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«Nicht auszurotten»

Gespenster geistern durch viele Schülergenerationen

Einige Themen in Kindergarten und Unterstufe haben seit Jahrzehnten jede Lehrplangeneration überlebt. Dr. Markus Kübler beleuchtet diese Tradition unter entwicklungspsychologischen, historischen und pädagogischen Aspekten.

Markus Kübler

Dr. phil. Markus Kübler leitet die Abteilung F&E an der PH Schaffhausen, erforscht in einem Nationalfondsprojekt das «Historische Denken von 4- bis 10-jährigen Kindern», ist Mitglied des Autorenteams Lehrplan 21, schreibt an einer Habilitation an der Universität München und doziert Fachdidaktik Mensch und Mitwelt an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen und der Universität München.

«Subversive» Themen wie Gespenster, Geister, Piraten, Monster tradieren sich entgegen der neueren Fachdidaktik und den Bildungsaufträgen der Schule. Welche Energie und Dynamik steckt dahinter, dass die der Aufklärung verpflichteten Lehrpläne durch vorwissenschaftliche Themen unterlaufen werden?

Trotz der Betonung von Wissenschaft ist unsere Welt voller Geister und Gespenster: Hollywood hat sie längst entdeckt: Ghostbusters, Scream, The Mummy, Harry Potter, Poltergeist, Dracula! In vielen Filmen geistern körperlose Wesen durch die Handlung und liefern schauerliches Gruseln und wohligen Horror. Kinder kommen – entgegen Jugendschutz und Absichten von Erwachsenen – sehr früh mit diesen medialen Produkten in Kontakt. Weil Kinder wissen, dass solche Filme nicht für sie gedacht sind, verschweigen sie dies oft – im Sinne der sozialen Erwünschtheit. Erst durch Nachfragen entdecken wir, dass Kinder sich mit diesen Schattenwelten mit Krieg und Terror früh auseinanderzusetzen beginnen. Auch in Erstlesestoffen, Mathebüchern, Bilderbüchern, Detektivgeschichten finden wir «kleine Gespenster» als Vermittler von Inhalten.

Unterstützt wird die Beschäftigung mit Gespenstern auch von Touristikdestinationen, die Zwergen- oder Geisterwege anbieten oder Führungen zum Schlossgespenst vermarkten. Jüngst wurde das alte Fest von «Halloween» (holy even = heiliger Abend) aus den USA rückimportiert. Ist dies doch die keltisch-angelsächsische Form des Gedenkens an die Toten, eigentlich unser Allerseelentag am 1. November.

Insgesamt können wir beobachten, dass unsere Unterhaltungsindustrie Themen wie Geister, Monster, Piraten, Dinosaurier, Indianer intensiv bewirtschaftet (beispielsweise mit Harry Potter, Pirates of the Carribean, Jurassic Parc, Der mit dem Wolf tanzt), so dass man sich fragen möchte, ob dies nun echte kindliche Themen sind.

«Gespensterpsychologie»

Ob sich Kinder beispielsweise für Gespenster interessieren, ist gar nicht sicher. Sie interessieren sich für die Welt und Themen der Erwachsenen. Gespenster sind körper- und identitätslose Wesen und unerlöste Seelen, die negative Gefühle, Heulen und Zähneklappern in der Dunkelheit bedeuten. Gespenster entziehen sich der Kontrolle der realen Welt und machen Angst. So ist ein Gespenst ein eklatanter Widerspruch zum kindlichen Bedürfnis nach Körperlichkeit und Sicherheit. Kinder wollen Dinge anfassen und brauchen Körperkontakt. Sie entwickeln ihre Persönlichkeit und sind auf Identitätssuche. Ein Gespenst ist demnach ein Anti-Kind und eine Bedrohung: Körperlichkeit durch Körperlosigkeit, Identität durch Anonymität, Macht durch Ohnmacht, Sicherheit durch Kontrollverlust! So kann man psychologisch argumentieren, dass – wenn Kinder sich in die Rolle eines Gespenstes begeben – sie dadurch ihren Ängsten in einem geschützten und begleiteten Rahmen begegnen können. Gespenster stehen also stellvertretend für die Schatten der Seele, die Ängste, Sorgen, Fantasien und Albträume.

Bleibe ich, kehre ich um? Greife ich an oder flüchte ich? Kinder suchen oft solche Situationen, in denen sie ihre Angst überwinden müssen.

Kinder sind verletzliche Wesen und auf den Schutz der Erwachsenen angewiesen. Angst ist ein äusserst produktives Gefühl: es warnt uns vor Überforderung, Risiken und Gefahren. Angst ist ein lebenswichtiger Seismograph des Überlebens. Es ist dumm, Ängste zu ignorieren und zu unterdrücken; es ist jedoch gefährlich, wenn Ängste unsere Reaktion und unser Handeln bestimmen. Wichtig ist, dass man Angst wahrnimmt, spürt und daraus Konsequenzen zieht: Bleibe ich, kehre ich um? Greife ich an oder flüchte ich? Kinder suchen oft solche Situationen, in denen sie ihre Angst überwinden müssen. Mit Angst können Kinder umgehen lernen. Sie sollen sie wahrnehmen, mitteilen, reflektieren, verändern.

Niedlich oder bedrohlich?

Gespenster sind in der spiritistischen Vorstellung gefangene Seelen von Verstorbenen auf der Suche nach Erlösung. Sie können hilfreich, bedrohlich, gefährlich, schauerlich, harmlos, komisch, tödlich oder nur ärgerlich sein. In der Welt des Kindergartens werden sie meist zu niedlichen kleinen Helfern und sind oft zu Klamauk, zu Rollenhülsen mutiert. Die Ernsthaftigkeit ihrer kulturellen Verwurzelung ist verloren gegangen. Das Gespenst wird dadurch quasi zur Unterhaltungshülse degradiert. Kinder wollen aber ihre Entwicklungsaufgaben wahrnehmen und brauchen dafür Erwachsene. Sie reifen, wenn sie die verschiedenen Emotionen erleben, verarbeiten und reflektieren können.

So können beispielsweise folgende Fähigkeiten gelebt, erkannt und reflektiert werden:

  • Jemanden bewusst erschrecken – Macht ausüben
  • Selber erschrecken oder Gruseln erfahren – Emotionen intensiv erleben
  • Schrecken verarbeiten – Sicherheit gewinnen durch Entspannung, durch Aufklärung
  • Seine Identität verleugnen und wieder gewinnen – im Rollenspiel Sicherheit gewinnen, wer ich bin
  • Andere Identitäten annehmen; sich veräussern – seine unbekannten Seiten ausloten
  • Ängste spüren und aussprechen – sich selber wahrnehmen und sich andern mitteilen
  • Ängste wahrnehmen und reflektieren – Gründe für eine Angst ergründen und Konsequenzen ziehen
  • Ängste von andern wahrnehmen und abbauen helfen – sich einfühlen und jemanden unterstützen

Solch subversive Themen wie Gespenster, Geister, Drachen usw. können Felder sein, in denen man diese Emotionen inszeniert, aufspürt, bearbeitet, reflektiert und reifen lässt. Im Wesentlichen enthält das Thema verschiedene psychologische Dimensionen:

  • Das Unkontrollierbare: Vieles versuchen wir Menschen zu kontrollieren, weil wir uns auf das Unkontrollierbare (das Wetter, Krankheit, Unfälle, Geräusche in der Nacht) nur ungenau vorbereiten können. Das löst vielfach Angst aus.
  • Das Bedrohliche: Vieles in unserem Leben erfahren Kinder als bedrohlich (einen grossen Hund, die wütende Mutter, einen tiefen Wald ohne Ende, einen dunklen Keller). Dieser Verlust der Sicherheit und Geborgenheit ist unangenehm, aber auch gleichzeitig faszinierend und anziehend, weil er intensive Gefühle verspricht.
  • Identitätsentwicklung und -verlust: Masken, Verkleidung, ein Geist-sein bedeutet Identitätswechsel oder gar Identitätslosigkeit. Dieses Spiel ist ein Kokettieren mit dem Anders-sein, dem Ausprobieren nicht gelebter Seiten des Selbst. Man kann spüren, wie es wäre mit dem Nicht-Ich.
  • Das Magische: Durch theatralische Rituale können wir der Fantasie der Steuerung von Naturgesetzen einen Raum geben und diese Fantasie dann reflektieren, um die Kinder in unsere Denkweise einzuführen.

Trotz der oben ausgeführten Möglichkeiten gibt es aber auch gewichtige Gründe zu sagen, dass die emotionale Reifung von Kindern beziehungsweise das Leben und Bewältigen von Angst auch ohne thematische Anbindung an ausser- oder übernatürliche Phänomene gefördert werden kann. So kann man, ohne Gespenster und Geister zu bemühen, eine Nachtwanderung im Wald machen, eine Geschichte im dunklen Keller erzählen, eine feuchte und tiefe Höhle erkunden, glitschige Dinge mit verbundenen Augen ertasten, einander mit Grimassen erschrecken, schauerlich-spannende Geschichten erfinden und erzählen und vieles mehr. Zentral scheint auf jeden Fall, dass Kinder mit ihren Emotionen reifen können und dürfen. Das Thema, die Verpackung, mit denen dieses Ziel bearbeitet wird, ist zweitrangig und eröffnet viele kreative Möglichkeiten.

Schule steckt im Spannungsfeld zwischen gestiegenen Ansprüchen an jüngere Kinder und herkömmlichen Themen, welche die Kinder an unserem kulturellen Gedächtnis teilhaben lassen. Unser Herkommen und die alten Formen des Glaubens (also Gespenster und Geister) sind Teil unserer Identität. Auf der andern Seite nimmt Schule immer auch Bezug auf das zukünftige Leben von Kindern, die einmal erwachsen sein werden. Dieser Zukunft sollen Kinder durch Aufbau von Kompetenzen in der Gegenwart begegnen.

In der Ausgabe 1/2012 der Zeitschrift «4 bis 8» finden Sie die ungekürzte Fassung dieses Textes. Das Heft kann – solange vorrrätig – beim Schulverlag gratis bezogen werden: sekretariat@4bis8.ch

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