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Fünf Schulen – ein Projekt

Kunst trifft via Schule auf das Dorf

Wenn 5 Schulgemeinden sich nicht nur koordinieren, sondern etwas Gemeinsames schaffen wollen, kann dabei ein Projekt herauskommen, wie es wohl nur alle Generationen einmal möglich ist.

Daniel Friederich

Wer Paris hört, denkt sofort: Eiffelturm. Wer Thun hört, denkt vielleicht: Schloss, See oder gar Kaserne. Viele Städte und Orte haben ihre Erkennungs- und Wahrzeichen. Neben diesen «offiziellen» Wahrzeichen haben aber die meisten Städte und Dörfer auch ihre «inoffiziellen», privaten Besonderheiten. Für die Schülerinnen und Schüler sind es oft Erinnerungen, mit denen sie durch Erlebnisse, Begebenheiten und Geschichten verbunden sind. Diese sind viel wahrhaftiger und wichtiger als die auf den ersten Blick sichtbaren Wahrzeichen. Das gilt auch für die kleinen Gemeinden Belpberg, Gerzensee, Kirchdorf, Mühledorf und Noflen.

Sieben Kunstschaffende und rund 300 Schülerinnen und Schüler haben sich auf eine Reise in die Welt der Kunst aufgemacht und in ihren fünf Dörfern ihre privaten Wahrzeichen gesammelt: Gegenstände, Gebäude, Pflanzen, Tiere, Aussichtsorte, Verstecke, Spielorte, Maschinen, Hausdächer, Fahrzeuge – einfach all die Dinge, die den Kindern an ihrem Dorf wichtig sind und mit denen sie ihre Geschichten und Erinnerungen verbinden. Alles wurde fotografiert, in die Schule gebracht, gezeigt, erklärt und es wurde davon erzählt.

Neben diesen «offiziellen» Wahrzeichen haben aber die meisten Städte und Dörfer auch ihre «inoffiziellen», privaten Besonderheiten.

Aus den Fotos und Erzählungen sind allmählich Konstruktionen entstanden. In kleinen Teams haben die Kinder die verschiedenen Fotos aufeinander getürmt, geklebt, geschichtet und gebaut. Kartonmodelle von möglichen Dorf-Bühnenbildern sind entstanden. Jede Klasse hat dasjenige Bühnenbild für ihr Dorf ausgewählt, das allen Schülerinnen und Schülern am besten gefallen hat, und anschliessend wurde auch noch über eine passende Farbe abgestimmt.

Aus den einzelnen Teilen ist so ein grosses Ganzes geworden – zu jedem Dorf passend, aus den Geschichten des Dorfes entwickelt und dadurch einzigartig. Was den Schülerinnen und Schülern beim Entstehen emotional wichtig war, stand dabei immer im Vordergrund. Die Bühnenbild-Modelle wurden danach von Handwerkern vergrössert und als Holzkonstruktionen aus alten Bühnenelementen des Stadttheaters Bern in der Landschaft aufgebaut. Damit stand alsbald in jeder Gemeinde ein Bühnenbild für die ebenfalls im Entstehen begriffenen vielfältigen Produktionen unter freiem Himmel.

Die Holzkonstruktionen standen einige Wochen vor dem eigentlichen Kunstprojekt Spielberg (so lautete der Name des Grossprojektes) schon vor Ort. Damit wurde die Bevölkerung auf das Kunstprojekt Spielberg aufmerksam gemacht und viele fragten sich, was diese komischen Gebilde zu bedeuten hätten. War das jetzt Kunst?

Die fünf Schulen der Region Berg organisierten einen aussergewöhnlichen kulturellen Anlass. Die ganze Region wurde von 14. bis 19. Juni 2011 durch die Zusammenarbeit von Künstlern mit Schulkindern in einen «Spielberg» verwandelt. Auf den fünf Spielstätten wurde getanzt, gespielt, gegroovt, gesungen, Theater gespielt. Die selbstentwickelten Spielberg-Theaterstücke hiessen: «Die Schätze vom Belpberg», «Landhotel Gerzensee», «Dorfplatzgeschichten» in Kirchdorf, «Die Spielleute» in Mühledorf und «Flügu us Gmüesharasse» in Noflen. An allen fünf Standorten gab es von den Schülerinnen und Schülern hergestellte Holzskulpturen zu kaufen. In einem detaillierten Programm waren die Spielorte und -zeiten aufgeführt und per Velo, Rollerblades, Scooter, Trottinett, Leiterwagen oder Traktor samt Anhänger gelangte man von Spielort zu Spielort. Vor Ort konnte man sich in improvisierten Bistros durch Mitglieder der jeweiligen Schulkommission verköstigen lassen.

Aus dem Projekt entwickelte sich ein Grossereignis für diese kleinen Schulgemeinden. Alle Fäden in der Hand behielt die Schulleiterin der Schulen Region Berg, Silvia Schei­degger. Mit einer Vorlaufzeit von drei Jahren benötigte sie einen grossen Durchhaltewillen und Motivationstalent! Unter anderem war sie auch für das Budget verantwortlich und hatte die Aufgabe, Sponsorengelder in der Höhe von 50 000 Franken aufzutreiben. Dank Beiträgen des Kantons, des Berner Jugendtags, des einheimischen Gewerbes, der Gemeinde, der Schulen und der Festwirtschaft gelang es, den Spielberg ohne rote Zahlen durchzuführen.

Die Idee zu einem Kunstprojekt kam ursprünglich nicht von den Schulen selber. Der aktive Kultur- und Ortsverein regte dazu an, Kunstschaffende für ein Kulturprojekt mit den Schulen zu engagieren, und stellte dafür auch gleich etwas Geld zur Verfügung.

Wie nachhaltig wirkt dieses Kulturprojekt? 

Silvia Scheidegger meint dazu: Die Zusammenarbeit in den Schulgemeinden der Schulen Region Berg begann nicht erst mit dem Projekt Spielberg. Mit der Einführung des Schulmodelles 6/3 wurden Wahlfächer gemeinsam angeboten. Die Zusammenarbeit der Schulen wurde auf allen Ebenen enger. Mittels Schulbus werden heute z.B. Kindergartenkinder in Noflen zusammengeführt oder Turntage regional organisert. Das Projekt vermochte aber das Zusammengehörigkeitsgefühl der Schulen und der Dörfer zu stärken und machte sichtbar, welche ungeahnten Möglichkeiten sich eröffnen, wenn eine Region ihre Kräfte bündelt.

Das Ausserordentliche dieses 4-tägigen Kulturprojektes bleibt Schülerinnen und Schülern, Lehrpersonen, Eltern, Dorfbewohnern und Besuchern wohl noch lange in Erinnerung. Auch wenn vom Spielberg nichts Sichtbares in der Landschaft mehr zurückbleibt, hat das Ereignis eine gewisse Nachhaltigkeit und bleibt in unseren Köpfen als Wahrzeichen erhalten.

Gibt es schon bald ein zweites Spielberg-Projekt?

Nebst dem Tagesgeschäft fordert ein solches Projekt viel zusätzliche Kraft und Durchhaltewillen. Viele Stunden zusätzlicher Freiwilligenarbeit stecken darin. Gegenwärtig arbeiten wir intensiv an Veränderungen der regionalen Schulstruktur, sodass wir wohl nicht so rasch genügend Energie und Freiräume haben, ein ähnlich grosses Projekt in Angriff zu nehmen. Dass es aber klappen kann, wissen wir und so bin ich gespannt, woher eine neue Initiative kommen wird!

 

Die Kunstschaffenden

Hanswalter Graf, Thun Kunst im öffentlichen Raum | www.hanswaltergraf.ch

Luzius Engel, Bern | Lehrer und Theaterpädagoge | www.theaterpaedagogik.ch

Gianni Vasari, Biel | Zeichnung, Malerei, Skulptur und Holzschnitt | www.vasari.ch

Oli Hirschi, Bern Tanz | www.dschwyztanzt.ch

Peter Tschanz, Steffisburg Groove&Move | www.g-a-m.ch

Babu Wälti, Bern Recycler

Verena Kaiser, Gerzensee SchreibPunkt | www.schreibpunkt.ch

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