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Erhalten und Erneuern

Tradition und Innovation – Versprechen, die zu prüfen sind

Die Polarität von Erhalten und Erneuern prägt mindestens seit der Zeit der Aufklärung zunehmend pädagogische Fragen. Wie stehen Tradition, Innovation, Bildung und Erziehung zueinander? Welche Rolle haben Bildung und Erziehung? Welche Ziele verfolgen sie?

Porträtbild Prof. Dr. Ueli Hostettler, Sozialanthropologe, Bereichsleiter Forschung und Entwicklung am Institut für Weiterbildung der PHBern

Die folgenden Überlegungen wollen auf Merkmale der Konzepte Tradition und Innovation hinweisen, die vielleicht weniger offensichtlich erscheinen, wenn wir uns im Alltag auf Tradition oder Innovation beziehen. Zudem sind im Umgang mit Bewahren und Erneuern die zentralen Fragen von Bildung und Erziehung verwurzelt. Dies soll, zugegebenermassen oberflächlich und allgemein gehalten, kurz in Erinnerung gerufen werden. 

Das Wort Tradition, verstanden als Übertragung oder Überlieferung, erscheint ab dem 16. Jahrhundert in der deutschen Sprache und ist abgleitet aus dem lateinischen Wort «traditio» («Übergabe», «Bericht»). Überlieferung kann Sitten, Bräuche, Handlungsregeln, Deutungsmuster und vieles mehr umfassen und erfolgt von Generation zu Generation. Diese Fähigkeit, eine gewisse Kontinuität zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu schaffen, ist Kultur. Sie zeichnet Menschen gegenüber andern Lebewesen aus. Tradition verweist auf Stabilität und Absicherung vergangener Erfahrungen und entlastet Menschen vom dauernden Entscheidungsdruck. Mit Tradition verbindet sich aber auch eine Vorstellung von Überlieferung, die Respekt verlangt und zur Übernahme verpflichtet. Was überliefert wurde, es also über mehrere Generationen hinweg aus der Vergangenheit bis in die Gegenwart geschafft hat, soll quasi automatisch und unhinterfragt übernommen werden.

Eine Innovation lässt sich gemeinhin erst im Nachhinein, in der Rückschau, als solche erkennen.»

Tradition kann zeitlich weit zurückreichen und dauerhaft Bewährtes meinen. Tradition kann aber auch nur scheinbar alt sein, wenn relativ neuen Inhalten eine legitimierende Patina verliehen wird. So sind einige der heute als uralt und typisch schweizerisch empfundenen Traditionen – etwa Trachten oder Bräuche – das Resultat der Erfindung einer schweizerischen Identität, welche im 19. Jahrhundert den entstehenden Nationalstaat legitimieren sollte.  Innovation, abgeleitet von lateinisch «innovatio» («Erneuerung», «Neuerung»), ist erst im 20. Jahrhundert fester Bestandteil vor allem des technischen und wirtschaftlichen Vokabulars geworden. Innovation ist in erster Linie Programm. Im Moment der Formulierung wird in der Regel auf radikal Neues verwiesen, ohne dass es möglich wäre, diesen Anspruch auf Neuerung auch wirklich im Voraus prüfen zu können. Eine Innovation lässt sich gemeinhin erst im Nachhinein, in der Rückschau, als solche erkennen. Innovation bedeutet also Erneuerung und verweist auf den Bruch mit Bestehendem oder zumindest dessen Anpassung an neue Gegebenheiten. Sie übersteigt in der allgemeinen Vorstellung das Stadium der Idee oder Erfindung und offenbart sich erst wirklich in ihrer erfolgreichen praktischen Umsetzung.  Generell und deshalb nicht zuletzt auch in der Schule sind die Ressourcen «Tradition» und «Innovation» omnipräsent in Legitimationsstrategien, in politischen Auseinandersetzungen und in der Anpreisung und dem Verkauf von Produkten. 

Tradition und Innovation sind in erster Linie Versprechen

Aus der Perspektive der Gegenwart ergeben sich verschiedene Probleme. Einerseits soll Tradition nicht auf ihre Gegenwartstauglichkeit geprüft werden, weil sie etwas bezeichnet, was sich bereits bewährt hat. Anderseits sind wir damit konfrontiert, dass sich zukünftige Entwicklung nur bedingt verlässlich voraussagen lässt und wir nicht in der Lage sind, die Qualität einer Innovation im Voraus zu prüfen, weil wir das, was sie verursachen will – ihre Wirkung –, in Wirklichkeit erst im Rückblick beurteilen können. Sich verändernde Anforderungen der Gegenwart können in Widerspruch zu überlieferten Überzeugungen und Lösungen stehen. Wir sind demnach gefordert, uns Tradition vorzugsweise bewusst statt unbewusst anzueignen und so vermeintlich stabile Inhalte oder Problemlösungen an gegenwärtige Bedürfnisse anzupassen. Im Moment der Aneignung von Tradition ist sie auch Innovation, indem durch Umformung Stabiles aus der Vergangenheit für die Gegenwart und die Zukunft nutzbar gemacht wird. Damit ist auch eine grosse Unsicherheit verbunden. Wir wissen nämlich im Moment nicht, ob Tradition für die Gegenwart taugt und ob deren Anpassung (also die Innovation) sich in der Zukunft bewährt.  

Die Polarität von Erhalten und Erneuern prägt mindestens seit der Zeit der Aufklärung zunehmend pädagogische Fragen.»

Tradition und Innovation sind also in erster Linie Versprechen, wonach vergangenes Handeln und Wissen sich auch in der Gegenwart bewähre und neu konzipiertes Handeln zukünftigen Erfordernissen genügen werde. Beide bergen Risiken. Bezogen auf die Innovation scheinen diese leicht nachvollziehbar zu sein. Dass aber auch die Tradition solche birgt, widerstrebt unserem Empfinden eher. 

Versprechen verlangen nach Prüfung

Wie in andern Bereichen des Alltags – dem Kreditwesen etwa – ist auch in diesem Fall anzuraten, solchen Versprechen mit Vorsicht zu begegnen und das selbstredend Bewährte ebenso wie das vielversprechend Neue einer kritischen Prüfung zu unterziehen.  Die Polarität von Erhalten und Erneuern prägt mindestens seit der Zeit der Aufklärung zunehmend pädagogische Fragen. Dabei stellt sich insbesondere die Frage, ob Bildung und Erziehung in erster Linie helfen sollen, Menschen an bestehende Lösungen und Verhältnisse anzupassen, oder ob sie Menschen zur Einschätzung gegenwärtiger Herausforderungen befähigen und damit ihre Urteilsfähigkeit erweitern sollen.  Jean-Jacques Rousseau hat als einer der Ersten diese Frage der Urteilsfähigkeit des Menschen ins Zentrum pädagogischer Arbeit gerückt. Die kritische Prüfung von Handlungsoptionen, die Fähigkeit, die Anforderungen der Gegenwart lesen, beurteilen und darauf angemessen reagieren zu können, sind Elemente von dem, was unter Mündigkeit verstanden werden kann. Diese Mündigkeit – ebenfalls ein zentrales Konzept der Aufklärung – steht neben der Vermittlung von Kulturtechniken, dem Postulat der Chancengleichheit und jenem der sozialen Integration im Zentrum des Bildungs- und Erziehungsauftrags der Schule in der Schweiz. An ihr soll sich also unser Umgang mit Tradition und Innovation orientieren.

Die kritische Prüfung von Handlungsoptionen, die Fähigkeit, die Anforderungen der Gegenwart lesen, beurteilen und darauf angemessen reagieren zu können, sind Elemente von dem, was unter Mündigkeit verstanden werden kann.»

Die entsprechenden Anforderungen dafür leiten sich aus Gegenwart und Zukunft ab. Die Fähigkeit, auf diese Anforderungen angemessen eingehen zu können und eine Balance in der bewussten Nutzung von Tradition und Innovation – also von Erhalten und Erneuern – zu finden, erlaubt es, die kulturelle Kraft von Tradition und Innovation für die Bewältigung des eigenen Lebens und der Aufgaben der Gesellschaft als Ganzes zu erkennen und zu nutzen. Alle, die aufgrund ihrer Funktionen und Rollen an der Ausgestaltung des Schulalltags beteiligt sind, verbinden über ihr Handeln täglich Tradition und Innovation. Zu hoffen ist, dass sie dabei die Mündigkeit der ihnen anvertrauten jungen Menschen als erstrebenswertes Ziel vor Augen haben. Und gerade weil Tradition und Innovation in erster Linie Versprechen sind, tun wir gut daran, genau darauf zu achten, wer diese Begriffe in welchem Kontext und für welchen Zweck verwendet.   

 

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