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Fremdsprachenlernen: vom Privileg über das Recht zur Notwendigkeit

«Ich habe ganz traditionell ‹Franz› gelernt»

Das wird man in 30 bis 40 Jahren rückblickend vielleicht auch vom heutigen Fremdsprachenunterricht sagen. Wir lernen immer auf dem Stand des aktuellen Irrtums. Ein Blick zurück zeigt, was für ein weiter Weg schon hinter uns liegt.

Peter Uhr


Fremdsprachenlernen im Mittelalter

Fremdsprachenlernen im Mittelalter: Das Privileg, die Sprache der Wissenden und Herrschenden zu erlernen.

Von mittelalterlichen Mönchen bis zu römisch-katholischen Theologen haben Generationen von Menschen eine schon damals tote Sprache lesen, schreiben und – ja auch dies – sprechen gelernt. Vom Latein ist die Rede. Und von einem Unterricht, der vor allem aus Vokabel-Listen, Grammatiken und der Lektüre antiker Autoren bestand. Inklusive Übersetzungsübungen in beide Richtungen. Damals waren Fremdsprachenkenntnisse ein Privileg. Dieses Konzept hatte über Jahrhunderte funktioniert, und so wandte man diese Methode bis über die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts auch auf moderne, lebendige Sprachen an. Die Älteren unter uns haben auf diese Weise – mehr schlecht als recht – Französisch, Italienisch oder Englisch gelernt.

Französisch-Lehrmittel 1963

Aus «Je parle français» 1963: So haben Generationen von Schülerinnen und Schülern eine Fremdsprache zu erwerben versucht.

Für stark grammatik-orientierte Lernkonzepte standen Lehrmittel der 50er und 60er Jahre wie «Ici Fondeval», «Je parle français», «Frère Jacques», «Le hérisson» usw. Wenn wir von einem traditionellen Fremdsprachenunterricht sprechen, dann denken wir an einen Unterricht, der sich stark am Schriftlichen orientierte und der primär auf das inhalts- und handlungsarme Vokabeltraining und auf die Beschäftigung mit grammatikalischen Regeln fokussierte. Ziel des Unterrichts war ja nicht so sehr die Kommunikation in einer anderen Sprache, sondern humanistische Bildung. Je nach Lernertyp blieb auch mit einer solchen Methode einiges hängen.

Sprachlabors: Revolution und Stagnation


Sprachlabor

Automatisierendes Lernen von vorfabrizierten Dialogen im Sprachlabor.

 

Die technische Revolution der Sprachlabors in der Zeit zwischen ca. 1965 und 1980 versprach eine Verbesserung des Fremdsprachenunterrichts und eine Optimierung des Lernens. Die Neuerung verschlang Unmengen an Geld: Landauf, landab wurden Sprachlaboratorien eingerichtet. Kinder und Erwachsene sassen mit Kopfhörern in Einzelkojen; sie wiederholten grammatikalische Formen und automatisierte Dialogfetzen ohne Kontext und ohne persönliche Betroffenheit. Korrektes sprachliches Funktionieren war wichtiger als die Inhalte. Die Lerntheorie dahinter war der aus der Verhaltensforschung entstandene Behaviorismus. Dieser Stimulus-Reaktions-Methode erwuchs zunehmende Kritik, weil sie der Komplexität menschlichen Denkens nicht gerecht wurde.

Die kommunikative Wende

bonne chance

Bonne Chance: Aus dem Sprachmaterial, welches man fokussieren will, werden Situationen konstruiert.

 

 

Die 70er und 80er Jahre waren gekennzeichnet durch eine «Demokratisierung» des Fremdsprachenlernens und eine erste Welle von Mobilität im Bereich Arbeit und Freizeit. Fremdsprachen lernen zu dürfen, war nun zum einem Grundrecht aller Heranwachsenden in Europa geworden. Gleichzeitig erreichten den europäischen Kontinent aus den angelsächsischen Ländern neue, kommunikative Sprachlernmethoden. Diese versuchten, eine Synthese zu bilden zwischen dem Einüben fremdsprachlicher Redemittel, einem gesteuerten Wortschatz-Aufbau und dem Erkennen sprachlicher Gesetzmässigkeiten (Grammatik). Für diese Generation von Lehrwerken stehen die in vielen Kantonen verbreiteten Lehrmittel wie «Bonne Chance», «On y va», «Découvertes» usw. Die Situationen und Inhalte in den Lehrbüchern waren konstruiert; sie lieferten im Wesentlichen den Wortschatz und die Strukturen, die man anschliessend üben und festigen musste. Die Progression war kontrolliert, und Lehrpersonen wussten diese Sicherheit zu schätzen.

Europäischer Referenzrahmen: Ein Sprung nach vorn

Anfang der 90er Jahre wurde vom Europarat der sogenannte Gemeinsame Europäische Referenzrahmen (GER) entwickelt und propagiert. Die Idee dahinter war eine mehrfache: Einerseits wollte man mit einheitlichen, klar definierten Niveaubeschreibungen international vergleichbare Kompetenz-Standards schaffen. Diese sollen ermöglichen, Kompetenzen, die in verschiedenen Ländern mit verschiedenen Bildungssystemen und Diplomen erworben wurden, international vergleichbar zu machen. Andererseits wollte man das kommunikationsorientierte Sprachenlernen noch stärker auf eigentliche Handlungskompetenzen in den häufigsten Themen- oder Lebensbereichen ausrichten. Mit dem Mauerfall und der Globalisierung kam verstärkt die interkulturelle Kompetenz in den Blick, und Fremdsprachenlernen ist heute nicht mehr nur ein Recht, sondern eine Notwendigkeit.

Das zurzeit in vielen Deutschschweizer Kantonen eingesetzte Lehrmittel «Envol» berücksichtigt die Konzepte und Ideen des GER und des europäischen Sprachenportfolios, reflektiert aber aufgrund seines «Geburtsjahrs» die neuesten Erkenntnisse und Postulate im Bereich der Fremdsprachendidaktik nicht. Darum soll es nun mittelfristig durch eine Neuentwicklung abgelöst werden.

Passepartout: Didaktik der Mehrsprachigkeit

In den sechs deutsch- und zweisprachigen Kantonen die Sprachgrenze entlang wurde 2006 die interkantonale Projektstruktur «Passepartout» ins Leben gerufen. In diesem Rahmen entstanden ein neuer Lehrplan, Weiterbildungskonzepte für die Lehrpersonen und diverse wegweisende Grundlagendokumente. Passepartout erteilte 2007 dem Schulverlag den Auftrag zur Schaffung eines Französisch-Lehrmittels von der 3. bis zur 9. Klasse. Die Materialien für die 3. Klasse erschienen 2011 unter dem Titel «Mille feuilles», die Materialien für die nachfolgenden Schuljahre werden im Jahresrhythmus zur Verfügung stehen.

mille feuilles

Mille feuilles: Durch Bewusstheit für andere Sprachen und Kulturen den Blick auf die eigene Sprache und aufs Französische schärfen.

Die Didaktik, die dieser neuesten Lehrmittelgeneration zugrunde liegt, ist ein Spiegelbild der aktuellen lerntheoretischen Diskussionen und Erkenntnisse. Überdies wollen die Passepartout-Kantone mit der «funktionalen Mehrsprachigkeit» ernst machen und das Bewusstsein für Sprachen und Kulturen bei den Schülerinnen und Schülern konsequent fördern. Prägende Elemente dieser «Didaktik der Mehrsprachigkeit» ist überdies authentisches Sprach- und Bildmaterial aus der frankophonen Welt. Die Orientierung an einem breit verstandenen Kompetenzbegriff zeigt sich an bewusst eingesetzten kooperativen und individuellen Lernsequenzen, in denen Lernende sich nützliche Lernstrategien aneignen und damit ihre Lernautonomie stetig weiterentwickeln können. Ein solcher Unterricht orientiert sich stärker an der Welt ausserhalb des Schulzimmers und ist bestrebt, an ein Lernen heranzuführen, das sich an das muttersprachliche Lernen anlehnt.

Grammatik und Wortschatz braucht es auch hier. Aber sie leiten sich nun aus den Handlungszielen und aus den authentischen Materialien ab. Wer «ganz traditionell Franz gelernt» hatte, büffelte einerseits Wörter, andererseits Grammatik. Auf wundersame Weise hätte sich das dann im Kopf zu sprachlicher Handlungsfähigkeit verbinden sollen. Heutige Schulkinder brauchen nicht mehr auf solche Wunder zu hoffen; sie lernen handelnd lesen, verstehen, reden und schreiben. «Learning by doing» quasi. So, wie wir meist auch im Leben ausserhalb der Schule Neues lernen.

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