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Ein Fall für Frau König

Wer etwas noch nicht so gut kann, geht zu Frau König. Wer etwas gut kann, auch!

Arbeitet als Heilpädagogin an der Primarschule Aarberg. Im Schuljahr 2009/10 war sie zusätzlich für die Förderung besonders begabter Schülerinnen und Schüler zuständig.

Welches sind Ihre Aufgaben im heilpädagogischen Bereich?

In meinen Aufgabenbereich gehören die Erfassung und Förderung von Kindern, welche in einzelnen Bereichen zusätzliche Unterstützung brauchen. Dabei spielt die Zusammenarbeit mit den Lehrkräften in und ausserhalb des Unterrichts eine wesentliche Rolle. Mir ist auch wichtig, bei vielen Elterngesprächen dabei zu sein. Die Sichtweise der Eltern, ihre Wahrnehmung und Beschreibung des Kindes ausserhalb der Schule sowie ihre aktive Mitarbeit können in der Förderung des Kindes ausgesprochen hilfreich sein.

Welche Kinder haben heilpädagogischen Förderbedarf?

Lernen ist ein sehr individueller Prozess, welcher bei jedem Kind unterschiedlich verläuft. Kinder mit heilpädagogischem Förderbedarf sind oft Kinder, welche mehr Zeit und andere Wege brauchen, um Lernfortschritte zu machen. Manchmal können Kinder auch mit dem Erlernen von geeigneten Strategien bereits grosse Fortschritte erzielen. Immer wieder beobachte ich, dass Kinder durch Konzentrations- und Aufmerksamkeitsprobleme am Lernen gehindert werden.

Welches sind die Vor- und Nachteile dieser Separierung?

Vorteile der Separierung sehe ich in der Intensität der Förderung, welche so möglich wird. Als nachteilig kann sich erweisen, dass die Kinder die Klasse für eine Lektion verlassen und sich anschliessend wieder «einfädeln» müssen. Nach meiner Erfahrung ist es jedoch selten bis nie mit einer Art Stigmatisierung verbunden, wenn ein Kind «zur Frou Chünig» geht (hat das vielleicht auch etwas mit meinem Namen zu tun?).

Welches sind für Sie die wichtigsten Erfolge oder Misserfolge in der heilpädagogischen Arbeit?

Erfolgserlebnisse sind für mich alle Beziehungen zu Kindern, Lehrkräften und Eltern, welche ich im Rahmen meiner Arbeit aufbauen konnte. Wenn die Kinder merken, dass ihnen jemand etwas zutraut, wächst ihr Selbstvertrauen. Sie strengen sich an, da sie erwarten, Erfolg zu haben. Dieser Erfolg kann in kleinen Schritten daherkommen oder auch so: Eine von mir begleitete Schülerin hat zum Abschluss dieses Jahres ganz klar die beste Leseleistung der gesamten Klasse erbracht! Verhaltensauffälligkeiten oder gar -störungen einzelner Kinder erweisen sich aus meiner Sicht als die grösste Herausforderung in meiner Arbeit.

Worin unterscheiden sich Begabtenförderung und Heilpädagogik?

Ich fasse beides unter dem Begriff «individuelle Förderung» zusammen, insofern besteht von meinem Auftrag her kein Unterschied. Kinder müssen als Individuen wahrgenommen werden. Ich behandle also alle Kinder anders, was wiederum bedeutet, ich behandle alle gleich. Zusatzunterricht durch Speziallehrkräfte (integriert oder separiert) soll allen Kindern offenstehen, welche zusätzlich zum regulären Unterricht weitere Unterstützung brauchen, um sich optimal zu entwickeln.

Wo ist Separation nötig, wo Integration oder Inklusion?

Auf dem Weg von einem separativen System zu einem inklusiven, in welchem alle Kinder als selbstverständlich zugehörig zu einer Schule oder Klasse gesehen werden, sind wir als Schulen gefordert, mit den aktuellen Möglichkeiten sorgfältig umzugehen. Dies bedeutet, dass Speziallehrkräfte ihre Fähigkeiten so einsetzen, dass Kinder und Lehrkräfte unterstützt werden. So kann es sein, dass sich in der individuellen Förderung zeitlich begrenzte, separative Unterrichtsformen als gute Lösung erweisen. Ziel bleibt aber meiner Meinung nach, genügend Ressourcen zu schaffen, damit Kinder nicht mehr separiert unterrichtet werden müssen. Uns allen wird die Integration «gerechter». Das Ziel ist Inklusion (Heterogenität verstanden als Normalität), da wir alle verschieden sind und man das als Chance nutzen muss.

Regellehrpersonen haben alle Fähigkeiten, um alle Kinder optimal zu fördern. Die Schwierigkeit besteht jedoch darin, dass individuelle Förderung mehr Zeit braucht: mehr Zeit zur Vorbereitung, mehr Zeit für die Arbeit mit dem einzelnen Kind, mehr Zeit für Gespräche usw. Diese Zeit muss den Schulen zur Verfügung stehen, damit sie ihren Auftrag, eine gemeinsame Schule für alle zu gestalten, erfüllen können. Dies kann nur bedeuten, dass pro Klasse mehr Lektionen für Teamteaching zur Verfügung stehen!

Bis dahin werden wir Speziallehrkräfte versuchen, die Lehrkräfte in ihrer Aufgabe zu unterstützen. Dies wird in verschiedenen Situationen verschieden sein: integrativ oder zeitlich begrenzt separativ.

Welches sind Ihre Aufgaben in der Begabtenförderung?

In diesem Schuljahr setzte ich jeweils eine Lektion pro Woche für sprachliche und eine Lektion für mathematische Schwerpunkte ein. Wichtige Bereiche in der Förderung waren auch Selbstreflexion von Lern- und Arbeitsverhalten, Wahrnehmen von Stärken und Schwächen, Erleben von Erfolg. Im Schuljahr 2010?/?11 sieht das Konzept zur Begabtenförderung in Aarberg unter anderem vor, dass die Kinder jeweils an einem Vormittag während vier Lektionen in einer Gruppe zusammen arbeiten.

Welche Kinder brauchen Begabtenförderung?

Lehrkräfte haben in ihren Klassen viele unterschiedlich begabte Kinder und differenzieren deshalb in ihrem Unterricht Themen und Anforderungen. Etliche Kinder haben jedoch Begabungen, welche deutlich über die Anforderungen der Lehrpläne hinausgehen oder – und das ist ebenfalls oft der Fall – darin gar nicht vorkommen. Sie erleben dadurch oft keine echten Herausforderungen, an denen sie sich messen und wachsen können. Wenn solche Begabungen nicht oder zu wenig wahrgenommen werden, kann sich dies nach meiner Erfahrung negativ auf die Entwicklung der Kinder auswirken. Dies besonders in den Bereichen Lern- und Arbeitsverhalten, aber auch im Bereich Sozialkompetenz.

Welches sind die Vor- und Nachteile dieser Separierung?

Ich betrachte die Begabtenförderung nicht als Separierung, sondern als ein zusätzliches Angebot innerhalb der Schule. Die Vorteile dabei sehe ich klar in der dadurch ermöglichten höheren Intensität der Förderung, welche so im Regelunterricht nicht möglich ist. Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, die Kinder echte Konkurrenz – und sei es auch nur in einem Spiel – erleben zu lassen. Dabei ist Umgang mit Misserfolg auch ein Thema.

Begabtenförderung als Pull-out (die Kinder werden separat unterrichtet) kann zu Problemen führen: Je nachdem, welche Botschaft mit dem Spezialunterricht verbunden wird, können Kinder dadurch paradoxerweise stigmatisiert werden.

Welches sind für Sie die wichtigsten Erfolge oder Misserfolge in der Begabtenförderung?

Zu Beginn des Schuljahres besuchte nur ein Junge den Unterricht bei mir, nach einem halben Jahr kam ein zweiter dazu und im letzten Quartal ein dritter. Es war ausgesprochen spannend zu sehen, wie sich die Gruppe durch dieses Wachsen jeweils veränderte. Wir erlebten Verweigerung, Wut, Ansporn, Leistungsbereitschaft, Wettbewerb, Nachdenklichkeit, Selbstreflexion und Stolz in einer Intensität, welche mich sehr berührt hat. Die Begabungen der Kinder sind ausgesprochen verschieden, dies ist ein weiterer Punkt, welcher mich immer wieder zum Staunen brachte.

Wie gestaltet sich die individuelle Förderung konkret?

Die Lehrkräfte melden sich bei mir, um Unterstützung in unterschiedlichen Fragestellungen zu bekommen: Dies können Fragen zum Leistungsvermögen, zum Lern- und Arbeitsverhalten, zu Verhaltensauffälligkeiten einzelner Schülerinnen und Schüler oder auch Fragen zur Planung des Unterrichts sein.

Im vergangenen Jahr haben sich mit den verschiedenen Lehrkräften ganz unterschiedliche Formen der Zusammenarbeit entwickelt: Mit einigen plane ich die Lektionen, welche wir dann im Halbklassenunterricht durchführen, bei anderen übernehme ich wechselnde Aufgaben in der Klasse (siehe Bild oben). Bei so genannt integriert unterrichteten Schülerinnen und Schülern übernehme ich unter anderem das Festlegen der Lernziele in den einzelnen Fächern.

Kinder mit Konzentrations- und Aufmerksamkeitsproblemen können während eines Semesters am «Marburger Aufmerksamkeitstraining» in altersgemischten Gruppen teilnehmen: ein erster Schritt, um in der Schule wieder Erfolg zu haben.

In der Begabtenförderung habe ich die Schüler (drei Knaben) relativ frei Themen bearbeiten lassen. In einem Projekt hat ein Schüler selber einen Mathekrimi geschrieben. Da dieser im Schulhaus angesiedelt war, konnte der Knabe auch die Fotos dazu gleich selber schiessen.

Beim gemeinsamen Lesen von Kinder- oder Jugendbüchern liessen sich durch Frageblätter, welche die Schüler selber herstellten, echte Herausforderungen kreieren: Es entwickelte sich ein regelrechter Wettbewerb darum, wer die kniffligsten Fragen stellen konnte. Dabei entstanden oft hitzige Diskussionen darüber, was in einer Frage wie formuliert werden muss, damit sie noch beantwortet werden kann.

Als unbestrittene Lieblingsaufgaben erwiesen sich die so genannten «Fermi-Fragen»1: Diese Aufgaben stellten echte Herausforderungen dar, welche die Schüler jeweils mit Akribie (und manchmal auch ganz praktisch: siehe Bilder) lösten.

Dieses Interview wurde schriftlich geführt.


  1. Die Bezeichnung Fermi-Fragen geht auf den Physiker und Nobelpreisträger Enrico Fermi (1901?–?1954) zurück. Sie bezeichnet Fragen beziehungsweise Aufgaben, deren Lösung aus einer sehr grossen Zahl besteht. Die Grösse dieser Zahl kann nur durch Abschätzungen ermittelt werden. ↩

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