farbwelt

Der Häuptling

werner jundt

Dr. Werner Jundt
Redaktor

Meine erste Stelle trat ich fernab der Stadt, in der ich aufgewachsen war, im Oberland an. Ein begeisterter Junglehrer, voller Ideen und begierig, diese umzusetzen. Gruppenunterricht war das didaktische Gebot der Stunde. Das Fach Rechnen mutierte gerade zur Mathematik. Und im Zeichnen sammelten wir Schrott und eiferten Tinguely nach. Die Schüler machten begeistert mit. Die Eltern staunten. Ja die Eltern nicht vergessen – hatten wir gelernt – gerade, wenn man Neuland betrete, sei es wichtig, die Eltern zu informieren. Da öffnete sich meinem missionarischen Eifer gleich noch ein Feld! Kaum hatte ich ein bisschen Boden unter den Füssen, lud ich zu einem ersten Elternabend ein. Der Zustrom war erfreulich, die drei Stuhlreihen im Singsaal füllten sich. Vorne in der Mitte sass er. Zwar Lehrer wie ich, war er doch viel mehr. Feuerwehrkommandant, Gemeindeorganist, in vielen Vereinen vorne drin, aber vor allem eines – einheimisch. Kurz: der Häuptling. Und die hier um ihn herum sassen, waren fast alle zu ihm in die Schule gegangen. Heute hörten sie mir zu. Denn es nahm sie schon wunder, was es mit all den komischen Neuerungen auf sich hatte, von denen die Söhne und Töchter am Mittagstisch erzählten. Also referierte ich, nachdem ich mich ordentlich vorgestellt hatte, über den pädagogischen Nutzen von Gruppenunterricht, pries die Vorzüge der Neuen Mathematik und lobte die offensichtliche Kreativität ihrer Sprösslinge im Umgang mit Schrott. In kräftigen Farben malte ich ein verheissungsvolles Bild aktueller pädagogischer und didaktischer Möglichkeiten und versprach, diese zum Wohle ihrer Kinder auszuschöpfen. Natürlich gab es anschliessend auch Gelegenheit, Fragen zu stellen. Es blieb ziemlich lange still. Dann stand er auf. Mir den Rücken zuwendend richtete er das Wort an seine Gemeinde. Man dürfe nicht alles, was da von unten heraufkäme, für bare Münze nehmen. Da werde nichts so heiss gegessen, wie es gekocht sei. Und viel neues Zeug sei oft auch bald wieder verschwunden. Die Leute nickten. Fragen wurden dann keine mehr gestellt. Man verabschiedete sich höflich. Schule ist Gesellschaft. Schule betrifft die Interessen vieler. Schule unterliegt vielfältigen Einflüssen und entwickelt sich im Umfeld unterschiedlichster Akteure. Man spricht von «stakeholdern», weil ein deutsches Wort fehlt. Um einige solche geht es in der vorliegenden Nummer. Aber auch um unpersönliche Einflüsse, Trends, Innovationen. – Schule ist Gesellschaft. Jeder darf mitreden. Das ist gut so. Denn das bewahrt die Schule davor, zum Elfenbeinturm zu verkommen.

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