farbwelt

Mit Wörtern experimentieren

Entdeckendes Lernen – jetzt auch in der Grammatik

Zur Weiterentwicklung von «Sprachwelt Deutsch» gehört auch die Überarbeitung der Grammatikkapitel. Eliane Bürgi hat das Kapitel «Wörter» erprobt. Ein Gespräch über ihre Erfahrungen.

profi-L: Inhalte und Methoden des Grammatikunterichts sind von traditionellen Vorstellungen geprägt. Können Sie sich noch an den Grammatikunterricht in Ihrer Schulzeit erinnern?

Eliane BürgiEliane Bürgi, 
Reallehrerin in Aarberg

Eliane Bürgi: Es ist zwar schon 40 Jahre her, aber ich weiss gut, dass ich eigentlich keinen Grammatikunterricht hatte. Als ich in der 4. Klasse war, zogen wir aus der Romandie in die Deutschschweiz um. Von einem Tag auf den andern musste ich Deutsch schreiben und hörte fortan immer wieder den Satz «Du kannst dich nicht schriftlich ausdrücken». Dass meine Fehler vor allem Fallfehler waren, sagte mir niemand, irgendwann merkte ich das dann selbst.

Meine autodidaktischen Erfahrungen mit den Fällen in der deutschen Sprache helfen mir heute bei der Schreibberatung meiner Schülerinnen und Schüler. 

Wie wurden Sie in Ihrer Ausbildung zur Primarlehrerin auf den Grammatikunterricht vorbereitet?

unterrichtsbeispiel

Ich habe meine Ausbildung im Seminar gemacht und dort einen spannenden Deutschunterricht erlebt, allerdings völlig ohne Grammatik. Der Lehrer sagte uns gleich zu Beginn, Grammatik könnten wir jetzt, das sei abgeschlossen. Mit Grammatik meinte er «fehlerfrei schreiben», «Wortarten und Sätze bestimmen». Wir wurden nicht darauf vorbereitet, uns später in der Schule mit Grammatik auseinanderzusetzen.

Haben Sie diese Vorstellung, was zu Grammatik gehört, für Ihren Unterricht übernommen?

Eigentlich schon. Da ich nach meiner Ausbildung nur kurz auf der Unterstufe unterrichtete und dann meine vier Kinder grosszog, lernte ich die Inhalte der Grammatik in der Schule durch die Lehrmittel meiner Kinder kennen. Später durch die Lehrmittel der Schülerinnen und Schüler, die zu mir in den Nachhilfeunterricht kamen.

Als ich dann durch eine Stellvertretung wieder in die Unterrichtstätigkeit – jetzt aber auf der Oberstufe – rutschte, hatte ich zum ersten Mal Grammatikunterricht, mit Wortarten, Satzarten und Rechtschreibung, und das gleich in der Rolle der Lehrperson!

Sie haben sich kürzlich zur Verfügung gestellt, mit Ihrer 8. Realklasse das Kapitel «Wörter» zu erproben. Wussten Sie, worauf Sie sich didaktisch da einliessen?

Zum Konzept der Erprobung gehörte meine Unvoreingenommenheit, also kein Einführungskurs, keine Theorie. Ich erhielt einfach die Materialien für die Schülerinnen und Schüler und das Begleitset mit den Unterrichtsvorschlägen. Schon beim ersten Durchblättern sagte ich mir: «Das ist eine gute Sache, da hat es ja konkrete Ziele, praktische Anweisungen, klare Aufträge und viele gute Ideen. Das probiere ich doch aus, da kann ich mich ohne grossen Aufwand gleich selber weiterentwickeln und meine eigenen Fähigkeiten einbringen.»

Sie wurden mit einem neuen Ansatz von Grammatikunterricht konfrontiert. Wie haben Sie die Schülerinnen und Schüler darauf vorbereitet?

Ich wollte dem Neuen eine entsprechende Form geben. Deshalb habe ich farbige Stifte und Zickzackscheren gekauft, altes Bastelmaterial mitgenommen und vor allem den Schülerinnen und Schülern ein neues unliniertes Heft ausgeteilt. Dadurch zeigte ich den Jugendlichen auch, dass wir uns auf ein neues Experiment einlassen. Ich sagte den Lernenden, dass sie im Kapitel «Wörter» selbstständig Fragen untersuchen werden und dass dadurch auch automatisch viel Eigenes entstehen würde. Dies wirkte sehr motivierend. Sicher zeigte ich auch, dass ich mich auf die bevorstehende Unterrichtssequenz, das heisst auf eine neue Vermittlungsart, freute.

Wie reagierten Ihre Schülerinnen und Schüler, als sie dann an konkreten Aufträgen zum Thema «Wörter» arbeiteten?

Es war wie ein Durchbruch. Schon beim Auftrag, sich zu überlegen, was denn ein Wort sei, merkten die Schülerinnen und Schüler, dass da alle etwas beitragen konnten. Das gab das Gefühl: Ich kann etwas! Ein sprachlich schwaches Mädchen begann das Heft zu gestalten und sich so in das Thema einzulassen. Überhaupt spielte das Ausgestalten des Heftes eine grosse Rolle. Motivierend wirkte natürlich auch, dass bei einem späteren Auftrag, als es ums Sortieren von Wörtern ging, der eigene Wortschatz ins Spiel kam: Warum nicht Wörter nach Fussballwörtern, Jugendwörtern oder Lieblingswörtern sortieren?

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Welches sind, rückblickend auf die Erprobung, für Sie nachhaltige Erfahrungen? 

Dass die Schülerinnen und Schüler in ihrem Sprachvermögen abgeholt werden und sich auf viele verschiedene Arten einbringen können. Dass Grammatikunterricht sehr vielseitig ist und Gelegenheiten schafft, etwas genau zu untersuchen oder mit der Sprache zu experimentieren. Dass das, was die Schülerinnen und Schüler selbst entdecken, nachhaltig ist.

Braucht es zum Lehrmittel zusätzliche Massnahmen, damit der innovative Ansatz in den Unterricht einfliesst?

Der Ansatz des entdeckenden Lernens in der Grammatik ist zwar neu und ungewohnt, aber der Unterricht gelingt.

Von mir aus braucht es nichts Zusätzliches. Die Unterrichtsvorschläge sind so klar und die Aufträge so gut aufbereitet, dass man sich einfach leiten lassen kann. Der Ansatz des entdeckenden Lernens in der Grammatik ist zwar neu und ungewohnt, aber der Unterricht gelingt. Das ermutigt, die neuen Erfahrungen und Erkenntnisse in den eigenen Unterricht zu integrieren. Wesentlich ist sicher die Offenheit der Lehrperson gegenüber Neuem und der Mut, einmal etwas völlig anders zu vermitteln, als es bisher gemacht wurde. 

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