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Wenn Unterschiede verbinden

14 Kinder aus 10 verschiedenen Ländern besuchen im Schulhaus Riethüsli in St. Gallen die Integrationsklasse Mittelstufe. So sehr sich die Kinder in Herkunft, Kultur und der äusseren Erscheinung unterscheiden, verbindet sie doch Einiges: Sie sind Flüchtlings- oder Migrationskinder, wohnen in der Stadt und sollen Deutsch lernen.

Fussball im Deutschunterricht

Die Fussballweltmeisterschaft in Südafrika ist voll im Gange. Dies macht sich auch in der Integrationsklasse bemerkbar. Bis auf ein Mädchen interessieren sich alle 14 Kinder dieser Klasse für Fussball. An der Wandtafel hängt ein Plakat mit den aufgelisteten Partien der WM. Nachdem sich alle Schülerinnen und Schüler der Besucherin kurz vorgestellt haben, trägt Daniela Müller, die Lehrperson, die Resultate der Spiele vom Vortag auf dem Plakat ein. Es wird über die Spiele gesprochen und diskutiert. Italien hat mit 0:0 gegen Paraguay nicht überzeugt. Holland besiegte Dänemark mit 2:0. Ein Knabe sagt: «Ich habe bis jetzt alle Spiele im Fernsehen gesehen.» «Deshalb hast du so viereckige Fussballtor-Augen», sagt die Lehrerin. Die Kinder, die den Spruch verstanden haben, grinsen, andere schauen verständnislos drein. Ein philippinischer Knabe ist erst seit drei Wochen in der Klasse. Selbstverständlich übersetzt Daniela Müller immer wieder Sätze und Wörter vom Deutschen ins Englische, damit er den Gesprächen folgen kann. Einem portugiesischen Knaben fehlen beim Sprechen einige deutsche Begriffe. Ein brasilianisches Kind hilft ihm in seiner Muttersprache, den passenden Ausdruck zu finden. Dann entsteht unter ein paar Knaben eine Diskussion: Heisst es «Dänemark ist verloren» oder «hat verloren»? Die Lehrerin erklärt die unterschiedliche Bedeutung der beiden Aussagen.

Bärenstark oder federleicht

Dann leitet Daniela Müller über zum aktuellen Grammatikthema Adjektive. An der Wandtafel sind verschiedene Bilder zu sehen. Die Schülerinnen und Schüler haben in einer vorangegangenen Lektion passende Adjektive zu den Bildern geschrieben. «Heute lernen wir zusammengesetzte Adjektive kennen», erklärt die Lehrerin. Die Kinder, die schon etwas besser Deutsch können, arbeiten in Zweiergruppen mit einem Satz Kärtchen. Sie müssen passende Wörter zusammenlegen, damit zusammengesetzte Adjektive entstehen. Zum Beispiel: blitzschnell, bärenstark, haushoch. Motiviert und diszipliniert machen sich die Teams an die Arbeit. Bald schon merken sie, dass dies keine einfache Aufgabe ist und versuchen, einige zusammengesetzte Adjektive zu erraten.

Die Schülerinnen und Schüler mit weniger Deutschkenntnissen bleiben bei Daniela Müller und setzen sich auf den Boden in einen Halbkreis. Die Lehrperson legt Karten mit Bildern auf den Boden. Die Kinder benennen die Bilder. Auf einem Bild ist ein Stück Butter zu sehen. Die Lehrperson fragt die Kinder: «Wie heisst Butter in eurer Muttersprache?» Die eritreischen Kinder wissen es nicht. In Albanisch sind sich die Kinder nicht einig. «Schau im Wörterbuch nach», fordert die Lehrerin einen Knaben auf. Dank des Wörterbuchs ist der Begriff schnell übersetzt. Dann legt auch diese Gruppe mit den Kärtchen zusammengesetzte Adjektive. Zum Bespiel wird zum Bild mit dem Hund das Wort müde gelegt, hundemüde, oder zum Bild mit der Feder das Wort leicht, federleicht. Nach dieser Lerneinheit arbeiten die Schülerinnen und Schüler an ihren Pulten. Sie lösen Arbeitsblätter mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad zum Thema zusammengesetzte Adjektive. Es ist ruhig im Schulzimmer. Die Kinder arbeiten konzentriert.

Fast selbstständig am Wochenplan

Nach der Pause putzen sich die Kinder in einem separaten Raum ihre Zähne. Zurück im Schulzimmer begrüssen sie Kathrin Haller. Sie wird für die nächsten zwei Lektionen mit Daniela Müller im Teamteaching unterrichten. Im Stuhlkreis muss erst ein Streit, der in der Pause ausgebrochen ist, geklärt werden. Die Stimmung unter einigen Knaben ist aufgeheizt. Das «Opfer» kann sich schlecht mitteilen, weil ihm Wörter in der deutschen Sprache fehlen. Niemand versteht wirklich, was genau geschehen ist. Die Lehrerin mahnt zur gegenseitigen Rücksichtnahme und fordert eine Entschuldigung. Dann geht der Unterricht weiter. Die Schülerinnen und Schüler arbeiten an ihrem Wochenplan. Bei den Wochenplanaufgaben geht es vor allem um Mathematik und Schönschreiben. «Ich stelle neun verschiedene Wochenpläne her. Es ist ein grosser Aufwand. Doch diese Arbeitsweise hat sich bewährt», erzählt Daniela Müller. Vor allem am Freitag herrsche jeweils etwas Chaos im Schulzimmer, weil alle ihren Wochenplan fertigstellen wollen. «Da bin ich sehr froh, wenn wir zwei Lehrpersonen im Schulzimmer sind», sagt Daniela Müller. Beide Lehrpersonen und auch die Besucherin sind mit Erklären, Helfen und Korrigieren voll im Einsatz. Die Kinder brauchen Material wie Geomatplättchen, Reifen zum Sortieren von Zahlen, Spiegel oder eine Europakarte. Viele Kinder arbeiten konzentriert an ihren Aufgaben. Einige müssen aber auch zum Arbeiten angehalten werden. Es herrscht ein emsiges Treiben, zweimal fordert die Lehrerin die Klasse auf ruhiger zu arbeiten.

Zum Abschluss des Morgens liest die Klasse in zwei Gruppen einen Teil der Geschichte von Pippi Langstrumpf. Die fortgeschrittenen Leserinnen und Leser gehen mit Kathrin Haller in die Bibliothek. Die Kinder im Schulzimmer lesen kleine Abschnitte. Immer wieder unterbricht Daniela Müller. Sie erklärt Wörter, macht Gesten vor und stellt Verständnisfragen. Dann läutet es. Der Unterrichtsmorgen ist zu Ende. Einige gehen zum Mittagstisch in das Gebäude neben dem Schulhaus. Andere nehmen den Bus nach Hause. Am Nachmittag werden die Kinder in den Wald gehen. Auch da findet Deutschunterricht statt.

So lernen diese Flüchtlings- und Migrationskinder in St. Gallen in einer separaten Klasse Deutsch und werden auch in den anderen Fächern auf eine Integration in die Regelklasse vorbereitet. Meist bleibt ein Kind für etwa 18 Monate in der Integrationsklasse. Eine Zeit und ein Rahmen, den es bestimmt braucht, um in der deutschen Sprache dem Lernstoff der Regelklasse zu folgen.

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