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Drei Generationen im Klassenzimmer

Wenn drei Generationen im Klassenzimmer aufeinander treffen, können alle davon profitieren. Davon ist Peter Gygax, ­der regelmässig eine Schulklasse besucht, überzeugt. Von Hansruedi Hediger.

Er möchte uns mit seinen Erfahrungen helfen für später «

Peter Gygax
ist pensionierter Finanzchef ­der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA). Er ist 68-jährig und lebt in Belp.

Wo ist Herr Gygax? Habt ihr ihn schon gesehen? Wie geht es ihm?» Die Drittklässler stehen aufgeregt vor dem Klassenzimmer und können es kaum erwarten, ihn zu begrüssen. Endlich erscheint der Senior. Lachend geht er auf die Kinder zu und begrüsst sie herzlich. Die Kinder bestürmen ihn mit Fragen nach dem Grund für seine längere Abwesenheit. Die Klassenlehrerin bringt bald Ordnung und Ruhe in die lärmende Schülerschar: Zuerst wird gearbeitet und am Schluss der Lektion wird Herr Gygax noch erzählen.

Nach einer kurzen Einführung in ein Mathematikthema durch die Lehrerin übt Peter Gygax mit einer kleinen Gruppe von Schülerinnen und Schülern Differenzen berechnen. Die Kinder verwenden dabei entsprechende Zahlenkärtchen. Geduldig hört er den Erklärungen zu, korrigiert, ergänzt, lobt und ermuntert. Er darf sich viel Zeit nehmen. Das spüren auch die Kinder. Matteo äussert sich differenziert: «Herr Gygax ist sehr nett. Er unterstützt und erklärt und kann gut Math. Er ist pensioniert und arbeitet gerne mit Kindern, deshalb kommt er zu uns. Er zeigt uns etwas aus seinem Leben und möchte uns mit seinen Erfahrungen helfen für später.»

Interesse und körperliche und geistige Fitness sind wichtig

Für diese Arbeit brauche es keine grossen persönlichen Voraussetzungen, meint Peter Gygax. Wichtig seien das Interesse am Umgang mit der jungen Generation und natürlich eine gewisse körperliche und geistige Fitness. «Am Dienstag nehme ich mir den ganzen Tag Zeit. Am Vormittag helfe ich im Werkunterricht an einer Oberstufenklasse. Dort geht es im Moment darum, mit den Schülern ein Schachbrett mit einer Schublade für die Figuren zu bauen. Den Mittag darf ich im Lehrerzimmer verbringen und am Nachmittag helfe ich in der dritten Klasse mit, meistens in der Mathematik. Entweder fördere ich schnelle, begabte Schüler und Schülerinnen mit Zusatzaufgaben oder ich unterstütze diejenigen, die mehr Mühe haben und mehr Hilfe brauchen. Mein Highlight aber ist die Arbeit in der kleinen Bibliothek. Ich verwalte sie mit der Klasse. Unter meiner Aufsicht lernen die Kinder, Bücher auszuleihen und selber die Kontrolle zu machen. Nebenbei lasse ich sie etwas aus den Büchern vorlesen und darüber erzählen. Das macht mir enorm Freude.»

Die Begeisterung und das Engagement des Seniors sind gut spürbar. Was aber bringt ihn eigentlich dazu, Zeit und Energie für die Mithilfe in einer Schule aufzuwenden? Für Peter Gygax sind drei Gründe ausschlaggebend:

Er möchte aktiver und interessierter Teilnehmer unserer Gesellschaft sein. Ausserdem möchte er die Lebensrealität der Schüler und Schülerinnen kennen. Und schliesslich stand für ihn beim Lernen immer der Grundsatz von Fördern und Fordern im Vordergrund. Dies möchte er nun mit seinem Einsatz im Klassenzimmer umsetzen.

Wie es dazu kam

Peter Gygax erklärt, wie es zum Einsatz in der Schule gekommen ist: «Für mich war es eigentlich sehr unkompliziert. Die Pro Senectute in Bern bietet eine Grundausbildung für Senioren und Seniorinnen an und schliesst mit einzelnen Schulen eine Art Rahmenvertrag ab, der für unseren Einsatz die Grundlage bildet. In einem nächsten Schritt macht uns Pro Senectute Vorschläge für den Einsatz bezüglich Schulhaus, Alter der Schülerinnen und Schüler und Klasse. Es folgt eine Besprechung mit der Schulleitung und mit den betreffenden Lehrpersonen. Gemeinsam legt man den Wochentag und die Fächer fest. Dann geht es weiter mit einer Schnupperlektion und als Letztes wird eine Zusammenarbeitsvereinbarung abgeschlossen.»

Als Senior fördert Peter Gygax ­durch seine Tätigkeit das ­Verständnis und den Respekt zwischen den Generationen.

Berufspraxis findet den Weg ins Klassenzimmer

Peter Gygax hat an einer Oberstufenklasse bei der systematischen Vorbereitung des Bewerbungsprozesses mitgeholfen. Dank seiner Berufserfahrung konnte er ein Rollenspiel durchführen, in dem Schüler und Schülerinnen ein Vorstellungsgespräch übten. «Daraus ist der Wunsch der Schulleitung entstanden, dass ich ein kleines, möglichst praxisnahes Konzept entwickle, das ich nachher abgebe. An diesem arbeite ich gegenwärtig», erzählt Peter Gygax und fügt gleich ein weiteres Beispiel seiner Tätigkeit an. «Auf meinen Dienstreisen in armen Ländern besuchte ich auch Schulen. Die Kinder dort zeigten stets grosses Interesse für die Schweiz, für den Unterricht, für die Einrichtung der Schulzimmer und für die Lehrmittel. Einmal war ich in einer Schule ausserhalb von Managua in Nicaragua, wo die Schüler in einer Wellblechhütte am Boden sassen und nur eine Schiefertafel zum Schreiben besassen. Dorthin brachte ich Zeichnungen von Kindern aus der Schweiz, zudem fünf Franken pro Zeichnung. Mit diesem Geldbetrag konnten rohe Holzbänke und Tische gezimmert werden. Die Schulkinder äusserten nachher den Wunsch, ebenfalls Zeichnungen aus ihrer Umgebung, aus ihrem Leben mit in die Schweiz zu geben. Für mich war das ein tolles Projekt. So etwas würde ich gerne wieder mit einer Schulklasse durchführen.»

Sich als Person einbringen

Am Schluss der Lektion scharen sich die Schülerinnen und Schüler um Peter Gygax und er erzählt ihnen von seinem unerwarteten Spitalaufenthalt, von seinem grossen Glück, dass er heute wieder einigermassen gesund hier bei ihnen sein könne und dass er sich sehr auf den Besuch gefreut habe. Bereitwillig beantwortet er die unzähligen Fragen der Kinder, erzählt dabei viel Persönliches und hört sich geduldig die Erlebnisse der Kinder an.

Als Senior fördert Peter Gygax durch seine Tätigkeit das Verständnis und den Respekt zwischen den Generationen. Nebenbei entlastet er auch die Lehrperson, indem er die Möglichkeiten zur Individualisierung vergrössert.

 

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