farbwelt

Kolumne von Jürg Acklin

Der Taugenichts

Daniel FriedrichJürg Acklin Schriftsteller und Psychoanalytiker
Wie schön wäre es doch aufzubrechen in die Welt wie der Taugenichts in der Novelle von Joseph von Eichendorff, ohne ein Ziel vor Augen, ganz sich und seinen Empfindungen hingegeben, offen für alles, gewissermassen aller Aufgaben entledigt, frei von den kleinen und grossen Forderungen des Alltags. Eben so, wie wir das als Kinder noch konnten, wenn wir unter dem Rasensprenger kreischend hin und her liefen, wenn nachmittags um drei für uns die Sonne ewig schien, wenn keine Aufgaben auf uns warteten, nur eine von der Mutter liebevoll hingestreckte Eiscreme. Nichts konnte unsere Unbeschwertheit trüben, wir hatten diese «Leichtigkeit des Seins», bis wir aus dem Paradies vertrieben wurden, bis da plötzlich ständig und überall kleine Aufgaben auf uns lauerten. Du musst die Zähne noch putzen, lass deine Autos nicht einfach so auf dem Boden herumliegen, wir haben dafür eine Spielzeugtruhe. Umstellt von Aufgaben, war eine erledigt, grinste uns schon die nächste entgegen, näherten wir uns mit kleinen, kaum feststellbaren Schritten dem Erwachsenenleben. Das Erfüllen eines ständig zunehmenden Forderungskatalogs machte aus uns unbeschwerten Wesen gut erzogene Kinder, selbstständig arbeitende Schüler und später verantwortungsvolle Mitbürger und Mitbürgerinnen. Ja, wahrscheinlich lässt sich unser irdisches Dasein nicht ohne einen dauernden Pflichtenhorizont anständig bewältigen, wenn wir nicht entmündigt werden wollen, wenn wir nicht nach der Devise «Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich reichlich ungeniert» leben wollen. Aber es gibt auch ein Zuviel an Verpflichtungen. Wir können süchtig werden nach Aufgaben. Wir fühlen uns unwohl, wenn wir nicht ständig etwas erledigen müssen. Wir werden ohne unser iPhone auch in den Ferien nicht glücklich, schauen schnell nach, sind dankbar für die Klingel-, für die Schlürf- und anderen Geräusche, die unser Gerät von sich gibt, wenn es uns mit neuen Informationen und damit neuen Aufgaben versorgt. Und wie alle Süchtigen geraten wir ohne unsere Droge in eine bedrohliche Leere. Wir könnten gar nicht mehr wie der Taugenichts einfach in den Tag hineinleben, wir haben das verlernt, wir fühlen uns nur noch wohl im Korsett der unaufhörlichen Verpflichtungen, wir kommen uns sonst abhanden. Im günstigeren Fall verlangen wir nach einer Auszeit oder – wenns hochkommt – sogar nach einem Sabbatical, im schlechteren bekommen wir ein Burnout, das uns aus dem erstickenden Forderungsdschungel in die Einöde unseres entkernten Daseins wirft. Wir müssen Sorge tragen, dass wir unsere Sensoren für die Wahrnehmung der Welt in und um uns nicht verkümmern lassen, sie sind nämlich schneller verschwunden, als uns lieb ist, und es dauert, bis sie sich wieder entwickeln.
 
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