farbwelt

«Ich» steckt im Gedicht

ist seit 30 Jahren als Primarlehrer tätig. Er unterrichtet an der Mittelstufe in Gümligen.Schülerinnen und Schüler einer 6. Klasse in Gümligen lassen sich durch persönliche Erfahrungen und Eindrücke inspirieren und gestalten ein eigenes Stimmungsgedicht.

Es ist ein sonniger Herbsttag. Die Schülerinnen und Schüler sitzen im Wald, ein Protokollblatt auf den Knien. Vorerst braucht es zwar Zeit und Geduld, bis alle in der richtigen Stimmung sind – Spaziergängerinnen mit Hunden, Reiter auf Pferden und eine Gruppe kleiner Kinder lenken ab; und es ist verlockend, dem Bewegungsdrang im herbstlichen Wald nachzugeben. Doch die Regeln sind besprochen: Jede Schülerin und jeder Schüler sucht sich alleine einen geeigneten Platz, bleibt dort 20 Minuten ruhig sitzen, nimmt mit allen Sinnen die Umgebung auf und füllt das Protokollblatt mit den vielfältigen «Wald-Eindrücken» aus.

Bleibe 20 Minuten ruhig an deinem Ort sitzen und konzentriere dich nur auf deine Umgebung. Höre, spüre, sieh und rieche. Du kannst dazwischen auch die Augen schliessen. Schreibe in Stichworten deine Beobachtungen und Eindrücke und auch deine Gedanken und Gefühle auf.

  • Was rieche ich? (in der Luft, Dinge, Lebewesen?…)
  • Was spüre ich? (z.?B. im Gesicht, mit den Händen, mit den Füssen, am Körper?...)
  • Was sehe ich? (z.?B. Dinge, Lebewesen, Bewegungen, Landschaften?...)
  • Was höre ich? (z.?B. Geräusche, Töne, Stimmen, Herzklopfen?...)
  • Wie fühle ich mich an diesem Ort? Was geht mir hier durch den Kopf?
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Nicht alle Schulhäuser liegen in der Nähe eines Waldes. Warum also nicht ein Gedicht gestalten über die Stimmung an einem Regen- oder Nebeltag, den Betrieb auf dem Pausenplatz, den Lärm am Bahnhof oder den Verkehr an einer Kreuzung?

Am nächsten Tag werden im Schulzimmer die Notizen zusammengetragen – das «Rohmaterial» liegt bereit. Und mit Hilfe der folgenden Anleitung beginnen die Schülerinnen und Schüler, das eigene Gedicht zu gestalten:

-?Wähle wichtige Beobachtungen und Eindrücke, die du im Gedicht verarbeiten willst. Markiere sie.

  • Schreibe zu jeder Markierung eine Zeile. Probiere aus, ob ein Wort, ein Satzteil oder ein ganzer Satz besser passt.

  • Schreibe in einer bis drei Zeilen eine Einleitung. Darin kannst du z.?B. folgende Fragen beantworten: Wo bist du? Was machst du? Was denkst du?

  • Ordne deine Zeilen in einer geeigneten Reihenfolge (z.?B. nach Hören, Spüren?... oder nach einzelnen Wörtern, Satzteilen, ganzen Sätzen oder nach Inhalt).

  • Setze einen Titel. Es kann auch eine Zeile aus deinem Gedicht sein.

  • Überlege, ob es passend ist, den Beginn deines Gedichtes am Schluss zu wiederholen.

  • Schliesse dein Gedicht ab. Du kannst eigene Gedanken oder Gefühle erwähnen oder schreiben, was du machst.
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Die Gedichte werden nach der Reinschrift gelesen und besprochen und dann auf selbst gestalteten Postkarten verschenkt. Zudem erscheinen sie jeweils auf den Wochenplan-Blättern. Auch die Gestaltung eines Kalenders oder die Ausstellung im Schulhaus werden diskutiert.

Hans-Joachim Gelberg schreibt in seinem «Grossen Ozean»:
«Wie aber entstehen Gedichte? Gedichte werden gedacht, gemacht, geformt, bis etwas entsteht und mit eigener Stimme spricht. Ein ganzes Leben gehört dazu. Und vielfältig, wohl grenzenlos ist der Ozean der Sprache. Buchstaben, Wörter, Sätze, Verse: Sinn und Unsinn, Gedichte spielen mit der Sprache. Jeder kann mitspielen.»

Weitere Anregungen werden sich im Lehrmittel «Sprachland» finden, das ab ca. Juni 2009 erhältlich sein wird. Siehe auch www.sprachland.ch (ab Anfang Mai 2008).

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