farbwelt

Sprachlabor, EDV, ICT – eine Zeitreise

Andy Schär
unterrichtete auf allen Stufen der Volksschule sowie in der Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen. *

Auch technologische Entwicklungen wirken auf die Schule ein. Sie eröffnen neue Möglichkeiten, verändern mitunter die Methodik, die Rolle der Lehrperson und die Arbeits­formen der Lernenden. Ein Blick zurück und voraus. Peter Uhr im Gespräch mit Andy Schär.

Wenn Sie die Zeit, seit Sie zur Schule gegangen sind, überblicken, was halten Sie für die wesentlichsten Entwicklungen im Bereich des medien- oder computerunterstützten Lernens?

So richtig angefangen hat es mit dem Sprachlabor in den 70er Jahren. Das Revolutionäre bestand damals darin, dass die Schülerinnen und Schüler im Sprachlabor aktiviert wurden, die Fremdsprache zu sprechen, mehr als dies im frontalen Klassenunterricht der Fall war. Sie konnten in ihrem persönlichen Tempo üben und ihre Leistungen mit Abhören der Aufzeichnung selbst kontrollieren. Die Sprachlabors sind dann aus verschiedenen Gründen aus der Mode gekommen und waren technisch kaum zu pflegen. Aber die beschriebenen Elemente der Selbstkontrolle sind auch charakteristisch für aktuelle Lern- und Übungsprogramme am Computer.

Waren es vor allem die Bedürfnisse der Wirtschaft, die diese Neuausrichtung bestimmt haben?

Durchaus. Die Lernenden sollten fit werden für die sich gerade herausbildende Informationsgesellschaft. Zunächst betraf die elektronische Datenverarbeitung (EDV) primär Firmen und Verwaltungen. Schon bald aber und spätestens mit dem Erscheinen des Personal Computers (PC) wurde sie auch zunehmend im privaten Rahmen genutzt. Im Vordergrund standen und stehen teils heute noch die Anwendungsschulung von Office-Paketen und das Tastaturschreiben. Den nächsten Schritt erleben wir heute, indem die Computer in Form von Tablets, Smartphones etc. in den Händen der Lernenden selbst sind. Die Anwendungsschulung tritt in den Hintergrund. Heute stellt sich die Frage, ob die Anschaffung einer komplexen Computer-Infrastruktur noch Sinn macht, wenn die Schülerin oder der Schüler die ganze Infrastruktur in seiner oder ihrer Hosentasche herumträgt.

Mobile Geräte bieten als zusätz­liche Qualität die Möglichkeit ­zum Kommunizieren, gemeinsam Erarbeiten, Präsentieren.

Was war früher und was ist heute Sinn und Aufgabe der Medienpädagogik?

In den 70er Jahren standen die Wirkungen der damals relevanten Medien wie Zeitungen, Film, Radio, Fernsehen, Tonband etc. im Vordergrund der medienpädagogischen Auseinandersetzung. Die Text-, Bild- und Tonmedien sind nun in die digitale Welt übergeführt. Der Zugang zum Internet ist selbstverständlich geworden. Im Zuge dieser Entwicklung entstanden neue Plattformen wie Wikipedia, Social Media wie Youtube, Facebook etc. Diese Medien haben das theoretisch zugängliche Wissen explodieren lassen. Das ist Chance und Gefahr zugleich. Die Schule muss zu einem kritischen und kompetenten Umgang mit Informationen anleiten. Es gilt nicht nur, die Informationen zu finden, sie zu kennen, sondern dann auch, sie einzuordnen, ihre Relevanz zu beurteilen, sie zu verarbeiten, allenfalls zu re-arrangieren und schliesslich mit anderen zu teilen. Dieser Prozess öffnet die Augen für Zusammenhänge, die im ersten Moment nicht sichtbar sind . Noch immer ist Medienbildung ein Beitrag zu Gunsten einer lebendigen Demokratie, getragen von mündigen Bürgerinnen und Bürgern.

Dazu gehört sicher auch die Ermöglichung der Teilnahme in sozialen Plattformen. Wo sehen Sie da die Rolle der Schule?

Die Jugendlichen, selbst Kinder sind in sozialen Netzwerken «zu Hause», in denen die Schule häufig aussen vor bleibt. Soziale Netzwerke finden erst allmählich Eingang in den Schulalltag. Schülerinnen und Schüler können und sollen über soziale Netzwerke lernen, für sich und für andere Verantwortung zu übernehmen. Der Schutz der Persönlichkeit und der Integrität einer Person sind dabei wichtige Werte. Kinder und Jugendliche sollen spüren, wann sie sich auf gefährliches Terrain begeben, indem sie sich von anderen, z.B. pädophilen Erwachsenen manipulieren lassen oder indem sie sich selbst an Aktionen von Cybermobbing beteiligen. Ich unterstütze darum z.B. die internet-­basierte Kampagne zum Persönlichkeitsschutz NetLa (www.netla.ch). Dort können Kinder und Jugendliche sich vertraut machen mit entsprechenden Fragestellungen und spielerisch ein sinnvolles Verhalten einüben.

Was raten Sie aus ihrer langen Erfahrung den Behörden: Wie sollen diese in der aktuellen unübersichtlichen Situation Verantwortung, Planung und Steuerung übernehmen?

Behörden und Schulleitungen sind generell sehr gefordert. In der Regel ist es an ihnen zu entscheiden, was an Geräten, Infrastruktur und Programmen beschafft werden soll. Aus Erfahrungen in den Kantonen Aargau und Solothurn weiss ich, dass viele Schulen sorgfältig evaluieren und planen, sich aber im Dschungel der Wünsche und Möglichkeiten trotz Sachkenntnis nur schwer zurechtfinden. Eine kompetente Beratung kann den Beschaffungsprozess unterstützen. Die Lehrpersonen ihrerseits sollten noch mehr darauf achten, dass sie die beschaffte Infrastruktur tatsächlich nutzen. Sonst ist es schade um die eingesetzten Mittel.

 

Die einen Schulen erlauben die Benutzung von Smartphones, andere verbieten sie. Gibt es diesbezüglich einen empfehlenswerten «Königsweg»?

Dass die Benutzung des Smartphones auf dem Schulareal verboten ist, heisst noch nicht, dass dieses Verbot auch durchgesetzt wird. Und ob so ein Verbot angesichts der Verbreitung der Smartphones noch sinnvoll ist, wäre zu klären. Persönlich vermute ich, dass diesen kleinformatigen und jederzeit verfügbaren Geräten – vielleicht in Kombination mit andockbaren grösserformatigen Bildschirmen – auch in der Schule die Zukunft gehören könnte. Schwierig bleiben die Trennung von privater und schulischer Nutzung, die Installation von Apps für den Unterricht auf privaten Geräten und der Druck auf Eltern, ein Smartphone für das Lernen finanzieren zu müssen.

Welche ICT-Anwendungen halten Sie im schulischen Kontext in Gegenwart und Zukunft für die wichtigsten?

Die sind zahlreich. Sicher sind es u.a. Recherchieren, Üben, Schreiben, Vertiefen, Memorieren. Mobile Geräte bieten als zusätzliche Qualität die Möglichkeit zum Kommunizieren, gemeinsam Erarbeiten, Präsentieren. In nächster Zukunft werden viele Anwendungen aus dem Netz, der sogenannten Cloud bezogen werden, was die Beschaffung schuleigener Server und Softwareinstallationen unnötig macht. Trotz der Digitalisierung möchte ich dem Eindruck entgegenwirken, dass das Papier künftig ausgedient habe. Hybride Lehrmittel, d.h. digitale Inhalte und Printprodukte haben meiner Meinung nach Zukunft. Es muss nicht alles jederzeit nur elektronisch zur Verfügung stehen. Ein Buch, ein gedrucktes Foto oder ein Arbeitsblatt werden aus den Schulen nicht verschwinden. Umgekehrt kann ein digitales Buch zusätzliche, bereichernde Inhalte aufweisen. Und dass die Pendlerzeitung «20 Minuten» hoch erfolgreich gedruckt erscheint und gleichzeitig ein erfolgreiches Online-Portal bewirtschaftet, spricht für sich.

Wie entwickelt sich unter diesen sich ständig verändernden Voraussetzungen die Rolle der Lehrpersonen?

Die Lehrperson ist weder jetzt noch künftig die alleinige Inhaberin des richtigen Wissens. Sie muss nicht wandelndes Lexikon sein, sondern Coach und Erfahrungsträger in einer Informationswelt, in der die Lügen nicht als «falsch» und die Wahrheiten nicht als «richtig» ausgeschildert sind. Sie kann dabei helfen, die Zuverlässigkeit von Quellen zu überprüfen und beim Ausbilden der Lernerautonomie und dem Entwickeln von wachsender Selbstverantwortung zu helfen. Das halte ich für viel anspruchsvoller und zudem für viel spannender als die Rolle des Inhabers und Vermittlers vorgefertigten Wissens.

*Andy Schär berät Schulteams, Behörden und Eltern in medienpädagogischen Fragestellungen. Seine Tätigkeit umfasst zudem die Entwicklung von digitalen Lehrmitteln und die Einschätzung technologischer Trends für den Bildungsbereich. Kontakt: a.schaer@eduxis.ch

AnhangGröße
PDF icon sprachlabor_zeitreise.pdf377.99 KB