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Traditionen: Nebeneinander statt gegeneinander

Mit Besteck essen habe ich erst in der Tagesschule gelernt

Wie wirken sich fremde Traditionen auf den Schulalltag aus? Sind sie spürbar, und wie werden sie gelebt? Auf der Suche nach Antworten in einer multikulturellen Mittelstufenklasse im Brunnmattschulhaus in Bern.

Hansruedi Hediger

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Das über hundertjährige Schulhaus inmitten von eher gesichtslosen Geschäftshäusern und Sozialwohnungsbauten überrascht mit einer schönen Architektur – solide Schweizer Tradition erwarte ich im Innern eher als fremde Traditionen und Kulturen.

Im ersten Stock offene Schulzimmer, emsiges Arbeiten, berndeutsche Gesprächsfetzen... Erst beim genaueren Hinsehen erkenne ich Kinder anderer Kulturen. Auch die Klassenliste bestätigt es: Nazarée, Maymuna, Patrick, Schenika, Amra, Albineta, Abilash, Menson, Michael, Ali Firat, Art, Samra, Simon, Nao, Darko und Joel – ohne Ausnahme Schülerinnen und Schüler mit einem Migrationshintergrund.

Sei stolz auf das, was du bist!

Die Lehrerin Isabelle Lusser arbeitet seit bald zwanzig Jahren in diesem Schulhaus. Für sie sind Multikulturalität und fremde Traditionen Alltag. «Ich habe erst mit den Jahren Erfahrungen damit gemacht. Für uns hier ist das ganz normal; das fällt einem gar nicht mehr auf.

Man muss die andere Kultur nicht immer thematisieren, aber wertschätzen.»

Kinder sind überall gleich. Der Schweizer Pass und die Nationalität sind nebensächlich, doch nicht die Sprache, sie steht oft im Mittelpunkt des Unterrichts. Wichtig ist auch, dass die Schülerinnen und Schüler auf ihre Herkunft und ihre Traditionen stolz sind, stolz auf das besondere Essen, das die Mutter zu Hause kocht, stolz darauf, wenn die Fussballmannschaft aus der Heimat gewinnt.»

Schülerinnen und Schüler halten ganz selbstverständlich die Traditionen zu Hause und den Alltag in der Schule auseinander. «Man muss die andere Kultur nicht immer thematisieren, aber wertschätzen. Der Rollstuhl eines behinderten Kindes wird ja auch nicht immer erwähnt.»

Wir verstehen unser Kinder nicht mehr!

Mit der Pflege der Traditionen, vor allem auch im religiösen Bereich, bewahren die Eltern ein Stück Heimat. Das schafft Sicherheit und Identität. Isabelle Lusser: «Ich bringe deshalb grosses Verständnis für andere Traditionen und Wertehaltungen auf. Doch einen Vater, der seinen Sohn nicht zur Schule schickt, weil er zuerst den verlorenen Hausschlüssel suchen muss, kläre ich unmissverständlich über die Schulpflicht in der Schweiz auf. Und eher Mühe habe ich, wenn ein Vater nicht zum Elterngespräch erscheint, weil Schule in seiner Heimat Frauensache ist. Ich verstehe hingegen gut, wenn mir ein Vater bei der Begrüssung nicht die Hand gibt, weil sich das gemäss seiner Kultur gegenüber einer fremden Frau nicht geziemt.»

Bewusst Traditionen pflegen

Nicht nur mit grosser Selbstverständlichkeit, sondern auch mit Fantasie kann der Kulturunterschied gemeistert werden.»

Isabelle Lusser weiss, dass Eltern oft Angst vor einem Kulturverlust bei ihren Kindern haben. «Jetzt reden meine Kinder untereinander schon Deutsch, bald verstehen sie kein Arabisch mehr! Wenn sie sich integrieren, begreifen wir bald nicht mehr, was unsere Kinder tun und reden!» Integration soll kein Eingriff in die Traditionen zu Hause sein, sondern soll ein Nebeneinander von zwei Kulturen und gegenseitige Akzeptanz ermöglichen. Deshalb pflegt Isabelle Lusser bewusst auch Traditionen aus unserem Land.

Nicht nur mit grosser Selbstverständlichkeit, sondern auch mit Fantasie kann der Kulturunterschied gemeistert werden, wie das ein Mädchen aus einer andern Klasse tut, welches die traditionelle Kleidung von zu Hause unterwegs mit einer «schulkompatiblen Schweizer Kleidung» austauscht – und dies sehr wahrscheinlich ohne Wissen der Eltern.

Tradition war in der Schule immer von Bedeutung. Neu ist, dass es Traditionen sind.

Dass die Schülerinnen und Schüler mit grosser Selbst ver ständlichkeit mit den unterschiedlichen Kulturen und Traditionen umgehen können, bestätigen ihre Aussagen.

Ich spreche mit meinen Eltern somalisch, mit den Geschwistern aber deutsch. Zu Hause feiern wir muslimische, aber auch Schweizer Feste. Ich wollte während des Ramadan auch fasten, aber der Vater war dagegen, weil ich in der Schule sonst nicht gut lernen kann. Erst wenn ich 18 Jahre alt bin, kann ich entscheiden, ob ich das Kopftuch nicht mehr tragen will, aber das macht mir nichts aus. Das Kopftuch gehört auch für meine Freundinnen einfach zu mir. Im Turnen trage ich es nicht. Maymuna

Seit etwas mehr als einem Jahr lebe ich in der Schweiz. Zu Hause rede ich Tigrinya, denn ich bin in Eritrea bei den Grosseltern in einem Dorf aufgewachsen. Dort gab es keine Autos, aber das Fahrradfahren habe ich gelernt. Meine Grossmutter kochte auf dem Feuer. Meinen Vater kannte ich nicht, er ist im Krieg umgekommen. Ich möchte lieber in der Schweiz bleiben, da es keinen Krieg hat. Hier laden wir oft viele Leute ein, die auch aus Eritrea kommen.Simon

Ich übersetze manchmal für meine Eltern ins Tamilische. Ich mache es gerne und bin stolz darauf, dass ich es kann. Zu Hause essen wir den Reis mit der Hand. Erst in der Tagesschule habe ich gelernt, mit Besteck zu essen. In der Freizeit bin ich mit den anderen oft draussen. Abilash

Ich bin in der Schweiz geboren. Zu Hause spreche ich portugiesisch, französisch und deutsch. Der Wechsel zwischen den Sprachen macht mir keine Mühe. Nazarée

Meine Eltern kommen aus Angola und haben dort in der Hauptstadt Luanda gelebt. Meine Mutter kocht für sich und den Vater oft afrikanisches Essen. Wir sind Christen und besuchen am Sonntag die Kirche zusammen mit angolanischen und kongolesischen Leuten. Meine Mutter kleidet sich zu Hause anders als draussen. Joel

Meine Eltern kommen aus Sri Lanka und sprechen tamilisch. Wenn meine Mutter tamilische Kugeln macht und ich die in die Schule bringe, essen meine Freundinnen alles weg, weil es so gut schmeckt. Schenika

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