farbwelt

Mit den Händen denken

Ein Besuch im Atelier der Therapiestation Olvido in Spiez bietet ein­drück­liche Einblicke ins gestaltende Problemlösen von Jugendlichen. Das Gespräch mit dem Atelierleiter regt zum Weiterdenken an. Die Therapiestation Olvido gehört zur Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik Neuhaus in Ittigen, Bern. Sie ist in einer gepflegten älteren Liegenschaft in Spiez untergebracht. Im Untergeschoss befindet sich die Werkstatt, in der die Jugendlichen – nach individuellem Stundenplan – mehrere Lektionen pro Woche arbeiten. Als Erstes erhalten sie vom Atelierleiter Gerhard Stettler den Auftrag zu einer «Erfindung» (siehe Kasten). Daneben entstehen auch freie Arbeiten oder Produkte für den Verkauf, auch auf Aufträge von aussen hin.

An diesem Nachmittag treffen wir in der Werkstatt ein Mädchen und zwei Jungen an. Zusammen ziehen sie Kerzen für den Weihnachtsmarkt. Dazwischen erhalten wir Einblick in ihre laufende Arbeit. Zuerst zeigt uns Santos* seine «Erfindung». Seine sechsteilige «Somavariante» liegt im Entwurf vor. Die Teile sind noch mit Klebband fixiert. Jetzt skizziert Santos auf Trigonalpapier die Würfelzerlegung als Prozess und erstellt eine Reinzeichnung am Computer. Noch weiss er nicht, ob sein Puzzle mehrere Lösungen hat. Fatima (selber gewähltes Pseudonym) baut sich als Freiarbeit einen CD-Ständer für 500 CDs. Erste Ideenskizzen und definitive Pläne bis hin zum Farbdesign hat sie im Werktagebuch dokumentiert. Aus den Plänen errechnete Fatima die Materialbestellung. Die Arbeit ist schon weit fortgeschritten. Fatima setzt gezielt wenige Farbfelder ins schwarzweisse Karreemuster. Auch Achilles* (selber gewähltes Pseudonym) hat ein 3-D-Puzzle erfunden. Aus seinen Teilen kann man einen 43-Würfel und (auf nicht triviale Weise) ein 2?x?4?x?8-Quader bauen. Im Arbeitstagebuch und auf den Plänen ist der Erfindungsprozess nachvollziehbar. Während wir uns mit dem Puzzle abmühen, gehen Gerhard Stettler und die Jugendlichen zwischen den Zylindern mit dem flüssigen Wachs und dem Gestell, wo sie die langsam wachsenden Kerzen zum Trocknen aufhängen, hin und her. Im Atelier herrscht fast andächtige Stille.

Sich entscheiden können

Nach dem Werkstattbesuch unterhalten wir uns mit dem Atelierleiter über die Bedeutung von Gestalten und Erfinden in seiner Arbeit mit den Jugendlichen. «Eine persönliche Erfindung ausgestalten können», sagt Gerhard Stettler, «ist bei diesen Jugendlichen – und nicht nur bei ihnen – eigentlich ein Schlüssel dazu, das eigene Leben überhaupt gestalten zu können. Es geht ja nicht einfach um künstlerisches Gestalten; das Leben gestalten können heisst vor allem, sich entscheiden können. Gerade in der pubertären Ablösungs- und Abgrenzungsphase ist das von besonderer Bedeutung. Die Fähigkeit zu gestalten, muss man fördern. Am Wort ‹erfinden› gefällt mir, dass es auf einen Prozess hinweist. Unse­re Jugendlichen, die zum Teil in schweren Lebenskrisen stecken, werden durch ihre ‹Erfindungen› dazu gebracht, Neuland zu betreten. Beim Er­finden entsteht etwas Neues, auf ganz persönliche Art und Weise. Am Erfinder oder der Erfinderin liegt es, ob überhaupt etwas entsteht. Persönliches Engagement wird sichtbar. Der Erfindergeist überwindet den Irrtum und findet zu Lösungen. Zum Erfinden braucht es keinen ‹Lehrer›. Ich kann zudienen, Material besorgen, handwerklich anleiten. Wenn das Problem verstanden ist, können die Jugendlichen loslegen. Das entstehende Produkt zeigt immer, ob der Weg stimmt. Für den Misserfolg können nicht andere verantwortlich gemacht werden und der Erfolg gehört allein dem Erfinder oder der Erfinderin.»

Beispiel einer «Erfindungsaufgabe»: Nach der Begegnung mit dem Somawürfel – einem siebenteiligen 3-D-Puzzle von Piet Hein – soll eine Zerlegung des gleichen Würfels in sechs Teile entworfen und hergestellt werden. Vielleicht kommen noch Zusatzbedingungen bezüglich Form und Grösse der Teile dazu. In jedem Fall ist die Aufgabe eine neue, das entstehende Produkt also eine originale Erfindung.

Das Produkt als Spiegel meiner selbst
«Die Jugendlichen hier in der Therapiestation sind häufig auch in der Schule gescheitert», erzählt Gerhard Stettler weiter. «Und viele haben Mü­he, ihre Fähigkeiten selber einzuschätzen. Für sie ist es entscheidend, ne­u­e Zugänge auch zu ihren kognitiven Möglichkeiten zu finden. Bei der gestalterischen Lösung eines Problems findet eine Identifikation statt: ‹Das ist meine Idee.› Mein Produkt ist ein Spiegel meiner selbst. Sich in einem Produkt wiedererkennen, stärkt den Selbstwert. Einige unserer Jugendlichen leiden unter einem Realitätsverlust. Gestalten heisst, Realitäten schaffen. In der Werkstatt sind die Mädchen und Jungen in die Struktur eines Arbeitsprozesses eingebunden. Qualität ist ein wichtiges Thema – es werden ja auch Grundlagen für spätere Berufe gelegt. Es gibt eine Verpflichtung gegenüber dem Material und manchmal auch gegenüber einem Auftraggeber – dann ist die Mo­ti­vation natürlich noch grösser.»

Lehrer Stettler macht sich auch Gedanken zur Schule, im Besonderen zum Mathematikunterricht. Ihm war – in den eigenen Klassen wie auch in der Lehrer?/?-innenfortbildung – das «Be-Greifen» immer ein grosses Anliegen. Er sagt: «Es gibt mathematische In­hal­te, die lernt man nur über die Handlung wirklich verstehen. Heute nimmt uns der Computer Handlungen weg. Eine Parallelverschiebung mit Konstruktionswerkzeugen ist nicht zu ersetzen durch zwei Geraden auf dem Bildschirm. Das Machen hinterlässt im Hirn andere Spuren als das Sehen, Hö­ren oder Sprechen. Sinnvoller Mathe­ma­tikunterricht ist voller Sinne, der Tast­sinn muss inbegriffen sein.

Hilfsmittel zum Denken
Vorstellungsvermögen ist heute in der Schule eine vernachlässigte Kompe­tenz. So kommt auch der Zugang zur Mathematik über die Hände zu kurz. Dabei ist Raumorientierung nicht nur für viele Handwerker wichtig; man denke an Chirurgen, Ingenieure, Architekten. Da spielen Fäh­ig­keiten eine Rolle, die man im Schul­alter wirksam entwickeln muss. Aber ein handlungsorientierter Unterricht braucht auch entsprechende Hilfsmittel. Hilfsmittel zum Denken sollten von Mathematikern, Handwer­kern und Hirn­sachverständigen gemeinsam ent­wickelt werden.» An dieser Stelle er­innert Gerhard Stettler daran, dass zum Beispiel Maria Montessori Ärztin war. Dass mit der zunehmenden Akademisierung der Lehrer?/?-innen­aus- und Weiterbildung beim «Denken mit den Händen» gespart wird, bedauert er. Auch dass die Weiterentwicklung des Schulfaches Mathematik im engen Kreis von Sachverständigen geschieht. «Das führt zu einer einseitigen Sicht, zu einer Methoden- und Haltungseinfalt. Fachversager in die Fachentwicklung einzubeziehen, könnte das Fach vielfältiger machen.»

Wie er auf seinen Ansatz des gestaltenden Problemlösens gekommen sei, wollen wir wissen. Gerhard Stettler erinnert sich unter anderem an einen Kurs beim deutschen Mathematikdidaktiker Bernd Wollring: «Wollring hat darauf hingewiesen, dass es von allem Anfang an wichtig ist, sich mit zwei Arten von Mathematik zu befassen. Zum einen geht es um Dinge, die schon gedacht worden sind; diese sind zum Nach-Denken. Aber Kinder sollen im Mathematikunterricht auch Sachen betreiben, die noch nicht gedacht worden sind. So werden sie zu Erfindern und Erfinderinnen.»

Werner Jundt

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