farbwelt

Lehrpläne und Lehrmittel

Abbilder gesellschaftlichen Wandels

Zeiten wirtschaftlicher Not oder kriegsbedingter Einigelung, der lange Weg der Frauen zu voller gesellschaftlicher Gleichberechtigung, Konsumgesellschaft und Umweltbewusstsein... all dies schlug sich zuverlässig in den Lehrplänen und Lehrmitteln zum hauswirtschaftlichen Unterricht nieder.

Christine Imhof und Peter Uhr

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1933

Entstanden ist der Lehrplan des Kantons Bern im Jahr der Machtergreifung Hitlers, einer wirtschaftlich schwierigen Zeit (Weltwirtschaftskrise), in der die sparsame Ressourcennutzung einen hohen Stellenwert besass.

Aus dem Lehrplan: «Bei allem Tun ist der Sinn der Schüler­innen auf Ordnung, Reinlichkeit und Sparsamkeit zu lenken, als den Grundpfeilern, auf denen sich ein geordnetes Hauswesen aufbaut.»

Aus dem Vorwort des Lehrmittels «Kochbuch für den hauswirtschaftlichen Unterricht an Volks- und Fortbildungsschulen» (14. Auflage): Möge es in seiner bescheidenen Art dazu beitragen, Sinn und Verständnis für die so wichtige Arbeit am häuslichen Herd zu wecken und zu mehren.» Im Übrigen spricht das Vorwort die wirtschaftlich schwierige Situation an, die deshalb bescheidenen Mittel und die Fokussierung auf einfache, aber vollwertige und gesunde Kost.

1947

Der zweite Weltkrieg war vorbei. Während der Mobilmachung in den 6 Kriegsjahren hatten die Frauen wichtige Aufgaben in landwirtschaftlichen und gewerblichen Betrieben, aber auch in anderen Wirtschaftszweigen übernommen. Waren die Männer zurück vom Dienst, galt es, den Frauen die Rückkehr an den heimischen Herd schmackhaft zu machen. Die gesellschaftliche Grundstimmung war konservativ, die Rückbesinnung auf Traditionen hatte während der Kriegszeit einen starken Auftrieb erhalten.

Aus dem Lehrplan: «Die Verbindung dieser Ziele im Blick auf die spätere Aufgabe des Mädchens als Hausfrau und Mutter und das Bestreben, sie im hauswirtschaftlichen Unterricht zu erreichen, ist wertvolle Vorarbeit zur Erhaltung und Stärkung der Familie.»

Aus dem Vorwort des immer noch gleichen Kochbuchs, nun in 20. Auflage: Die guten Verdienstmöglichkeiten in Fabriken und Büros lassen bei vielen jungen Mädchen das Interesse für Haus und Herd zurücktreten. Um so grösser ist die Verantwortung der Mütter und Lehrerinnen, welche sie auf ihren Haushaltberuf vorbereiten.»

1966

Der wirtschaftliche und technische Fortschritt ist in vollem Gang. Der automobile Privatverkehr nimmt zu, Bauen hat Hochkonjunktur, ein Wertewandel – Stichwort Konsumgesellschaft – bahnt sich an. Neue Probleme wie Gewässerverschmutzung oder Übergewicht kommen auf. Bei der Problemlösung vertraut man vor allem auf die weitgehend unkritisch bewunderte Technik. 

Aus dem Lehrplan: «Die Hauswirtschaft steht in unmittelbarem Zusammenhang mit den Entwicklungen der Neuzeit; wissenschaftliche Forschung und Technik, neue Werkstoffe und ihre Reinigungs- und Pflegemittel, die industrielle Herstellung der Verbrauchsgüter und ihr Austausch im Welthandel haben ihr ein ganz neues Gesicht gegeben.»

Aus dem Vorwort des oben erwähnten Kochbuchs, nun bereits in 26. Auflage: «Folgt man seinem Rat (dem des Buches, die Red.) und sind auch Herz und Gemüt am Werk, so kann es in Küche und Kammer nicht fehlen … Aber auch manche Frau und Mutter, manche im Hausdienst tätige Tochter nimmt es gern zur Hand und sucht darin Rat.»

Neu findet man im Buch nun Nährwerttabellen, eine Ernährungslehre und – anders als im Vorwort – einen deutlich sachlicheren, nüchterneren Text.

1974

Erstmals machen sich die Grenzen des Wachstums bemerkbar (Erdöl­krise 1973). Traditionen und sogenannt Bewährtes werden im Gefolge von 1968 infrage gestellt. Und es werden neue Formen des Zusammenlebens erprobt: Wohngemeinschaften, Partnerschaften auf Zeit, Gleichstellung von Mann und Frau. 1971 wurde übrigens das Frauenstimmrecht per Volksabstimmung eingeführt. 

Aus dem Lehrplan: «Der hauswirtschaftliche Unterricht stellt sich in den Dienst der Erziehung und Ausbildung für den häuslichen Bereich – jenen Lebensbereich, in welchem sich jeder Mensch zurechtfinden muss, ungeachtet der Rolle, die er ­in einem Haushalt einnimmt.»

Aus dem Vorwort des Berner Kochbuchs, 27. Auflage: «Der Inhalt wurde gründlich überarbeitet: die Tabelle «Mengenberechnungen» (Verhältnis von Hohlmass und Gewicht) ergänzt, viele Rezepte den neuesten Erkenntnissen der Ernährungslehrer (besonders bezüglich der Verwendung von Ölen und Fetten) angepasst und neue Handelsprodukte berücksichtigt.»

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1995

Nach dem Fall der Sowjetunion und dem der Berliner Mauer war der Kalte Krieg beendet. Globalisierung war nun in aller Munde, und neben den damit verbundenen wirtschaftlichen Interessen wuchs auch das Bewusstsein für eine globale Verantwortung. Die Hauswirtschaft war im neuen Lehrplan nun eingebunden in das weit gespannte Fach «Natur – Mensch – Mitwelt».

Aus dem Lehrplan: «Sich über persönliche und soziale Probleme der Alltagsgestaltung aussprechen. Sich mit eigenem und fremdem Rollenverhalten auseinandersetzen. Grundsätze der Arbeitsgestaltung und -organisation erarbeiten und anwenden. Zusammenhänge zwischen Gesundheit, Wohlbefinden und ausgewogener Ernährung erkennen … Sich Beziehungen zwischen Körperpflege, Schönheitspflege, Gesundheit und seelischem Wohlbefinden bewusst machen.» 

Aus dem Einleitungskapitel des Lehrmittels «Hauswärts» (2009): «Im Alltag geht es darum, das Gleichgewicht zwischen Erholung und Arbeiten zu finden. Wer sich genügend erholt, wer auftanken, seine Beziehungen leben und gestalten kann, wer unterstützt wird, wo Bedarf besteht, ist besser lebens- und arbeitsfähig. Haushalte sind eine wichtige Voraussetzung, um überhaupt ein zufriedenes Leben führen zu können und um in der Schule und im Beruf leistungsfähig zu sein.»

Auch künftige gesellschaftliche Entwicklungen, das Rollenverständnis, das Gesundheitsbewusstsein, die verfügbare Technik und vieles mehr werden sich in den Nachfolgern der heutigen Lehrpläne und Lehrmittel abbilden. Wie ein «Klimaarchiv» der Etappen gesellschaftlichen Wandels.

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