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Fachdidaktik Deutsch

Mit Aufgaben das Lernen ankurbeln

Zukünftige Lehrerinnen und Lehrer der Sekundarstufe I lernen Aufgaben stellen, die sprachlichen Lernprozesse auslösen. Ein Gespräch mit Evelyn Flückiger.

Therese Grossmann 

 
Evelyn Flückiger

Evelyn Flückiger, Dozentin Fach­didaktik Deutsch an der PH Bern.

profi-L: Aufgaben gelten als «Kernstück des Unterrichts». Welche Schwerpunkte thematisieren Sie diesbezüglich in der Ausbildung?

Aufgabenstellungen und ihr Umgang damit sind in allen Modulen der Fachdidaktik Deutsch enthalten. Es geht dabei hauptsächlich um das Erstellen und Kommunizieren von fachspezifischen Aufgaben, ums Nutzen von entsprechenden Lehrmittelangeboten und um den Einbau ins Unterrichtsarrangement. Dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Rollen der Lehrperson im Zusammenhang mit Aufgabenstellungen.

Bereits zu Beginn des Studiums «Fachdidaktik Deutsch» beschäftigen sich die Studierenden mit Aufgabenstellungen im Deutschunterricht. Der Fokus liegt auf dem Inhalt einer Aufgabe, auf der Form und ganz besonders auf der Sprache. Die Studierenden lernen zum Beispiel, wie sie Aufgabenstellungen kommunizieren, und machen dazu praktische Beispiele. Es ist für die Studierenden zu Beginn des Studiums eine schwierige Situation, in die Rolle der Lehrperson zu schlüpfen, die die Schülerinnen und Schüler direkt anspricht und klare Forderungen formuliert. Also auch Imperative braucht. Während der ersten Semester der Fachdidaktik üben die Studierenden immer wieder Formulierungen von Aufgabenstellungen, schriftliche und mündliche. Diese werden dann durch die andern Studierenden und auch durch die Dozierenden der Fachdidaktik reflektiert. Wir wollen, dass sich die Verbindlichkeit eines Auftrags auch in der Sprache zeigt.

Zur Beschreibung von Aufgabenstellungen gibt es ja viele Kriterien. Welche sind für Studierende der ersten Semester Fachdidaktik Deutsch nachvollziehbar?

Wir stellen den Studierenden einen Analyseraster, eine Art Check-Liste zur Verfügung, mit der sie eigene und fremde Aufträge bzw. Aufgabenstellungen überprüfen können wie zum Beispiel: Ist die Aufgabe sprachlich verständlich formuliert? Wird die Funktion der Aufgabe deutlich? Ist der Umgang mit dem Zwischen- oder Endprodukt geklärt? Es geht zu Beginn des Studiums um grundlegende Elemente, die ein Auftrag enthalten muss, damit die Schülerinnen und Schüler alle notwendigen Informationen für ihre Arbeit erhalten. Aus der allgemeinen Didaktik bringen die Studierenden ihr Vorwissen über die Bedeutung von Aufgabenstellungen im Unterricht und über relevante Merkmale mit, wie eben z.B. «Transparenz». Aus der fachdidaktischen Perspektive betonen wir das Kriterium «sprachliche Forderung»: Die Studierenden sollen sich bewusst sein, dass mit Aufgabenstellungen Lernen gefordert und gefördert wird und es nicht einfach um die Beschäftigung der Schülerinnen und Schüler geht. Das ist grundlegend und muss immer wieder hervorgehoben werden: Im Deutschunterricht sollen Aufgaben gestellt werden, die garantieren, dass die Schülerinnen und Schüler in ihren sprachlichen Handlungen gefordert werden. Aufgaben werden ja immer in einem fachlichen Kontext gestellt und nicht in einem allgemein-didaktischen. Das heisst auch, dass die Studierenden die Sprachhandlungsbereiche – Hören, Sprechen, Lesen und Schreiben – bereits grob kennen lernen müssen. In späteren Modulen werden diese Teilbereiche dann vertieft angegangen, natürlich spielen auch da die Aufgabenstellungen wieder eine zentrale Rolle.

Die Aufgabenstellung soll kompetenzorientiert und handlungsorientiert sein, sie soll die Schülerinnen und Schüler sprachlich aktivieren und zum Weiterdenken anregen. 

Aufgaben sind oft integrierte Bestandteile von Lehrmitteln. Welchen Umgang damit lernen Ihre Studierenden?

Erst nach den oben geschilderten praktischen Übungen zur Klärung der Frage «Was sind gute fachspezifische Aufgabenstellungen?» steigen wir in die Lehrmittelangebote ein. Zuerst führen wir in die Philosophie des Lehrmittels ein, dann zeigen wir die Komponenten einer Aufgabenstellung und was davon sich an die eigenen Unterrichtsbedürfnisse anpassen lässt, zum Beispiel das Material, die Sozialform oder die Zeitangaben. Die Studierenden setzen sich exemplarisch mit Aufgabenstellungen auseinander; sie müssen zum Beispiel analysieren, welche sprachliche Aktivitäten diese in welchen Sprachhandlungsbereichen ermöglichen. Oder welchen Zielen sie dienen. In den ersten Semestern der Fachdidaktik lernen die Studierenden, gegenüber dem Lehrmittelangebot eine offene Haltung einzunehmen, nach dem Motto: Nutzt die Lehrmittel, seid kritisch und adaptiert sie nach euren Bedürfnissen. In den späteren Semestern üben sie, Aufgabenstellungen so zu verändern, dass diese eine innere Differenzierung ermöglichen. Zuerst brauchen sie Praxis im Umgang mit Aufgaben, also Erfahrungen in Form eines Fachpraktikums. 

Wie lassen sich Theorie und Praxis bezüglich Aufgabenstellungen verbinden?

Für das Fachpraktikum 1 erhalten die Studierenden den Auftrag, eine selbst konzipierte Aufgabenstellung, die sie im Unterricht verwendet haben, zu dokumentieren. Dazu gehört unter anderem, die Zielsetzung der Aufgabe zu zeigen sowie die deutschdidaktischen Modelle, die der Arbeit zugrunde liegen. Anhand von Arbeiten der Schülerinnen und Schüler soll die sprachliche Lernaktivität der Schülerinnen und Schüler analysiert werden. 

Zum Auftrag gehört auch die Evaluation: Die Studierenden überlegen sich, ob sie diese Aufgabenstellung in Zukunft unverändert, modifiziert oder nicht mehr einsetzen würden. Die Praktikumsdokumentation geht an die Dozierenden und die Studierenden erhalten ein Feedback. Es kann auch sein, dass eine Aufgabenstellung später als Beispiel wieder in den Fachdidaktik-Unterricht einfliesst. Als Stärkung der Verbindung zwischen den fachdidaktischen Modulen und den Fachpraktika stellen wir den Praktikumslehrpersonen unser Skript und die Aufträge aus dem Fachdidaktik-Unterricht zur Verfügung. 

Zur Aufgabenkultur gehört auch der Einbau in Unterrichtssettings und die damit verbundenen Rollen der Lehrpersonen. Wie können das die Studierenden lernen?

Vor dem Fachpraktikum 1 machen wir eine Sequenz, in der die Studierenden lernen, Aufgabenstellungen in eine Lektionsvorbereitung einzubauen. Ein weiteres Thema sind Auswertungsformen von Aufgaben. Da ist es uns wichtig, dass die Studierenden Varianten kennen. In der Besprechung von Praktikumslektionen werden dann Handlungsvarianten thematisiert, die sich für die Lehrperson im Umgang mit Aufgaben ergeben. Da geht es zum Beispiel um Fragen wie: Wann ist Kontrolle sinnvoll? Wann ein Impuls? Wann ist es besser, sich zurückzunehmen? Wann und wie kann den Schülerinnen und Schülern Selbstverantwortung zugemutet werden? Diese Reflexion der praktischen Unterrichtssituation ist für uns auch eine Möglichkeit, in der Ausbildung Theorie und Praxis zu verbinden.

Sie haben vorhin darauf hingewiesen, dass Differenzierungsfragen erst nach den praktischen Erfahrungen mit Aufgabenstellungen vertieft angegangen werden können. Können Sie das begründen?

Konkrete Praxiserfahrungen bewirken bei Studierenden die Erkenntnis, dass trotz identischer Aufgabenstellungen nicht alle Schülerinnen und Schüler am gleichen Ort landen. Eine zweite Erkenntnis wird sein, dass Aufgabenstellungen bei den einzelnen Schülerinnen und Schülern einen individuellen Lernprozess auslösen. Und dass dieser Lernprozess einen hohen Stellenwert hat. Eine solche Haltung kann umso besser aufgebaut werden, je sicherer sich die Studierenden im elementaren Umgang mit Aufgabenstellungen fühlen. Die Studierenden erhalten in dieser Phase des Studiums den Auftrag, Aufgabenstellungen zu einem Lesetext für eine Klasse mit drei Niveaus zu formulieren. Dabei werden unter anderem die Bedeutung der Vorentlastung, der Sozialform und der zur Verfügung stehenden Zeit diskutiert. 

Gibt es am Ende des Studiums eine Art Meisterstück bezüglich Aufgabenstellung?

Ja, die Studierenden formulieren eine schriftliche Aufgabenstellung, die selbsterklärend sein soll. Dabei muss eine grosse Palette von Kriterien erfüllt werden, wie z.B.: Die Aufgabenstellung soll kompetenzorientiert und handlungsorientiert sein, sie soll die Schülerinnen und Schüler sprachlich aktivieren und zum Weiterdenken anregen. Eigentlich arbeiten die Studierenden am Ende des Studiums wie Lehrmittelautoren.

Aufgabenstellungen durchziehen die ganze Fachdidaktik, sie haben einen hohen Stellenwert. Welches pädagogisch-didaktische Credo liegt dem zugrunde?

Für das Gelingen von Unterricht beziehungsweise von Lernprozessen sind gut durchdachte Aufgaben zentral. Die Studierenden können in der Ausbildung erfahren, wie wichtig das didaktische Konzept von Aufgabenstellungen ist, wie wichtig das Arrangement und die Kommunikation. Wenn bei den Studierenden die Überzeugung wächst, dass mit bewusst konzipierten Aufgabenstellungen nicht nur intensive Lernprozesse ausgelöst, sondern auch viele Schwierigkeiten sozialer und motivationaler Art abgefedert werden können, hat sich der Aufwand gelohnt. 

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