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Lehrpersonen stärken

Intensivweiterbildungen können Lehrper­sonen helfen, ihren Standort zu bestimmen und neue Perspektiven zu ­entwickeln, erklären Magdalena Bösiger und Andrea Meuli im Gespräch mit Hansruedi Hediger.

Welche persönlichen und fachlichen Voraussetzungen müssen Lehrer und Lehrerinnen für eine Intensivweiterbildung mitbringen?

Magdalena Bösiger
ist Angebotsverantwortliche der Intensiv­weiterbildung Semesterangebot Reflexion und Gestaltung an der PHBern und Dozentin im Bereich berufs­biografische Angebote.

Andrea Meuli
ist Fachbereichsverantwortlicher Intensiv­weiterbildung an der PHBern und verantwortlich für die Konzipierung, Planung und Durchführung von Intensivweiterbildungen von 1 bis 6 Monaten Dauer.

Andrea Meuli Die Anforderungen sind relativ hoch, denn es sind keine Angebote, die konsumiert oder abgesessen werden können. Die Lehrpersonen müssen Bereitschaft zur Reflexion und zur Weiterentwicklung zeigen. Sie müssen grundsätzlich positiv zu ihrem Beruf stehen.
Es braucht eine Bereitschaft, auch im fachlichen Bereich weiterzukommen. Ob der Einstieg auf einer tiefen oder höheren Ebene liegt, spielt dabei keine Rolle. Es geht um den Zuwachs, der während der Weiterbildung erreicht werden kann.

Magdalena Bösiger Zunächst müssen die Lehrpersonen bereit sein, in einer Vorphase an einer Standortbestimmung samt einer Videoaufnahme des eigenen Unterrichts teilzunehmen. Sie müssen ein Interesse an einer vertieften Auseinandersetzung mit Fragen aus Erziehung, Schule und Unterricht haben. Nebenbei müssen sie – das wird gesetzlich verlangt – acht Jahre im Schuldienst und mindestens vier Jahre vor der Pensionierung sein.
Fachspezifische Voraussetzungen gibt es keine. Die Lehrerinnen und Lehrer definieren selbst, was sie erreichen wollen, indem sie im Vertiefungsbereich Angebote abholen oder selber an ihren Zielsetzungen arbeiten. Zudem wird eine aktive Auseinandersetzung mit Entwicklungsthemen verlangt.

Lehrpersonen entwickeln Unterricht aus einer Position der Stärke.»

Wie wichtig ist Unterrichtsentwicklung neben Persönlichkeitsentwicklung in Intensivweiterbildungen?

Andrea Meuli Beim Semesterangebot stehen am Anfang ganz klar Module zur Berufszufriedenheit und zu selbstregulativen Fähigkeiten im Zentrum. Unterrichtsentwicklung ist im Semesterangebot eng verflochten mit Persönlichkeitsentwicklung. Du kannst zwar theoretisch etwas anschauen, du hast dich aber noch nicht auseinandergesetzt mit deiner Rolle, mit deiner Haltung, mit deinem Menschenbild. Wir machen uns die eigenen Stärken bewusst. Das wiederum löst Unterrichtsentwicklung aus.

Andrea Meuli Persönlichkeitsentwicklung ist aber ein Prozess, der viel weiter zurückreicht. Die Teilnehmenden haben schon eine ausgeformte Persönlichkeit. Natürlich geht es in unseren Angeboten um Zusammenhänge zwischen der Entwicklung der Person und der Unterrichtsentwicklung.
Im Quartalsangebot Q2 beispielsweise geht es um Berufskompetenz; da fokussieren wir schwergewichtig auf den Unterricht. Die zusätzliche Professionalisierung ermöglicht es der Lehrperson, im Berufshandeln konkrete Entwicklungsschritte zu machen.

Wird die Offenheit gegenüber Unterrichts- und Persönlichkeitsentwicklung mit zunehmendem Alter grösser?

Magdalena Bösiger Jüngere Lehrpersonen beschäftigt eher das Thema «Ich und meine Klasse». Lehrpersonen in der letzten Berufsphase stellen sich mehr Fragen nach dem Sinn, nach dem eigenen Energiehaushalt oder nach der Berufszufriedenheit.

Andrea Meuli Wir glauben an einen Zusammenhang zwischen den gesetzlichen Vorgaben und dem Alter der teilnehmenden Lehrpersonen. Relativ viele wollen sich den einzigen Bildungsurlaub in ihrem Berufsleben aufsparen und ihn erst dann einlösen, wenn sie ihn nötig haben. Grundsätzlich hat die Bereitschaft zur Unterrichtsentwicklung wenig mit dem Lebensalter zu tun. Wenn der erste Praxisschock überwunden ist, beginnen viele mit der Weiterentwicklung ihres Unterrichts und bleiben ihr ganzes Berufsleben lang dran. Darum würden wir gerne vermehrt auch mit jüngeren Lehrpersonen zusammenarbeiten.

Kann man den Erfolg einer Intensivweiterbildung messen und legitimieren?

Magdalena Bösiger Nach jeder Intensivweiterbildung erfolgt eine einjährige Transferphase. Uns ist es wichtig, dass die Lehrpersonen im Prozess bleiben. Das Treffen «ein Jahr danach» ist darum verbindlich. Die Teilnehmenden füllen einen Fragebogen aus, bringen Produkte aus dem Berufsalltag mit und erzählen in Lerngruppen von ihren Entwicklungsvorhaben. Für mich ist es ganz wichtig zu sehen, dass die Lehrpersonen Ideen entwickelt und durchgeführt haben.

Andrea Meuli Von Charles Landert gibt es eine Studie zur Wirksamkeit von Lehrerfortbildung. Wir wären an weiteren Ergebnissen solcher Studien interessiert. Unterrichtsentwicklung lässt sich leider nicht auf einer Skala messen. Beim erwähnten Treffen befragen wir die Teilnehmenden zu den konkreten Auswirkungen der zurückliegenden Weiterbildung auf ihr Berufshandeln und ihren Umgang mit entsprechenden Belastungsmomenten. Im Moment läuft ein Entwicklungsprojekt der PH Bern: Wir versuchen, unsere Evaluationstätigkeit mit einem Fokus auf die Transferphase zu optimieren. Über diese Phase wissen wir nämlich am wenigsten.

Ihr beide seid schon über zehn Jahre für Intensivweiterbildungen tätig. Was hat sich in dieser Zeit verändert/entwickelt?

Andrea Meuli Wir wollen aktuell sein und den Bedürfnissen der Gesellschaft und der Wissenschaft genügen. Wir sind flexibel und nehmen die Interessen der Teilnehmenden auf, tragen aber selbst auch neue Themen wie social media, iPad im Unterricht, kooperative Lernformen oder die Hattie-Studie in die Kurse. Auf der didaktischen Ebene hat bei uns auf jeden Fall eine Entwicklung stattgefunden. Alle Verantwortlichen von Intensivweiterbildungen in der Schweiz treffen sich regelmässig. Wir tauschen Konzepte und Erfahrungen aus. Das ist ein grosser Gewinn. Magdalena Bösiger Auch Lehrpersonen mit kleinen Pensen können heute Intensivweiterbildungsangebote nutzen, was früher nicht möglich war. Dieses Ziel haben wir vor zwei Jahren verwirklichen können. Auch der zweiwöchige Wirtschaftseinsatz ist relativ neu. Zudem haben wir die Umsetzung eines Unterrichtskonzeptes mit einem verbindlichen Aktionsplan weiterentwickelt. Ja, ich behaupte, heute passiert alles verbindlicher und bewusster.

Warum sollten Lehrpersonen eine Intensivweiterbildung besuchen?

Magdalena Bösiger Lehrpersonen erhalten in unseren Angeboten Zeit, Ideen weiterzuverfolgen. Sie entwickeln Kompetenzen, um Herausforderungen im Beruf aktiv und kompetent angehen zu können. So findet Unterrichtsentwicklung statt.

Andrea Meuli Unser grosses Ziel ist es, dass Lehrpersonen ihre Stärken kennen lernen, sie einsetzen und zu ihnen stehen können. Lehrpersonen machen Unterrichtsentwicklung aus einer Position der Stärke heraus. ■

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