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In Aussenräumen Zeichen setzen

ist Primarlehrer an einer 3. bis 4. Klasse, Ornithologe, Biogärtner, Naturgartenfachmann und Wildstaudenspezalist. Als Berater für Gemüse-, Zier- und Naturgarten arbeitet er für BIOTERRA Schweiz.Natur mitgestalten, um Zusammenhänge zu erkennen; Natur begreifen, um sie lieben zu lernen. Im kindlichen Spiel kann der Keim gelegt werden zu Naturschutz und nachhaltiger Bewirtschaftung.

Die Schulanlage Bätterkinden verfügt über einen Naturgarten und einen Naturspielplatz. Der Naturgarten ist ein reich strukturiertes Schutzgebiet. Dessen Pflege soll möglichst den Bedürfnissen der Natur folgen. Auf dem Naturspielplatz gelten weniger strenge Regeln. Hier können die Kinder sich in Tuchfühlung mit der Natur austoben. Lehrer Hans Peter Althaus hat am frühen Morgen die Hecke auf dem Naturspielplatz massiv ausgelichtet. «Brutal, wie der die Bäume geschnitten hat!», meint eine 7.-Klässlerin. «Nur vom Tierlibaum hat er leider keine Äste geschnitten; das hätte das Ernten leichter gemacht!», stellen die Knaben der 3. Klasse fest. Ruten und Äste liegen jetzt zuhauf herum. «Fechten oder fischen?», fragen sich die Kinder. «Oder doch lieber eine Hütte bauen?» «Kommt, wir bauen eine Abgrenzung für unsere Hexen-WG», fordert eine 4.-Klässlerin ihre Kameradinnen auf. Nischen schaffen, Wohnungen bauen entspricht einem menschlichen Urbedürfnis. So richten sich auch die 4.-Klässler von Hans Peter Althaus an ihrem Beobachtungsplatz erst einmal wohnlich ein. Hier werden sie im Verlauf des Jahres Langzeitbeobachtungen anstellen, in den Veränderungen die Zusammenhänge wahrnehmen und festhalten. Bewusster als etwa beim Spielen im Wald treten sie hier in einen angeleiteten Dialog mit der Natur. Sie können zum Beispiel beobachten, wie sich ihr Spielen und Gestalten auf die tierischen und pflanzlichen Mitbewohner auswirkt. Die enorme Anpassungsfähigkeit der Natur, die auf Eingriffe immer wieder vital reagiert, wird im Kleinen sichtbar. Im Klassengespräch kann die Thematik ausgeweitet werden. Seit Urzeiten hat der Mensch die Landschaft seinen Bedürfnissen entsprechend verändert und dabei Kulturlandschaften gestaltet. Diese Eingriffe führten einerseits zur Bedrohung und Verdrängung der Tiere und Pflanzen. Andererseits entstanden so auch neue Nischen und Lebensräume. Die Grenzen zwischen Zerstörung und gleichzeitiger Neugestaltung sind fliessend, auf dem Naturspielplatz und in der modernen Zivilisation. So sieht Hans Peter Althaus vielfältige Möglichkeiten, wie im kindlichen Spiel Wissen über Zusammenhänge in der Natur und Verantwortung gegenüber der Umwelt aufgebaut werden können.

Identifikationspunkte im Aussenraum
Im urbanen Siedlungsraum werden Baum­schnitt«abfälle» energie­fressend gehäckselt. Auf dem Na­­tur­­spielplatz ist Holz in Form von Zwei­gen, Ästen, Ru­ten und Stämmchen ein unerschöpfliches und billiges Werkmaterial, welches das ganze Jahr hindurch anfällt. Astholz bietet über alle Stufen hinweg viele Gestaltungsmöglichkeiten. Mit dem Heckenschnitt vom morgen bauen die 4.-Klässler einen Flechtzaun, einen Asthaufen und zwischen Eichenpfos­ten ein «Ast-Mehrfamilienhaus», bei dem sie die Äste durch Hopsen und Stampfen stark verdichten. Im Bildnerischen Gestalten schaffen sie mit den Ästen Raumelemente, die eine Weile bestehen sollen. Sie werden sich verändern und beleben. Für die Kinder sind sie ein Identifikationspunkt im Aussenraum. Während des Arbeitens kommen verschiedene Diskussionen in Gang: über die Schönheit des Werkes wird gesprochen, über die zukünftigen tierischen Mieter, aber auch über Arbeitsverteilung und Schutz gegen Vandalen.

Artenkenntnisse können aufgebaut werden
Auf der Unterstufe kann das Erschaffen von Zwergenhäuschen und Laubhütten aus Astholz zu vielseitigem Kontakt mit Bodentieren und Astbewohnern führen. Auf der Mittelstufe dürfen die Äste dicker sein – es kommen auch Baumschere und Säge zum Einsatz. Unterschiedlich geschichtete Asthaufen werden errichtet, aus totem wie lebendigem Holz Häuser und Hütten gebaut. Auch einfache Tierbehausungen wie Wildbienenhölzer und Nistkasten entstehen. Dabei werden Artenkenntnisse aufgebaut und Lebensräume unter die Lupe genommen. Auf der Oberstu­fe erhält neben dem Aspekt der Raum­gestaltung auch die technische Nut­zung von Holz eine Bedeutung. Bachverbauung, Hangstabilisierung und Wegsanierungen sind mögliche Themen. Ein «Wildbienenhotel» aus gebohrten Hölzern, «Loch-Lehm», hohlen Stängeln, Ziegelsteinen und anderen porösen Naturmaterialien entsteht. Je älter die Schülerinnen und Schüler sind, desto mehr werden sie in die Planung einbezogen. Schulen, die im Aussenraum Projekte verwirklichen wollen, stossen meist auf grossen Goodwill. Dieser ist umso grösser, je mehr die Schülerinnen und Schüler in Abklärungen und Vorbereitungen eingebunden sind. Bei solchen Unternehmungen sind auch Szenarien für mögliche Zwischenfälle, die Nachbetreuung und eventuelle Entsorgung zu diskutieren und zu regeln.

Gestalten in und mit der Natur hinterlässt Spuren. Schon mit einem einfachen Asthaufen «verewigen» sich Schüler auf dem Schulhausareal. Wird dieser Haufen immer wieder genährt, kann später in der untersten Schicht des Haufens Blumentopferde für die Schulzimmerpflanzen gewonnen werden. So sind ehemalige und jetzige Schülerinnen und Schüler mit einem unsichtbaren Band verbunden. Ähnlich ist es mit den Apfelbäumen auf dem Schulareal. Aus den vor 20 Jah­ren weggeworfenen Apfelkerngehäusen sind Apfelbäume gewachsen, deren Äpfel heute die Kinder erfreuen. Das ermuntert sie, ihre Apfelüberreste auch in der Natur zu deponieren.

Konsequenzen des eigenen Gestaltens
Der Naturspielplatz bietet den Schülerinnen und Schülern Möglichkeiten, die Konsequenzen des eigenen Gestaltens im lebendigen Raum zu erleben. Dabei lernen sie die Natur kennen, erfahren und diskutieren Zu­sammenhänge und bauen ein Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Umwelt auf. Ihr Tun entfaltet seine Wirkung, sie hinterlassen Spuren auf dem Schulgelände. Die Schülerinnen und Schüler setzen Zeichen im Aussenraum und werden dabei in ihrer Haltung nachhaltig geprägt.

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