farbwelt

Kolumne von Jürg Acklin

Aus der guten alten Zeit

Jürg Acklin
Schriftsteller und Psychoanalytiker

Soll ich Ihnen eine Geschichte aus der guten alten Zeit, als die Lehrerwelt noch in Ordnung war, erzählen? 1972 war es, also vier Jahre nach 68, ich kam frisch aus dem Oberseminar – so hiess damals noch die pädagogische Hochschule – die Segel gebläht von einer frischen Brise des Aufbruchs, die antiautoritären Lehren von A.S. Neills Buch «Summerhill» im Handgepäck, also ganz im Bewusstsein, einer gesellschaftlichen und pädagogischen Avantgarde anzugehören. Und so trat ich auch im Lehrerzimmer des eben neu eingeweihten Schulhauses auf. Ich wusste, wie es ging, und tat das auch lautstark und wortreich kund. Als ich einen eher konservativen Junglehrer, der es wagte, mir zu widersprechen, zusammenstauchte, zupften einige ältliche Lehrerinnen nervös an den Ärmeln ihrer Wolljäckchen, während ein paar andere wie Dornröschen begeistert staunten, als würden sie aus einem hundertjährigen Schlaf wachgeküsst.

Von nun an gab es zwei Fraktionen im Lehrerzimmer: Reformfreudige, die den Aufbruch zu neuen Ufern wagen wollten, die sich freuten, wenn die Schüler Mitsprache forderten, die keine Angst vor kritischem Nachfragen hatten, und Konservative, denen die Angst den Hals zuschnürte, die verbissen um ihren pädagogischen Besitzstand kämpften.

Das gab einen spannenden dreijährigen Konkurrenzkampf, den mein Team-Kollege und ich (wir arbeiteten schon damals im Turnus; das war in jenen Zeiten geradezu revolutionär) trotz Gruppenunterricht, Selbstverantwortung der Schüler und einer garantierten 4 für jedes Fach im Zeugnis (!) nach Punkten für uns entschieden. Wir brachten mehr Schüler und Schülerinnen ins Gymnasium und in die Sekundarschule (in ZH heute Sek. A), als die früher in dieser Beziehung erfolgreichste Lehrerin des gesamten Teams.

Hier noch eine kleine Anekdote aus einer Begegnung mit einer Aufsichtsperson: Ich erinnere mich noch gut, wie ein älterer Schulinspektor die Nase rümpfend auf einen Schüler hinwies, der barfuss in die Schule kam, eine Rotznase hatte und einen Stapel Comichefte auf dem Tisch. Als der Inspektor dann auch noch zwar hervorragend gezeichnete Dinosaurier, aber mit riesengrossen Geschlechtsteilen ausgestattet bei ihm entdeckte, nahm er uns entrüstet zur Seite und fragte: Wer ist denn das? Ach der, sagten wir, das ist unser Primus, in allen Fächern. Sein Vater ist Professor für Molekularbiologie und hat gerade einen international hoch geachteten Preis für seine Forschungen erhalten. Die gute alte Zeit?

Wir waren arrogant, ja frech und als Lehrer auf Zeit (wir arbeiteten nebenher beide noch an unseren Dissertationen) auch eine Art Turbolader. Lange hätten wir diese Intensität wahrscheinlich nicht durchgehalten; dafür braucht es Pädagogen und Pädagoginnen mit Dieselmotorqualitäten. 

Fazit: Turbolader brauchen auf die Dauer zu viel Energie. Für einen pädagogischen Zwischenspurt sind sie aber allemal geeignet.

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