farbwelt

Education permanente

Jürg AklinJürg Acklin Schriftsteller und Psychoanalytiker

Einfach haben es die Lehrer wahrlich nicht, da wurden sie anno dazumal von den 68ern mit der Idee einer Révolution permanente aufgeschreckt, heute sind es die technologisch aufgerüsteten Neoliberalen, die dasselbe verlangen, allerdings mit ganz anderen Inhalten. Während die einen noch die Gesellschaft erneuern, ja umkrempeln wollten, geht es den anderen vor allem darum, im Globalisierungskampf aller gegen alle zu bestehen. Es geht um das beste Training, um das Trimmen der Kleinen auf den garantierten Erfolg hin. Mithalten müssen sie mit den autoritär erzogenen Chinesen, den die Nächte durcharbeitenden Japanern und allen anderen. Keine Ruhe mehr, keine Beschaulichkeit in der Schulstube. Nicht Bildung ist gewünscht, nur Ausbildung für das «survival of the fittest». Und da kommt die nationale Rechte, die das Zöpfeln von Misthaufen und das Melken von Hand als Hauptfächer einführen will. Da soll man noch den Durchblick haben. Natürlich braucht es die Unterrichtsentwicklung, das leuchtet jeder, jedem ein. Wir können nicht mehr den Bauernhof und das Leben der Eichhörnchen als Lernziel vor Augen haben, wenn es um die Verdichtung in der Agglo und das Artensterben geht. Mit den Lerninhalten ändern auch die Ziele und die Methoden. Wenn die Kinder, bevor sie zwei und drei zusammenzählen können, auf dem Computer mehrstellige Zahlen multiplizieren können, wenn sie mit zwei Klicks Pornos herunterladen können, dann ist da tatsächlich etwas Neues angesagt. Die Schule muss auf der Hut sein, damit sie nicht ins Abseits gerät in Zeiten, wo im elektronischen Alltag die Kinder das meiste ausserhalb des Unterrichts lernen. Alles ändert sich in rasender Geschwindigkeit, alles nimmt überhand, sogar das Überhandnehmen nimmt überhand. Nur eines bleibt sich gleich, das kleine Bedürfniswesen Mensch. Wenn nur diese unheimliche anthropologische Konstante, die sich über die Jahrtausende durch die verschiedensten Kulturen und Zivilisationen gehalten hat, nicht wäre, dann hätten es die Seeleningenieure viel einfacher, dann würden sich die Menschen noch viel schneller den Maschinen anpassen, als sie es heute tun. Aber dieses kleine Bedürfniswesen erweist sich als zäh. Es verteidigt sein Menschsein mit Klauen und Zähnen, da kann ihm die Schule, gerade eine zeitgemässe Schule, behilflich sein. Wir brauchen neue Instrumente, immer raffiniertere Tools, damit uns die Finnen oder wer weiss wer im nächsten PISA-Rennen nicht abhängen, wir wollen doch nicht als Hinterwäldler dastehen. Fahnenschwingen und ein währschafter Hosenlupf bringen uns im internationalen Finanzmarkt nicht weiter. Trotzdem kommen wir um eines nicht herum: um die ganz persönliche Beziehung zwischen den Lehrpersonen und den Schülern. Sonst geht pädagogisch einfach gar nichts. Die Lehrerin, der Lehrer sind und bleiben die Vorbilder der Kinder. Und mit allen noch so ausgeklügelten Hilfsmitteln sind sie nicht zu ersetzen. Vor einigen Monaten hatte ich die Chance, einen ganzen Samstagmorgen mit Kindern aus sogenannten bildungsfernen Schichten zu verbringen. Die 6.-Klässler, von ihren Lehrern ausgesucht, kamen freiwillig in die Schule, um sich weiterzubilden. Ich war als Schriftsteller eingeladen, um mit ihnen über meinen Beruf und das Schreiben zu diskutieren. Die Kids trudelten langsam ein, die Schirmmützen verkehrt auf dem Kopf, keck schauten sie mich an, ja, da fühlte ich mich sehr verunsichert. Das war etwas ganz anderes als eine Lesung vor braven Literaturbeflissenen. Ich musste mich diesen jungen Menschen stellen, musste mich auf das Abenteuer der Beziehung mit ihnen einlassen. Und plötzlich, als ich sagte, sie dürften mich alles fragen, war der Bann gebrochen. Da gab es keinen doppelten Boden, Authentizität war angesagt. Schonungslos waren ihre Fragen, eine Herausforderung, die alles von mir abverlangte. Aber nachher kam die Belohnung. Als es darum ging, selbst einen Text zu verfassen, wurde es schlagartig still. Die Mädchen und Buben beugten sich über ihre Blätter und schrieben in voller Begeisterung drauflos. Die fertigen Geschichten waren nicht nur persönlich und berührend, sie waren auch formal erstaunlich: Die Kinder wurden ernst genommen, sie gaben ihr Bestes, und ich bin sicher, sie gingen stolz nach Hause. Und ich habe mich nach einem Vortrag selten so entspannt und zufrieden gefühlt.

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