farbwelt

Von dem, was hängen bleibt

Ein Vater und eine Tochter, die vom gleichen Lehrer unterrichtet wurden, blicken zurück und gehen der Frage nach, was vom Unterricht von damals noch erzählenswert ist.

Auf dem Weg zu einem meiner ehemaligen Schüler hing ich den Gedanken nach. Verabredet hatten wir uns, um über «damals» zu reden, insbesondere über «das, was hängen geblieben war». Was würde kommen? Natürlich hatte ich so meine Erwartungen. Sicher «Club of Rome: Grenzen des Wachstums». Das hatte sich auch bei mir eingeprägt. Aber warum eigentlich?

Wenig später sitze ich mit Roland Näf in dessen Arbeitszimmer, zugegen ist auch Rolands Tochter Iris. Ich war der Lehrer von beiden. Heute ist Roland selber Sekundarlehrer, Schulleitungsmitglied und ein engagierter Bildungspolitiker im Berner Kantonsparlament. Iris besucht das Gymnasium. Die beiden haben sich bereit erklärt, mit mir der Frage nachzugehen, was sich aus dem damaligen Unterricht als nachhaltig erwiesen hat.

Ich habe richtig vermutet: Nach wenigen Minuten kommt Roland auf den «Club of Rome» zu sprechen. Aber nicht aus den Gründen, die mich damals – 1972 – veranlassten, das offizielle Mathematiklehrmittel für ein Quartal in die Ecke zu stellen und anhand des Berichts des Club of Rome zu unterrichten. Natürlich fesselte auch mich der Inhalt, spürte ich die Dringlichkeit dieses Manifests. Aber zum Leitfaden meines Mathematikunterrichts wurde das Buch «Grenzen des Wachstums» durch seine Grafiken und die in ihnen ausgedrückten komplexen Zusammenhänge. Ich wollte meine Schülerinnen und Schüler in funktionalem Denken ausbilden, und die damaligen Lehrmittel boten keine Hilfen dazu.

Aber Roland steigt anders ins Thema ein. «Ein positives Erlebnis: Gruppenarbeiten – du warst der Erste, der uns intensiv in Gruppen arbeiten liess. Das Thema ‹Club of Rome› – das habe ich nie vergessen, das hat mich wohl auch geprägt, bis heute noch, auch politisch, in Sachen Ökologie. Wir haben in Gruppen diskutiert und – interessant – ich weiss noch genau, in welchem Raum das war, im neu eingerichteten ‹Zwischenbau›, ich sehe das noch genau vor mir.»

«Wehre dich für deine Meinung!»

Wie präzis die Situation von damals noch präsent ist, zeigt die Schilderung einer Episode aus einer Diskussion, als ob’s gestern gewesen wäre. «Ich war damals mit Renate in der Gruppe – erinnerst du dich? – eine eher scheue Schülerin. Wir waren unterschiedlicher Meinung, und ich – wie ich damals war – habe sie wohl ziemlich überfahren. Du hast eine Weile zugehört und dich dann eingeschaltet. ‹Stopp›, hast du gesagt, ‹Renate, lass dich nicht einfach überreden, wehre dich für deine Meinung›. Ich habe das damals positiv verstanden, so im Sinne: Ich muss aufpassen, dass die anderen auch mal drankommen.»

Auch Iris erinnert sich nicht primär an die Inhalte. «Die schönen Räume. Die Wochenplanarbeiten in der Gruppenarbeitszone habe ich in guter Erinnerung. Die Math habe ich als gemütlich empfunden, ohne Stress.»

Nach Inhalten zu fragen, merke ich bald, ist wenig aufschlussreich. Als Schülerin ist Iris ja noch mittendrin. Bei Roland wird’s spannender. Er erinnert sich zum Beispiel noch genau an eine Denksportaufgabe. «An einer Weggabelung geht der eine Weg zu den Guten, der andere zu den Bösen, du hast damals von ‹Menschenfressern› gesprochen, die stets lügen, während die Guten stets die Wahrheit sagen. Da steht einer, von dem man nicht weiss, auf welche Seite er gehört, und man soll mit einer einzigen Frage herausbekommen, welches der gute Weg ist. – Du hast uns auch Strategien gezeigt, wie man solche Aufgaben lösen kann, grafisch zum Beispiel, ich erinnere mich an ein Schema mit Ja/Nein. Du kamst immer mit Denkaufgaben. Das lag mir und ich beschäftige mich auch heute noch gerne mit Math. Die Problemstellungen, mit denen mein Sohn kommt, interessieren mich, obgleich ich in eine andere Richtung studiert habe.»

Immer bestärken, immer bestärken!

Und andere Fächer? Roland erinnert sich an eine eindrückliche Erfahrung im Zeichnen. «Wir sassen am Bahnhof und mussten das alte Stellwerkhäuschen abzeichnen. Ich war nie stark im Zeichnen, machte auch nicht freiwillig einen Strich zu viel. Da hast du einmal zu mir gesagt, das sei jetzt wirklich gut. Das eine Kompliment hat genügt, dass ich mich wieder stärker bemühte im Zeichnen. Das weiss ich noch und das hat vermutlich Auswirkungen auf meine eigene Unterrichtsphilosophie: Immer bestärken, immer bestärken.» Hier kann Iris anhängen. Obgleich eine begnadete Zeichnerin, war auch sie auf Lob angewiesen. «Wenn du gesagt hast, es sei gut, dann wusste ich, dass es wirklich gut war.» Und sie erinnert sich noch an bestimmte Arbeiten, die auch ich noch vor mir sehe, die Flamingos zum Beispiel oder die Stadt, eine Schneide-/Falt-Arbeit, die Iris noch mit einer Beleuchtung ausgestattet hatte.

«Du hast mir meinen Weg zu lernen gelassen.»

Ob nicht auch Negatives hängen geblieben sei, will ich wissen. «Ich war ja kein einfacher Junge und eckte bisweilen auch an. Einmal fühlte ich mich wirklich ungerecht behandelt. Wegen einer Bemerkung im Zeugnis, die du mitverantwortet hast. Mir wurde vorgeworfen, dass ich Kameraden in der Klasse plage. Nach meiner Wahrnehmung agierten die anderen halt ‹hinten herum›. Eine andere, nicht eigentlich negative Erinnerung, die aber auch mit meiner damaligen, etwas chaotischen Art zu tun hat: Ich habe mich konstant geweigert, ein Mathheft zu führen. Anfänglich versuchtest du, mich zu überzeugen, dann hast du es bleiben lassen. Du hast mir meinen Weg zu lernen gelassen. Während die anderen eine Theorie lernten, die sie dann zur Verfügung hatten, war ich immer darauf angewiesen, Lösungen aus dem Zusammenhang abzuleiten. Das ist mir geblieben, meine ‹Faulheit› zwang mich, kreativer zu sein. Heute würde man das einem Schüler wohl nicht mehr erlauben.»

Was ist hängen geblieben? – Emotionen.

«Was ist hängen geblieben?» ist nur die eine Frage, die rückwärts gewandte. Wichtiger ist die Anschlussfrage, vielleicht, weil sie pädagogisches und didaktisches Potenzial aufweist: «Warum sind bestimmte Erlebnisse und Erfahrungen, vielleicht auch Lerninhalte hängen geblieben?» – «Weil es Erfolgserlebnisse sind», sagt Iris, «spezielle, herausragende Unterrichtssituationen; und Sachen, die man immer wieder brauchte.» Roland zieht ein klares Fazit: «Alle Sachen, über die wir jetzt gesprochen haben, haben ganz klar mit Emotionen zu tun, mit – meistens positiven – Gefühlen.»

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