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Kulturvermittlung im Museum

Innovation hat Tradition

su jost

Su Jost, Ethnologin und freie Kulturvermittlerin (Dr. phil.), Leiterin Geschäftsstellen mmBE und mediamus

Der Begriff Kulturvermittlung steht derzeit hoch im Kurs. Sowohl der Bund als auch diverse Kantone haben dazu Förderprogramme ins Leben gerufen. Angesprochen sind zum einen Schulklassen, denen der Zugang zu Kunst und Kultur geebnet werden soll. Zum anderen sind es die Kulturanbieter, die zur Schaffung von innovativen Zugängen angehalten werden.

Die Förderinitiativen treffen in den Museen auf offene Türen. Die Kulturvermittlung im Museum schreibt seit rund 50 Jahren Innovationsgeschichte. Diese baut auf dem traditionellen Bildungsauftrag und -anspruch der Museen auf und erneuert ihn beständig. Die folgende Spurensuche soll helfen, Innovation in Verbindung mit Tradition(en) in der Kulturvermittlung zu verorten.

Das Museum als Multitasking-Maschinerie

Der Anspruch, ihr Publikum zu bilden, gehört zum Selbstverständnis der Museen, seit es sie als öffentliche Institutionen gibt. Die Aufgabe, Wissen zu vermitteln, hat sich so weit tradiert, dass sie zum Bestandteil der Definition von Museum nach ICOM (Internationaler Museumsrat) gehört: «Ein Museum ist eine gemeinnützige, ständige, der Öffentlichkeit zugängliche Einrichtung im Dienste der Gesellschaft und ihrer Entwicklung, die zu Studien-, Bildungs- und Unterhaltungszwecken materielle Zeugnisse von Menschen und ihrer Umwelt beschafft, bewahrt, erforscht, bekannt macht und ausstellt.» Die Definition beschreibt das Museum als eigentliche Multitasking-Maschinerie. Als solche bewegt es sich in einem Spannungsfeld zwischen Tradition und Innovation. Wie im Grundlagenartikel beschrieben, gilt es dabei auch für das Museum, tradierte Aufgaben und Ansprüche auf ihre Tauglichkeit für die Gegenwart zu prüfen. Mit welchen Mitteln und Ansätzen, in welcher Form, mit welcher Intensität und mit welchem Zielpublikum der Bildungszweck von den Museen verfolgt wird, hat sich im Laufe der Zeit ebenso stark verändert wie die Museen selbst.

Zwischen Publikum und Institution

In den 1970er Jahren wurde die Museums-Definition durch die Wendung «im Dienste der Öffentlichkeit und ihrer Entwicklung» ergänzt, eine Dekade später wurde dem Studien- und Bildungszweck – nicht ganz ohne Widerstand aus den eigenen Reihen – die Unterhaltung zur Seite gestellt. Beide Zusätze dokumentieren die schrittweise Öffnung der Museen hin zum Publikum sowie die allmähliche Veränderung des Bildungsverständnisses. Beides rief den Auf- und Ausbau der Kulturvermittlung im Museum auf den Plan.

Das Aufkommen der «Museumspädagogik» in den späten 1960er Jahren war in dem Sinne eine Innovation, als sie den traditionellen Bildungsanspruch des Museums ausweitete. Als direkter Draht zum breiteren Publikum muss sich die Kulturvermittlung im Museum an den Ideen und Ansprüchen ausrichten, die von aussen an sie herangetragen werden. Diese kollidieren mitunter mit den Möglichkeiten und Grenzen, die ihr gegeben sind. Was nicht gesammelt und dokumentiert ist, kann nicht vermittelt werden; was aus konservatorischen Gründen geschützt werden muss, kann nicht durch neugierige Hände wandern; wo beim Ausstellungskonzept der Gedanke an die Vermittlung nicht miteinbezogen wird, müssen Zugänge geschaffen werden; wo sich Themen ergeben, die fern des Lehrplans liegen, wird nach Bezügen gesucht.

Emanzipation und Vervielfältigung

Aus der «Museumspädagogik» von einst, die sich sehr stark auf die Schule konzentrierte, ist heute eine Bildung und Vermittlung geworden, in der Schulklassen als Zielpublikum zwar immer noch eine gewichtige, aber keine Solo-Rolle mehr spielen.

Parallel zur Erweiterung des Zielpublikums sorgt die Aufweichung der Grenzen zwischen Bildung und Unterhaltung für weitere Impulse. Der berechtigte und gern ausgespielte Trumpf, eine schier unerschöpfliche Realienkammer für Bildungsinhalte zu bieten, wird heute durch die Betonung des Erlebnischarakters ergänzt.

Erlebnis und Interaktion

Einen Auswuchs dieser Tendenz bildet die teilweise berüchtigte «Eventkultur» mit Museumstagen und -nächten, mit Mittelalter- und Science-Spektakeln. Innovativ wird es dabei dort, wo das Spektakel gezähmt und über den Vermittlungsanspruch in nachhaltige Bahnen gelenkt wird. Beispiele dazu finden sich in Projekten wie dem Legionärspfad Vindonissa, der Basler Papiermühle oder in Verbindungen zwischen Museum und Umgebung wie in Krauchthal, wo sich Museum und Sandsteinlehrpfad künftig vermehrt in die Hand spielen oder wie im Museum Rietberg, wo Schulklassen über den Einsatz von Social Media ein direktes Rendez-vous mit der Türkei ermöglicht wird.

Gestaltung und Inszenierung haben in den letzten Dekaden an Bedeutung gewonnen und im Ausstellungsbereich eine Erneuerungswelle ausgelöst, die noch in vollem Gange ist.

Der Erlebniseffekt wird auch in den Ausstellungen selbst angestrebt. Gestaltung und Inszenierung haben in den letzten Dekaden an Bedeutung gewonnen und im Ausstellungsbereich eine Erneuerungswelle ausgelöst, die noch in vollem Gange ist. Vom Klassiker Ballenberg über das Technorama in Winterthur oder das Museum für Kommunikation in Bern, das personale Vermittlung oft gleich mit in die Ausstellung integriert bis zum Stapferhaus in Lenzburg, welches mit seinen Ausstellungen primär auf interaktive Inszenierung setzt, finden sich dazu viele Beispiele in der Schweizer Museumslandschaft.

Das Museum als Medium

Wo sich die Museumspädagogik stark dazu verpflichtet fühlte, schuldidaktische Ansätze zu übernehmen, entsteht auf dieser Basis zunehmend ein neues Selbstverständnis, das Raum für eigene didaktische Ansätze und Spielarten schafft. Die Kulturvermittlung hat sich emanzipiert und plädiert heute dafür, das Museum als eigenständiges Lehr- und Lernmedium zu verstehen.

Ein solches Verständnis des Museums fördert die Interaktivität von Ausstellungen und Kulturvermittlungsangeboten und trägt dazu bei, dass sich Vermittlungsklassiker wie die Museumsführung oder Arbeitsaufträge verändern. Dialoge, Diskussionen und entdeckendes Lernen erhalten mehr Raum, Assoziieren und Fantasieren werden erlaubt. Konsequent zu Ende gedacht, führt die Auffassung des Museums als Lern- und Erlebnismedium an einen Punkt, wo die scheinbare Objektivität von Sammlung, Inszenierung und Interpretation auch hinterfragt werden darf. Das Museum macht sich selbst zum Thema.

Partizipation mit offenem Ausgang

Das derzeitige Modewort heisst Partizipation. Diese beginnt dort, wo es dem Publikum ermöglicht wird, Spuren in der Ausstellung zu hinterlassen, geht weiter zu Angeboten, in deren Rahmen Besuchende sich und anderen das Museum selbst erschliessen (Stichworte: Tours for Teens, Kinder führen Kinder, Schüler/innen führen Lehrpersonen), und mündet in Ansätze, die Vermittlung und Kuratorium verschmelzen lassen und bei denen das Publikum das Museum zu seinem eigenen macht. Grossbritannien und Nordeuropa zeigen sich diesbezüglich derzeit noch mutiger, aber auch die Schweiz beginnt mit Projekten nachzuziehen und gibt seine Sammlungen, wie zum Beispiel das Kunstmuseum Thun mit «Blicke Sammeln» für Interpretationen «von aussen», frei. Das Resultat wird dabei nicht vorgegeben, bleibt offen.

Innovation trifft auf Tradition

Im Vergleich zur Schule kann sich das Museum bezüglich offener Lernformate mehr erlauben. Es gibt kein Curriculum und keinen Druck, abrufbares Wissen zu produzieren. Der Innovationsschub, der in Richtung Partizipation geht, beisst sich mitunter mit tradierten Mustern und Erwartungen, welche die Schule ans Museum stellt. Interaktive und partizipative Formate verlangen nach Mut und Engagement, setzen die Bereitschaft voraus, von sich aus etwas zu wagen und Zeit zu investieren.

Innovation fordern heisst, für sie auch bereit zu sein. Wo die Möglichkeit eines Museumsbesuchs auf die traditionelle eine Stunde beschränkt ist, drängen sich die altbekannten Angebote auf. Aber wie gesagt – auch die Museumführung ist kein innovationsfreies Format.

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