu deren Einhaltung zu suchen.?

Wagen wir einen Vergleich: «Aus der Tierverhaltensforschung wird berichtet, dass sich Fohlen auf der Weide weiter von ihren Müttern entfernen, wenn sie die Koppelgrenze sehen. Auf scheinbar unbegrenzten Weiden bleiben sie näher bei den Stuten, als ob ihnen die grenzenlose Freiheit Angst einflösste. Vielleicht verhält sich dies bei uns Menschen ähnlich.»

So steht es im pädagogischen Konzept zu «Projekte und selbstständige Arbeiten». Heute neigen wir dazu, das «Vielleicht» wegzulassen und unsere These noch prägnanter zu formulieren: Wir plädieren dafür, den Jugendlichen für die Planung, Durchführung und Auswertung von grösseren selbstständigen Arbeiten klarere Grenzen zu setzen.

Dabei verstehen wir «Grenzen» im Sinne von definierten Rahmenbedingungen, von Abmachungen und Vereinbarungen.

Grenzen werden zuweilen als Schranken erlebt. Bei den einen lassen sie eventuell Kräfte wachsen zum Durchbrechen dieser Schranken, zum Überwinden der Grenzen. Andere treiben sie in die Flucht nach innen, schwächen deren Kräfte und führen zur Resignation.

Aber in klaren Einschränkungen liegen auch Chancen: Wer die Grenzen kennt, kann seine ganze Aufmerksamkeit und Energie auf den verbleibenden Freiraum konzentrieren. Der Blick wird fokussiert auf das Ausloten des Möglichen, die Gestaltungskraft wird auf das Machbare gerichtet.

Im Lehrplan des Kantons Bern steht ein verbindlicher Auftrag. Dieser steckt das erste, noch sehr weite Gestaltungsfeld ab:

«Die Schülerinnen und Schüler planen und realisieren im Verlauf der Sekundarstufe I eine grössere selbstständige Arbeit. Dabei sollen auch Verbindungen zu anderen Fächern hergestellt werden.» (NMM, S.?6).Vorerst werden mit diesem Auftrag die Lehrerinnen und Lehrer bzw. das Kollegium einer Schule in die Pflicht genommen, gilt es doch in einem ers­ten Schritt genauer festzulegen, was unter einer selbstständigen Arbeit zu verstehen ist: Ist es eine Textarbeit verbunden mit einem Recherchierauftrag, oder kann es ein selbst hergestellter Gegenstand mit dazugehöriger Dokumentation sein? Oder liegt auch die Organisation eines Anlasses drin, oder darf gar experimentiert und fantasiert werden?

Es gilt also, das Aktionsfeld für die selbstständige Arbeit der Schülerinnen und Schüler abzustecken. Dabei wird die Machbarkeit ein wichtiges Eingrenzungskriterium sein: Welcher Zeitraum steht uns zur Verfügung? Wie lässt sich eine solche Arbeit mit unseren Ressourcen realisieren?

Die Grundfrage lautet: «Was können oder wollen wir unseren Schülerinnen und Schülern, aber auch uns selbst zumuten? Was trauen wir ihnen und uns zu?» Diese Doppelfrage beeinflusst das Unterrichtskonzept und damit die Attraktivität des Aktionsfeldes, in dem die Jugendlichen Gelegenheit haben, ihre Selbstständigkeit und Gestaltungsfähigkeit zu entwickeln.

Unsere Erfahrungen weisen auf zwei Grundmuster hin:

  • Die einen Jugendlichen neigen dazu, die Grenzen auszuweiten. Sie haben Mühe, das Wünschbare mit dem Machbaren in Einklang zu bringen. Sollen wir die Schranken enger setzen, sie «bremsen» und unsere Erfahrung einbringen, um sie vor dem «Absturz» oder dem Sich-Verlieren zu schützen?
  • Andere haben die Tendenz, die Freiräume kaum wahrzunehmen; sie orientieren sich vor allem an den Grenzen. Sollen wir sie ermutigen, die Freiräume besser zu nutzen und neue Erfahrungen zu wagen?

In beiden Fällen besteht die Herausforderung darin, ein Vorhaben zu finden, mit dem sich die Lernenden identifizieren können, das aber auch machbar erscheint. Anschliessend unterstützen wir die Lernenden, klare und starke innere Bilder vom anvisierten Projektziel zu entwickeln. Diese helfen den Schülerinnen und Schülern, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.

Doch das wirklich Entscheidende, Schwierige sind die kleinen und kleinsten Schritte auf dem Weg zum Ziel. Immer wieder stellt sich die Frage: «Wie sieht mein nächs­ter Schritt aus?»

Das fällt manchmal leicht und macht Spass. Manchmal braucht es Überwindung und Selbstdisziplin.

Ob den Lernenden dabei auch bewusst geworden ist, dass Gestalten immer etwas zu tun hat mit Prüfen, Abwägen, Entscheiden und Sich-Festlegen? Jeder Entscheid bringt sie einen Schritt weiter ... und verschliesst gleichzeitig andere Optionen: Eine Erkenntnis mit manchmal bitterem Beigeschmack.

Fazit: Am Schluss überwiegt bei den meisten Jugendlichen das Positive. Sie haben zwar erfahren, dass es grenzenlose Freiheit nicht gibt – wohl zum Glück nicht gibt! Doch sie haben sich entschieden für ihr eigenes Vorhaben mit dem «Ich will es!», und sie haben erlebt: «Ich kann es!». Sie haben ihr Werk gestaltet, und sie haben sich selbst gestärkt.

Lehrerinnen und Lehrer, die Jugendliche auf dem Weg zu mehr Selbstständigkeit begleiten, setzen Grenzen, um Freiräume zu eröffnen. Grenzen, welche die Jugendlichen akzeptieren, und Freiräume, denen sie gewachsen sind und die sie gestalten können. Dies ist und bleibt für alle eine nicht zu unterschätzende Herausforderung.

Charly von Graffenried und Hans Müller?*

*?Die Autoren haben während mehrerer Jahre zusammen mit Jugendlichen eine Arbeitshilfe zum Thema «Selbstständige Arbeit» entwickelt und sind – zum Teil – zu überraschenden Erkenntnissen gekommen.

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