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Wie der Erdbeermarmeladenkopf zu Sprache kommt

Wie selbst erfundene und selbst gestaltete Figuren die Sprachfähigkeit fördern, zeigt das Gestaltungsprojekt zu fantastischer Literatur von Bänz Huber an der Sekundarstufe in Gümligen.

In der Klasse 7a in Gümligen begrüsst uns nicht nur Nicolas, sondern auch ein seltsames Wesen auf seinem Pult: der Erdbeermarmeladenkopf. Er ist im Kopf von Nicolas entstanden, als sich die Klasse im Deutschunterricht mit fantastischer Lektüre beschäftigte.

Nicolas weiss noch gut, wie er versuchte, sich beim Lesen die magischen Wesen vorzustellen. Unter Anleitung von Bänz Huber, dem Lehrer für Deutsch und Bildnerisches Gestalten, stellte sich jede Schülerin und jeder Schüler ein magisches Wesen vor und fing an, sich dieses nach eigenen Ideen auszudenken. Nicolas erinnert sich, dass sein Geschöpf die Geschichte des Buches verliess und ein Eigenleben begann.

Mithilfe einer Mind-Map erfanden die Schülerinnen und Schüler für ihre magischen Wesen Eigenschaften, eine Lebensgeschichte und später dann auch noch die Beziehungen zu andern Wesen.

Im Bildnerischen Gestalten erhielten die Schülerinnen und Schüler Materialien, mit denen sie ihre magischen Figuren gestalten konnten. Grundlage für alle waren Zündholzschachteln. Nicolas erzählt: «Wir mussten rasch arbeiten, das regte irgendwie die Phantasie an. Ich weiss nicht mehr, ob ich dem Erdbeermarmeladenkopf so grosse Augen machen wollte oder ob ich plötzlich einfach die Glasknöpfe entdeckte, die auf dem Tisch lagen. Was ich aber sicher wusste, war, dass der Erdbeermarmeladenkopf zerzaustes Haar haben musste. Das gefällt mir noch heute an ihm! Nun mussten wir den andern unsere Figur vorstellen. Wir referierten über ihre Eigenschaften und ihre Besonderheiten. Es machte Spass, all die verrückten Wesen zu sehen und von ihren Besonderheiten zu hören.»

Nun sollte der Erdbeermarmeladenkopf einer anderen Figur begegnen, dem Blaumann Punk. Zusammen mit Luca, dem Erfinder von Blaumann Punk, dachte sich Nicolas einen Dialog aus, den sie der Klasse vorspielten.

Unterrichtsvorschläge für den Umgang mit fantastischer Jugendliteratur finden sich in «Lesewelten», Themenpaket 4.

Zusammenspiel von Sprachfähigkeiten und Gestaltungsfähigkeiten haben wir Bänz Huber befragt. Er unterrichtet Bildnerisches und Technisches Gestalten sowie Deutsch an der Sekundarstufe der Schule Moos in Gümligen.?

Bänz Huber, wenn du jetzt auf das Projekt mit den magischen Figuren zurückblickst, welche Fähigkeiten waren da besonders gefragt?

Da ist schon mal das Auswählen aus verschiedenen Varianten: Wie stelle ich mir die Figur wirklich vor? Beim Lesen muss man sich ja nicht immer auf eine bestimmte Vorstellung festlegen. Will man sich jedoch die Figur genau ausdenken, entscheidet man sich für eine von den verschiedenen denkbaren Möglichkeiten. Bei jeder neuen Eigenschaft wählt man wieder aus einer Palette von Möglichkeiten aus und erfindet sich so allmählich die Figur. Während des Gestaltens mit dem Material müssen die Schülerinnen und Schüler flexibel sein können: Vielleicht fehlt das ideale Material zur Verwirklichung der eigenen Vorstellung; dafür löst unerwartetes Material, zum Beispiel ein Wollknäuel, eine neue Idee für die Gestaltung der Figur aus.

Flexibilität ist auch wieder gefragt, wenn die Schülerinnen und Schüler der Klasse ihre Figur ausführlich vorstellen. Es kann sein, dass jemand aus der Klasse Auskunft über eine Eigenschaft der Figur haben will, die man sich noch nicht ausgedacht hat. Da gilt es, rasch etwas zu erfinden und spontan darüber zu sprechen. Eine Herausforderung für die Schülerinnen und Schüler ist es auch, der eigenen Erfindung treu zu bleiben, zum Beispiel im Rollenspiel. Der Stielaugenfritz mit dem breiten Grinsen hat Humor und ist für Spässe aufgelegt, das muss sich auch in der Wortwahl und in den Formulierungen zeigen. Das ist dann Thema der Nachbesprechung in der Klasse, dort listen wir Ausdrücke auf, in denen sich der Humor des Stielaugenfritz zeigt. Oder wir suchen nach weiteren Ausdrücken, die zum Witz des Stielaugenfritz passen würden.

Was bringt es für die Sprachfähigkeiten der Schülerinnen und Schüler, wenn sie mit selbst erfundenen und selbst gestalteten Figuren spielen?

Schon beim Erfinden der Figur be­-ginnt der Prozess der Identifikation mit der eigenen Vorstellung. Beim Gestalten setzt sich dieser fort. Identifikation ist wichtig für die Entwicklung der Sprachfähigkeiten, das zeigt sich beim Ausdenken der Dialoge zwischen den selbst erfundenen Figuren. Wenn sich die Jugendlichen mit den Figuren identifizieren, werden die Dialoge sprachlich differenziert und reich, auch bei schwächeren Schülerinnen und Schülern. Beim Spielen schafft die Figur eine Distanz zur eigenen Person. Die Spannung zwischen der Identifikation mit der Figur und der Distanz zu sich selbst ist für Schülerinnen und Schüler der Oberstufe wichtig. Es entstehen dadurch gute sprachliche, stimmliche und szenische Ausdrucksmöglichkeiten.

Du legst Wert auf die gemeinsame Reflexion der Gestaltungsprozesse und der Gestaltungsprodukte. Was ist daran so wichtig?

Einerseits fördert es die eigene Vorstellungskraft. Eine Schülerin stellt zum Beispiel ihre Figur vor und löst die Diskussion aus, ob eine so gut und edel gekleidete Figur knauserig sein kann. Da ist es wichtig, dass die Schülerin ihre Figur verteidigen kann, indem sie Beispiele und Gründe für die Verbindung von deren Aussehen und Charakter liefert.

Andererseits erweitern die Gespräche in der Klasse auch den Horizont, indem die Schülerinnen und Schüler sich kritisch mit andern Ausgestaltungen von Vorstellungen beschäftigen. Die Reflexion trägt auch wieder zur Entwicklung der Vorstellungskraft und des sprachlichen Ausdrucks bei.

Sprachliche Gestaltungsfähigkeit heisst ja auch, sich vielfältig ausdrücken können. Was kannst du dazu beitragen?

Ich kann Material zur Verfügung stellen, das ermöglicht, Vorstellungen zu konkretisieren, zum Beispiel beim literarischen Lesen. Dann unterstütze ich die Schülerinnen und Schüler, über ihre Vorstellungen zu sprechen, auch Ideen zu begründen. Immer wieder leite ich zu Dialogen und Spielszenen mit selbst erfundenen Figuren und Rollen an. Wenn die Figuren lebendig werden, wird auch die Sprache lebendig.

Therese Grossmann

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