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Aufgetankt in die Schule zurück

Wie wirkt die Intensiv­weiterbildung Semesterkurs auf den Unterricht und auf die persönliche ­Haltung? Von Hansruedi Hediger

Richard Schüpbach und Beatrice Müller haben den Semesterkurs vor drei bzw. einem Jahr besucht. Wo stehen sie heute? Wie wollen sie sich weiter entwickeln? Der erste Eindruck ist ungewöhnlich – im Schulzimmer der 5. Klasse in Steffisburg wähnt man sich in einem Gross­raumbüro. Der Raum wird durch ein grosses, fahrbares Gestell unterteilt. Grossflächige Schülerarbeitsplätze ersetzen die üblichen Schülerpulte. Auffallend sind Ordnung und Übersichtlichkeit. Lern- und Bastelmaterialien, Schülerordner, Klassenbücher sind für die Schülerinnen und Schüler griffbereit. Unterschiedliche Arbeitsplätze stehen für unterschiedliche Arbeitsformen zur Verfügung.

Verändern und Ordnung schaffen

Die Liebe und die Begeisterung des Mittelstufenlehrers Richard Schüpbach für die vielen Details sind spür- und sichtbar. Da sind eine «Fichier-Kartei» (Wörtlikartei) in Franzosenfarben, ein Gestell mit Spielen, Experimentierkasten, Holzbänke für Klassengespräche, Computerstehplätze an der Wand, ein Medienwagen und schliesslich das rollbare Lehrerstehpult mit Fächern und Schubladen – das meiste in den Ferien nach dem Semesterkurs selbst gebastelt. «Ich habe sehr viel verändert und eine ganz neue Ordnung geschaffen. Damit wollte ich nach dem Semesterkurs mit der neuen Klasse beginnen. An weiteren Ideen mangelt es mir nicht», meint Richard Schüpbach. «Ich bin glücklicherweise vielseitig interessiert und unterrichte gerne. Ein klassischer Primarlehrer! Und ich wüsste im Moment keinen besseren Beruf. Doch das war nicht immer so. Vor dem Semesterkurs hatte ich genug von der Schule, die Probleme häuften sich. Mit dem Kurs wollte ich Anlauf nehmen, um das letzte Drittel meines Berufslebens mit Überzeugung beginnen zu können. Und bis jetzt habe ich das geschafft.»

Der Mathematikunterricht beginnt mit einer lehrergeleiteten Repetition zum Thema «Grössen und Komma». Unaufgefordert wechselt ein Mädchen in die andere Schulzimmerhälfte, damit es besser an die Wandtafel sieht. Bald arbeiten die Schüler und Schülerinnen selbstständig und konzentriert. Die durchdachte Struktur der Aufträge und die bereitgelegten Materialien – beides im Semesterkurs aufgearbeitet – unterstützen sie darin. Severin erklärt die verschiedenen Farben der Blätter: «Sie zeigen den Stand der Arbeit. Die Pläne und das Vorgehen hat uns bei einem Besuch im letzten Schuljahr die alte Klasse noch erklärt. Im letzten Schuljahr haben wir nicht so selbstständig gearbeitet». Lisa betont: «Ich arbeite heute lieber so. Zwar sind unsere Lehrpersonen streng, aber wir dürfen häufig zusammen arbeiten, unsere Lernpartner auswählen und auch den Platz wechseln».

Neues ausprobieren


Ich darf Neues auspro­bieren, es aber auch ­wieder fallen lassen. Beatrice Müller

Bei Beatrice Müller sind die Veränderungen nicht so augenfällig. «Zwar habe ich mir sofort eine neue Brille gekauft», meint sie schmunzelnd, «nachdem ich mir in einem Film beim Unterrichten selbst zuschauen konnte. Aber im Ernst: Das kooperativen Lernen zum Beispiel ist für mich sehr wichtig geworden. Ich weiss, dass ich nicht jeden Schritt und jede Arbeit der Kinder genau überwachen muss. Ich gebe ihnen Hilfen und Strategien, damit sie zu zweit oder in kleinen Gruppen arbeiten können und so zu neuen Erkenntnissen kommen. Ich für mich muss kleine Schritte machen, ich will nicht alles umkrempeln. Das habe ich im Semesterkurs gelernt. Das Gewohnte, das Erarbeitete gibt mir eine Sicherheit, die ich brauche. Einen Teil des Unterrichts aber will ich weiterentwickeln, in einem Tempo, das ich gut einhalten kann. Ich darf Neues ausprobieren, es aber auch wieder fallen lassen. Die Begeisterung meines Kollegen nach seinem Semesterkurs hat mich gefreut. Nach meinem Kurs habe ich Richard auch besser verstanden, seine Visionen begriffen. Das ist natürlich für die Teamarbeit super. Die Zusammenarbeit hat sich zwar nicht stark verändert, aber das diesbezügliche Bewusstsein und die Strukturierung sind besser geworden. Das ist auch eine Folge des Semesterkurses.» Im Übrigen habe ihr Richard am Lehrerstehpult einen herausklappbaren Fussschemel eingebaut, da sie viel kleiner sei als er, sagt Beatrice Müller. Das sei Wertschätzung!

Gute Erfahrungen mit dem ­Semesterkurs


Ich wollte einmal die Rolle wechseln, ein bisschen zurück­stehen und Distanz zur Schule gewinnen. Richard Schüpbach

Die Meinungen der beiden Lehrpersonen über das Semesterkursangebot sind durchaus positiv. Richard Schüpbach: «Ich wollte einmal die Rolle wechseln, ein bisschen zurückstehen und Distanz zur Schule gewinnen. Das habe ich geschafft, und es hat mir sehr gut getan. Ich denke, dass ich heute entspannter und gelassener wirke und auch bin. Ich kann das Angebot des Bildungsurlaubs nur empfehlen und hoffe, dass es nicht den Sparmassnahmen zum Opfer fällt.»

Beatrice Müller: «Voraussetzung für den Semesterkurs sind Offenheit und Neugierde, den Mut, sich auf etwas Neues einzulassen. Nach zehn Jahren Schuldienst an der gleichen Schule wollte und musste ich irgendetwas bewegen. Persönlich habe ich mich durch den Kurs nicht grundlegend verändert, das habe ich auch nicht erwartet. Ich habe jedoch in vielen Bereichen bewusste und praktische Strategien erworben. Dadurch fühle ich mich wohl und sicher in der Schule. Unterrichten macht mir wirklich viel mehr Freude. Ich habe den Semesterkurs in allen Teilen sehr gut gefunden.»

Richard Schüpbach und Beatrice Müller sind überzeugt, dass der Semesterkurs grossen Einfluss auf die Unterrichtsentwicklung hat und bei ihnen innerlich und äusserlich etwas bewirkt hat. Dank ihrer Neugierde und ihrer Offenheit bleiben sie auch weiterhin in Bewegung. ■

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