farbwelt

Der neue Mathematiklehrer

Verena Eidenbenz
Redaktorin

Der neue Mathematiklehrer stürmte in unser Schulzimmer, begrüsste uns kurz, holte eine Wandtafelkreide, notierte drei Regeln und knallte mit der Kreide einen Schlusspunkt hinter den letzten Satz. Dann liess er ein Blatt mit einer Rechnungsaufgabe verteilen und ich wurde an die Tafel gerufen. Ausnahmsweise war es in unserer Mädchenklasse mucksmäuschenstill. Auch Riccarda kicherte für einmal nicht. Ich wurde aufgefordert, die Aufgabe an der Tafel zu lösen und mittels Regeln die einzelnen Schritte zu erklären. Er unterstützte mich, schrittweise vorzugehen und präzisierte einzelne Punkte. Zu meinem eigenen Erstaunen war die Aufgabe im Nu richtig gelöst. Er lachte verschmitzt: «Und, was sagst du? Gar nicht so schwierig, oder?!» Damit war ich entlassen und durfte mich setzen. Er verteilte weitere Aufgabenblätter und ermunterte uns, die Aufgaben gemeinsam zu lösen und einander die Lösungswege gegenseitig zu erklären. In keiner anderen Unterrichtsstunde war dies erlaubt. Wir führten ein Regelheft. Die Vorgaben ergänzten wir mit eigenen Bemerkungen. Bei Prüfungen durften wir das Regelheft beiziehen – aber nur im Notfall! Auch das eine Sensation! Seine Begeisterung für Mathematik und seine temperamentvolle Art wirkten ansteckend. Er war bald mein Lieblingslehrer. Das vorher so gefürchtete Fach verlor seinen Schrecken. Mehr noch, ich freute mich auf jede Mathematikstunde. Bis heute ist er mir ein Vorbild geblieben und der Inbegriff eines guten Lehrers.

Lehrpersonen müssen sich jeden Tag mit Freude und Leidenschaft für die anstehenden Lehr- und Lernprozesse und ihre Lernenden einsetzen.

Was macht eigentlich eine gute Lehrperson aus? Neben fundiertem Sachwissen spielen die Klassenführung, ein lernförderliches Klima, Schülerorientierung, Kompetenzorientierung, Strukturierung, Motivation, Umgang mit Heterogenität, Freude am Lehren etc. je eine wichtige Rolle. Denn für einen bestimmten schulischen Kontext mit seinen spezifischen Anforderungen muss von der Lehrperson jeden Tag die bestmögliche Umsetzung gesucht und gefunden werden. Keine leichte, aber eine unglaublich innovative, kreative und spannende Herausforderung. Unterrichtsentwicklung findet also jeden Tag statt und gehört zum Kerngeschäft jeder Lehrperson. Wie das eingangs geschilderte Beispiel und die Hattie-Studie aufzeigen, ist neben den aufgeführten Anforderungen die Beziehung zwischen Lehrperson und Schülerinnen und Schülern entscheidend für den Lernerfolg. Lehrpersonen müssen sich jeden Tag mit Freude und Leidenschaft für die anstehenden Lehr- und Lernprozesse und ihre Lernenden einsetzen. Um Schülerinnen und Schüler in ihren Lernprozessen individuell begleiten zu können, ist genaues Beobachten angesagt. Gute Lehrpersonen pflegen einen ressourcenschonenden Umgang mit sich selbst und leben eine positive Fehlerkultur vor. Und nicht zuletzt müssen auch sie begeisterte «Lerner» sein und die Bereitschaft mitbringen, sich selbst und ihren Unterricht ständig weiterzuentwickeln. Nur so können Interesse und Neugier für die Lerninhalte und das Lehren gewahrt bleiben! 

Meinem Lieblingslehrer gelang all dies. Er hatte Humor, war begeistert von seinem Fach und teilte seine Freude mit uns; er erklärte mit Geduld und bat uns um Unterstützung, wenn er mit seinen Erklärungen nicht weiterkam. Falsche Lösungen wurden diskutiert, und das Vorgehen wurde analysiert. Er lobte unsere Überlegungen, auch wenn diese vielleicht nicht zielführend waren. Dies nahm uns die Angst, Fehler zu machen, ermutigte uns und gab uns Selbstvertrauen. Mit ihm war Lernen herausfordernd, spannend und machte richtig Spass. ν

AnhangGröße
PDF icon Download dieses Beitrags (PDF)59.52 KB