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«Es ist normal, verschieden zu sein» – Integration aus der Sicht der Behörden

ISF – die Integrative Schulform – ist eine mögliche Antwort auf die zunehmende Heterogenität in den Regelklassen. Die Schule als Ganzes ist verantwortlich für die möglichst optimale Förderung ihrer Schülerinnen und Schüler. Die Lehrpersonen stellen das Grundangebot sicher, indem sie nach integrativer Unterrichtsmethodik und -didaktik unterrichten. Für Schülerinnen und Schüler mit einem moderaten besonderen Förderbedarf werden integrative und wenn nötig additive Fördermassnahmen angeboten.

Seit dem 1. April 2010 Erziehungsdirektor des Kantons Schaffhausen. Der 46-jährige FDP-Politiker ist als Vorsteher des Erziehungsdepartementes zuständig für Bildung, Sport, Kultur, Familien- und Jugendpolitik und Kirchen. Vor seinem Amtsantritt war der dreifache Familienvater Prorektor der Pädagogischen Hochschule Schaffhausen PHSH, Gemeindepräsident, Schulreferent und Fraktionschef im Schaffhauser Kantonsrat.Im Prinzip wäre es einfach: Anstatt dass Kleinklassen geführt werden, integriert man auch Kinder mit einer Lernbehinderung in die Regelklassen der Volksschule. Kinder mit einer körperlichen und?/?oder geistigen Behinderung sollen auch von der Integration profitieren, wo dies sinnvoll und möglich ist.

In unserem Kanton unterscheiden wir aber klar zwischen ISF – die Integrative Schulform – für die Regelschule und dem Sonderschulangebot, welches ein Kind mit einer Behinderung benötigt. Diese Sonderschulung findet in Einzelfällen integrativ statt und wird eng durch eine Abteilung einer Sonderschule begleitet. Es werden erste Erfahrungen gesammelt und dann gemeinsam ausgewertet. Zu den Sonderschulungen, die im Kanton Schaffhausen angeboten werden, finden Sie eine Tabelle im Download.

Ein erfahrener Lehrer hat mir kürzlich in einem persönlichen Gespräch gesagt, dass er vom IQ-Genie und der Überfliegerin über den verhaltensoriginellen Schüler bis hin zum IQ-Mauerblümchen alles in seiner Klasse habe. Mit den wenigen Wochenlektionen, welche die Schulische Heilpädagogin (SHP) zu seiner Unterstützung in seiner Klasse verbringen könne, seien die für diesen Unterricht zur Verfügung stehenden Ressourcen viel zu klein. Dies bringe ihn immer wieder an den Rand der Überforderung. Das lässt aufhorchen und heizt die Diskussion über Nachhaltigkeit und Wirkung des integrativen Unterrichts zumindest an. Eines ist sicher: Die Integrative Schulform ISF polarisiert.

Man folgt mit ISF den Prinzipien «Integration statt Separation» und «Gleiche Chancen für alle Kinder». Dies erhöht zweifelsfrei die Heterogenität in einer Klasse und stellt eine grosse Herausforderung für die Lehrpersonen dar. Obwohl die Regelklassenlehrpersonen Unterstützung durch speziell ausgebildete Schulische Heilpädagogen (SHP) erhalten, müssen sie sich gleichzeitig um Hochbegabte, Normalbegabte und Kinder mit Lerndefiziten kümmern. Moniert wird, in integrierten Schulklassen hätten Kinder zu viele Bezugspersonen, die Klassen seien zu heterogen und zu gross und das Frustpotenzial wachse, da schwache Schüler realisieren würden, dass sie dem Stoff sowieso nicht folgen könnten und ständig Unterstützung brauchten, während gleichzeitig begabte Schüler zu wenig gefördert würden. Aber: Früher gab es vor allem in ländlichen Gegenden die «stille» Integration, heute bekommen die Lehrpersonen Unterstützung vor Ort.

Veränderungen brauchen Zeit

Es braucht genügend Zeit und Erfahrungen, um diesen grossen Systemwechsel in unseren Schulstuben überhaupt vollführen zu können. Es wäre falsch, gleich wieder den Hebel umzustellen und den ISF-Zug aus den Schienen zu heben. ISF verändert ganz sicher die Schule, und bekanntlich sind einschneidende Veränderungen nicht immer ein einfacher Prozess.

Im Kanton Schaffhausen geschieht die Einführung der integrativen Schulform ISF notabene auf Initiative der einzelnen Schulgemeinden hin und wurde nicht vom Kanton von oben über die Gemeinden gestülpt. Daneben galt es für den Kanton, aufgrund des Neuen Finanzausgleichs (NFA) die Sonderschulung vom Bund zu übernehmen. Vor drei Jahren erliess der Kanton die «Richtlinien für den sonderpädagogischen Bereich im Kanton Schaffhausen», die seit dem 1. August 2008 in Kraft sind. Den Richtlinien liegen sieben Leitsätze zugrunde, die vom Erziehungsrat verabschiedet wurden. Innerhalb dieser Richtlinien sind die Gemeinden, die ISF bereits haben oder es noch einführen wollen, in der Gestaltung frei. Sie betreiben damit offiziell vom Erziehungsrat bewilligte Schulversuche, da die gesetzliche Grundlage für die ISF, die mit dem vor einem Jahr vom Volk abgelehnten Schulgesetz hätte geliefert werden sollen, noch fehlt.

Unterschiedliche Begabungen als Bereicherung und Chance

Mit ISF wollen wir den unterschiedlichen Lern- und Förderbedürfnissen aller Kinder entsprechen und damit innerhalb der Regelklasse Lernbedingungen schaffen, die jedem Kind, entsprechend seinen Fähigkeiten und Fertigkeiten, Lernerfolge ermöglichen. Dabei wird gezielt die individuelle Förderung und Beurteilung (teil-)leistungsschwacher und (teil-)leistungsstarker Kinder angestrebt. Besonderer Wert wird auf die Förderung der Gemeinschaft gelegt, in der die unterschiedlichen Begabungen als Bereicherung und Chance empfunden werden, um damit Verständnis und Toleranz gegenüber den Mitschülern und -schülerinnen zu entwickeln. Zentral sind dabei die systematische Früherfassung von Lernschwierigkeiten im Kindergarten und in der Schule und das rechtzeitige Einleiten von geeigneten Fördermassnahmen. Der Einbezug der Eltern als Erziehungsberechtigte spielt eine wesentliche Rolle.

Matchentscheidend sind ISF-Angebote in der Lehrerweiterbildung

Uns ist wichtig, dass wir die Schulteams im Kanton auf dem Weg zur integrativen Schulform gut unterstützen können. So bieten wir in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Heilpädagogik (HfH) sechs Weiterbildungsmodule (je ein Tag plus ein halber Tag Vertiefung) als Teamveranstaltungen (SCHILW-Veranstaltungen) an.

  1. Erste Schritte in Richtung integrative Schule – wie kommt man dahin?
  2. Individualisierung im Unterricht – stufenspezifische Anpassungen
  3. Zusammenarbeit – Teamteaching (SHP, LP, Therapeut(inn)en
  4. Runder Tisch – Standortgespräche
  5. Schwierige Schulsituationen?/?verhaltensauffällige Schülerinnen und Schüler
  6. Modellschulen im Umgang mit Integration

Dann wurde mit dem Fokus auf eine spezifische Weiterbildung und Unterstützung für Lehrpersonen, welche im sonderpädagogischen Bereich arbeiten, ein weiterer Schwerpunkt festgelegt. So bieten wir spezifische Weiterbildungsmodule zu Themen der integrativen Methodik und Didaktik für Lehrpersonen an, bei welchen diese Themen noch nicht explizite Ausbildungsschwerpunkte waren und die von der separativen zur integrativen Schulform wechseln. Dazu kommt eine obligatorische spezifische Weiterbildung für Lehrkräfte, die über 55 Jahre alt sind und schon über längere Zeit im sonderpädagogischen Bereich gearbeitet haben. Die Weiterbildung erlaubt es dieser Gruppe von Lehrkräften, im heilpädagogischen Feld in unserem Kanton unbefristet weiterbeschäftigt zu werden, ist aber nicht mit einer EDK-anerkannten Ausbildung gleichzusetzen. Angesichts der SHP-Knappheit sicher eine vernünftige und pragmatische Lösung.

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