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Realklassen werden zu Kleinklassen

30 Bieler Lehrkräfte haben vor drei Jahren einen Brief an die Erziehungsdirektion geschickt, in welchem sie auf die Bedingungen einer erfolgreichen Umsetzung des Integrationsartikels hinwiesen. Heute müssen sie feststellen, dass ihre Mahnungen verhallt sind.

ReallehrerIm November 2007 versammelte sich das Bieler Lehrpersonal zu einer Informationsveranstaltung zur Umsetzung des Integrationsartikels 17 VSG in der Stadt Biel. Die Schulinspektorin begrüsste die Anwesenden mit den Worten: «Ich bin hier, um Ängste zu nehmen!» Kurz darauf erhob sich einer der Praktiker im Saal und antwortete: «Die Leute hier haben keine Angst, aber jede Menge Erfahrung.»

Das Gelächter wirkte befreiend, die Konsternation der Behördenvertreter bezeichnend.

Zwei Welten prallten aufeinander

Es waren und sind auch heute noch zwei Welten, die da aufeinanderprallen. Hier eine bildungsbürokratische Wunschprosafabrik, die von Potentialen, Chancen spricht, die unbegrenzte Möglichkeiten sieht, welche ohne Belastungsfolgen thematisiert werden. Dort die Praktiker, welche gelernt haben, Rhetorik und Praxis zu unterscheiden.

Deshalb haben denn auch mehr als 30 Bieler Lehrkräfte vor drei Jahren einen Brief an die Erziehungsdirektion geschickt, in welchem sie auf die Bedingungen einer erfolgreichen Umsetzung des Artikels 17 hinwiesen.

  1. Es braucht mehr finanzielle Ressourcen.
  2. Es braucht ein integratives Schulsystem.
  3. Es braucht autonome Schulen beziehungsweise weitgehende Kompetenzen für die Schulleitungen.

Heute, drei Jahre nach der Verabschiedung des Artikels 17, können die Praktiker wieder einmal feststellen, dass ihre Mahnungen verhallt sind.

Der Integrationsartikel war eine Sparübung. Alleine im sozialen Brennpunkt Biel stehen 94 Lektionen weniger zur Verfügung als vor der Umsetzung. Die Systemfrage wurde kaum einmal andiskutiert, mit der Folge, dass auf der Oberstufe die Realklassen die gesamte Last der Integration zu tragen haben, mit fatalen Konsequenzen: Die früheren Realklassen werden zu den neuen Kleinklassen des Berner Schulsystems.

Die heutigen Realklassen werden zu den künftigen Kleinklassen

Den Schulleitungen wurden zwar mehr Aufgaben aufgebürdet, ihre Autonomie wurde aber eingeschränkt. Unzählige Umsetzungssitzungen mit einem wachsenden Spezialistenheer entziehen den Schulleitungen Arbeitsstunden, die dann in der Praxis fehlen. Und dort, wo mutige Schulleitungen versuchen, mit unkonventionellen Methoden den Integrationsartikel umzusetzen, werden sie nicht selten von den «Playern» eines übersteuerten Systems (Erziehungsdirektion, Schulkommission, Schulinspektorat, lokale Bildungsbehörden) ein- und zurückgebunden.

Immerhin konnte in Biel durch den zähen Widerstand der Lehrkräfte eine überstürzte Auflösung der Kleinklassen, wie sie andernorts praktiziert wurde, verhindert werden.

Den Vogel abgeschossen hat wieder einmal die Stadt Biel

Vollends aus dem Ruder läuft die Umsetzung des Integrationsartikels, wenn die Bildungsbürokratie auf nationaler und lokaler Ebene zusätzlich Reformen beschliesst, die in eine ganz andere Richtung gehen (Nationale Standards, Vereinheitlichung der Systeme, Frühfranzösisch). Den Vogel abgeschossen hat in diesem Zusammenhang die Bildungsdirektion der Stadt Biel, welche inmitten der Umsetzung des Integrationsartikels noch die Einführung von zweisprachigen Klassen beschlossen hat, ein Marketing­-Gag, der gegen den Willen einer manifesten Mehrheit der Lehrkräfte durchgesetzt wurde.

«RILZ» – eine neue semantische Biowaffe

Anstatt die völlig überforderten Lehrkräfte an Ort mit zusätzlichen Ressourcen direkt zu unterstützen, wird im Rahmen der Umsetzungsarbeit die bildungsbürokratische Verwaltung aufgebläht. Die Stadt Biel beispielsweise richtete zwei Integrationsfachstellen (Kindergarten und Regelschule) sowie ein Coaching für Entwicklungsprozesse ein, schaffte eine 40-%-Leitungsstelle für sechs Schulsozialarbeitende (à 50?% Anstellungsgrad). Auch kantonal sorgt ein Heer von offensichtlich unterbeschäftigten Beamten für weitere Segnungen im Zuge der Umsetzung des Integrationsartikels. Die Schülerinnen und Schüler aus den A-Kleinklassen, welche allesamt einen Beurteilungsbericht mit dem Vermerk «Realschüler» erhalten, sollen fortan «gerilzt» werden. «RILZ» ist die neue semantische Biowaffe im Kampf gegen Stigmatisierung und Ungerechtigkeit. Schülerinnen und Schüler, die dem Unterricht nicht folgen können und daher ungenügende Noten erhalten, sollen fortan nach «Reduzierten individuellen Lernzielen» beurteilt werden. Nach einem bürokratischen Aufwand, der an die Zeiten der «Schübe» erinnert, können Schülerinnen und Schülern mit ungenügenden Leistungen genügende bis gute Noten ins Zeugnis geschrieben werden, versehen mit einem Sternchen, dem «RILZ-Sternchen». Man fühlt sich unmittelbar in die Glosse von Peter Bichsel versetzt, wo ein Mann einem Stuhl «Tisch» und einem Teller «Glas» sagen wollte. Die Folge: Niemand verstand ihn mehr.

Weniger Unterrichtszeit und zwei Lehrkräfte pro Klasse

Ist die Umsetzung des Integrationsartikels also gescheitert? Mitnichten! Im Rahmen eines Bildungsurlaubs besuchte ich vergangenes Jahr Schulen, von denen man sagte, dass sie Integration unter schwierigen Bedingungen erfolgreich praktizierten. Ich begegnete insgesamt fünf Schulen, in denen Integration einigermassen funktioniert. Ich wurde mit völlig unterschiedlichen Konzepten konfrontiert, aber einige Dinge hatten alle Schulen gemeinsam:

  • Die Lehrkräfte hatten weniger Unterrichtszeit.
  • Es waren immer zwei oder mehr Lehrpersonen im Unterricht anwesend.
  • Die Schulen verfügten über eine hohe Autonomie.
  • Es handelte sich um Tagesschulen.

Praktische Vorbilder sind gefragt

Aber auch unter den hiesigen ungünstigen bis prekären Bedingungen in den sozialen Brennpunkten unseres Kantons gedeihen mitunter ermutigende Integrationsbeispiele. So installierte das OSZ-Biel-Stadt quasi innerhalb des Modells 3a einen zweigliedrigen «integrativen» Schulzug, der sich dem Modell 4 verpflichtet fühlt. Dort werden die Kleinklässler zusammen mit Sek- und Realschülerinnen und -schülern unterrichtet und dort werden auch alle zur Verfügung stehenden Ressourcen investiert. Und das OSZ-Mett-Bözingen, ebenfalls in Biel, führt je eine Empfangs- und eine Kleinklasse als bestehende Einheit und versucht nun, diese Schülerinnen und Schüler sorgsam und vor allem individuell in den Regelunterricht zu integrieren. Das Besondere an diesem Modell: Die erfahrenen Lehrkräfte an der KBF können auch punktuell Schülerinnen und Schüler aus den Regelklassen bei sich aufnehmen.

Diese ermutigenden Beispiele haben mich eines gelehrt: Integration wird nur dann konkret, wenn sie praktisch gelöst wird. In unserer Gesellschaft, deren soziale Segregation immer grösser wird, sind praktische Vorbilder gefragt, an denen sich ablesen lässt, was mit Aussicht auf Erfolg getan werden kann, damit Integration gelingt. Dazu gehört aber auch eine Bildungspolitik, welche die realen Optionen der Schule im Auge behält und sich nicht in ideologisch motivierte Wunschprosa verrenkt, die ihr Augenmerk wieder vermehrt auf die Arbeitsbedingungen der Lehrkräfte konzentriert und selber die Prioritäten im Griff hat. Die Geschichte der grossen Modelle von Schulreform ist gescheitert; wenn jede Schule anders ist, kann sich auch jede nur für sich entwickeln. Notwendig dafür sind Netzwerke, in denen Schulen voneinander lernen, ohne behördliche Gesamtkonzepte umzusetzen. Und es braucht Lehrkräfte, die eine Souveränität, eine Hingabe zu ihrem Beruf demonstrieren, den Schülerinnen und Schülern eine Beziehung anbieten und in ihrer Schule eine verschworene Gemeinschaft bilden.

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