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Schulkultur an der Sprachgrenze

Wo der Röstigraben sich schliesst – un long processus à petits pas

An der Oberstufe in Murten werden Jugendliche aus zwei Sprachregionen unter dem gleichen Dach unterrichtet. Ein Gespräch über Multikulturalität der anderen Art.

Werner Jundt (Text)

Nathalie Krebs und Ule Matter

Nathalie Krebs, Lehrerin am «Cycle d’orientation de Morat» und Ule Matter, Lehrer an der «Orientierungsschule der Region Murten» empfangen mich in ihrem gemeinsamen Schulhaus. Die «Lernfabrik», wie die Anlage wegen ihrer Architektur auch genannt wird, besteht seit rund zehn Jahren. Vorher waren die deutschsprachige und die frankophone Oberstufe übereinander in einem älteren Schulhaus untergebracht, französischsprachige Klassen und Lehrerzimmer im Untergeschoss, die deutschsprachige Schule in den oberen Etagen. Seither ist viel passiert. Wenn die beiden Lehrpersonen von ihrer Schule erzählen, reden sie darum immer wieder von «Geschichte» und von «Prozess». 

In der Projektausschreibung für die neue Schulanlage für die sechzehn Schulverbandsgemeinden um den Murtensee war ausdrücklich gefordert, dass Deutschschweizer und Romands nicht räumlich getrennt sein sollten. Aber zwei LehrerInnenzimmer waren vorgesehen – was dann von den Lehrpersonen der beiden Schulen anders beschlossen wurde. Und dort, wo eine Trennwand anfänglich noch die beiden Sekretariate trennte, ist heute der Arbeitsplatz des gemeinsamen Lehrlings. Die 11 frankophonen und die rund 20 deutschsprachigen Klassen sind durchmischt angeordnet. Aber administrativ sind es zwei Schulen. «Zwei Schulen unter einem Dach» sagen auch die Jugendlichen. «Zwei Schulen, die langsam zusammenwachsen», meinen Nathalie Krebs und Ule Matter.

Die «Semaine sportive et culturelle» ist eine von etlichen gemeinsamen Aktivitäten der beiden Schulen.

Im Kanton sind die Mehrheitsverhältnisse gerade umgekehrt: Der Kanton Freiburg ist zu zwei Dritteln französischsprachig. Unter der gemeinsamen Erziehungsdirektorin gibt es eine deutsche und eine französische Abteilung mit je ihrer eigenen Hierarchie bis zu den einzelnen Schulen hinunter. Die Lehrpläne sind verschieden, wobei sich der neue PER (Plan d’études romand) und der kommende Deutschschweizer Lehrplan 21 wesentlich ähnlicher sind, als es die bisherigen Lehrpläne waren. In der Sprachgruppe, in der die Kinder eingeschult werden, durchlaufen sie normalerweise ihre Schulzeit. So hat es in den frankophonen Klassen des CORM (Cycle d’orientation de la région de Morat) etliche zweisprachige SchülerInnen mit deutschsprachigen Eltern aus frankophonen Gemeinden jenseits des Murtensees.

Wo sind die Unterschiede zwischen den beiden Schulkulturen?

«Bei euch Romands wird mehr von oben vorgegeben», sagt Ule zu Nathalie. Diese bestätigt: «Wir haben zum Beispiel auch Fachverantwortliche über alle Schuljahre hinweg. Bei euch sind die Lehrpersonen autonomer, da läuft mehr zwischen Kollegen an Parallelklassen. Ein sichtbarer Unterschied», meint Nathalie Krebs, «betrifft die Unterrichtsformen. Bei uns spielt sich der Unterricht grösstenteils im Schulzimmer ab. Eure Schülerinnen und Schüler arbeiten häufig in Gruppen in den Korridoren, bewegen sich mehr.» Die beiden sind sich einig: Das ist nicht schulhaustypisch, sondern ein Unterschied zwischen der Deutschschweiz und der Romandie. Letztere ist didaktisch stärker nach Frankreich ausgerichtet.

Wo Unterschiede sind, kann man auch voneinander lernen, wie Nathalie Krebs berichtet: «Bisher wechselten wir an den Klassen jedes Jahr die Lehrpersonen, wie das in der Romandie selbstverständlich ist. Dann haben wir überlegt, dass Kontinuität und Beziehung auch etwas wert sind. Jetzt machen wir es wie die Kollegen von der deutschen Abteilung und behalten die Klassen für drei Jahre.» – «Wir haben von euch die Sport- und Kulturwoche übernommen», sagt Ule Matter, «und jetzt machen wir sie gemeinsam mit euch.» Jedes Jahr wird der Unterricht während einer Woche ausgesetzt. Die Schülerinnen und Schüler besuchen Sportlager oder Ateliers an der Schule. Diese Veranstaltungen werden in zweisprachigen Gruppen geführt. Diese «Semaine sportive et culturelle» ist eine von etlichen gemeinsamen Aktivitäten der beiden Schulen. Weitere sind Sporttag und Orientierungslauf, Ball der Abschlussklassen, Exkursionstag zum Schuljahresbeginn, Grümpelturnier der Lehrkräfte. «In zehn Jahren wird noch ganz anderes normal sein, was es vorher nicht gegeben hat», meint Ule und zu Nathalie: «Du musst unbedingt vom Sprachenkonzept berichten!

«De toute façon on va démarrer»

«Vor ein paar Jahren hat der Grosse Rat ein Programm mit verschiedenen Vorschlägen verabschiedet», erklärt Nathalie Krebs. «Wir realisieren in einem Pilotprojekt zwei davon: «Unterrichtssequenzen in der Partnersprache» und «Immersion». Für den ersten werden drei Tandems von Lehrpersonen gebildet, die Geschichte, Geografie und Naturlehre zu 10 Prozent in der anderssprachigen Partnerklasse unterrichten. Immersion findet in den frankophonen Klassen im Hauswirtschaftsunterricht und in den deutschsprachigen Klassen im Technischen und Textilen Gestalten statt. Zusätzlich werden im Sport zwei Klassen halb/halb zusammengesetzt und abwechselnd deutsch und französisch unterrichtet.» Da die beiden Schulen je einen eigenen Stundenplan haben, und die Lehrpläne unterschiedlich sind, ist das alles nicht trivial. Kommt dazu, dass nicht alle Lehrpersonen sprachlich gleich kompetent sind. Zwingen kann man niemanden. Das braucht Zeit. «De toute façon on va démarrer», sagt Nathalie Krebs überzeugt.

Dass im Schulhaus zwei Schulen nebeneinander untergebracht sind, bringt für Lehrpersonen eine zusätzliche Herausforderung mit. «Manchmal habe ich den Eindruck», sagt Nathalie Krebs, «die deutschsprachigen Schülerinnen und Schüler kennen mich gar nicht und nehmen mich darum nicht ernst. «Wenn i de Dütsch rede, geits besser.» Eine Lehrkraft, die nicht beide Sprachen spricht, kann schon mal frustriert sein.

Ein Grossraumbüro statt zwei Lehrer- und Lehrerinnenzimmer.

 

Unterwegs ohne Zwang

«Wenn man die beiden Kulturen unter dem gemeinsamen Dach karikieren wollte – wie würde das aussehen?», möchte ich noch wissen. Die beiden Lehrpersonen zeichnen ihre Seite gleich selbst. Ule Matter sagt: «Wenn etwas ansteht, Sporttag zum Beispiel, da machen wir Deutschschweizer als Erstes eine Liste mit mindestens zehn Punkten» – «und wir Romands», fährt seine Kollegin fort, «wir starten mal eine grosse Diskussion.

Noch geht man in vielem auf zwei Wegen, die sich aber annähern auf ein gemeinsames Ziel hin führen. Man ist unterwegs, ohne Zwang, aus Überzeugung, mit kleinen Schritten.

Informationen zum Sprachenkonzept des Kantons Freiburg findet man unter www.fralleng.ch/concept/

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