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Spielen ist nicht Lernen, ist doch Lernen

Unter der Leitung von Peter Uhr diskutieren Hans Tröhler (Lehrer), Evelyne Wannack (Wissenschafterin) und ­Tom Felber (Journalist) über die Zusammenhänge zwischen Spielen und Lernen, aber auch über Unterschiede und Unverträglich­keiten.

profil: Sie alle beschäftigen sich mit Spielen und mit dem Spielen. Wie sind Sie dazu gekommen? Welchen Stellenwert hat das Thema in Ihrer Arbeit?

Eveline Wannack
Institut für Forschung, Entwicklung und Evaluation, Bereich Kindergarten und Primar-Unterstufe an der Pädagogischen Hochschule Bern. Spiele im Kindergarten sind für Evelyne Wannack ein prominentes Thema. Sie hat unter anderem Unterrichtshilfen zu Bewegungs- und Freispiel entwickelt

Evelyne Wannack: Mich interessieren vor allem das freie Spiel und dessen Begleitung im frühpädagogischen Bereich, unter anderem im Kindergarten. Das Thema «Spielen» ist für uns an den Pädagogischen Hochschulen auch wegen des kommenden Lehrplans 21 sehr aktuell.

Tom Felber: Ich bin in einer grossen Familie aufgewachsen, und Spielen war fast eine Hauptbeschäftigung von uns Kindern. Zu Weihnachten schenkten uns die Eltern Spiele … so waren wir mehrheitlich beschäftigt und friedlich. Als ich dann Journalist wurde, fragte mich mein damaliger Chef, ob ich interessiert wäre, Spielrezensionen zu schreiben. Seit 1997 schreibe ich nun regelmässig solche Beiträge.

Hans Tröhler: Ich unterrichte auf der Oberstufe. Als wir samstags noch Schule hatten, haben wir jeweils in der letzten Stunde gespielt. Jetzt führe ich einmal jährlich eine Spiele-Nacht durch. Als Fachgruppenleiter der Mediathek im Institut für Medienbildung biete ich Spielkurse an. Zuweilen teste ich im Unterricht neue Spiele. Dabei lernen meine Schülerinnen und Schüler, die Idee, das Konzept und die Struktur eines Spiels zu analysieren. Das sind wichtige Erkenntnisprozesse.

Also hat Spielen mit Lernen zu tun? Ist Spielen Lernen? Welche Bedeutung haben Lernspiele?

Evelyne Wannack: Auffallend ist, dass das Spielen sehr oft zu etwas anderem wie z. B. dem Lernen abgegrenzt wurde. Eine klassische Trennung war diejenige in Arbeit und Spiel. Heute wird nicht mehr in diesen Kategorien gedacht. Spiel wird als eine Art von Lernen betrachtet. Lange Zeit hat man sich bemüht, das Spiel und das Spielen möglichst einwandfrei zu definieren. Dies aber ohne durchschlagenden Erfolg. Denn zwischen Spielen und Lernen gibt es eine Vielzahl von Parallelen, und nicht immer treten die dem Spiel zugeordneten Kriterien in einem Spiel auch tatsächlich zu Tage. Die Vielfalt an Spielen ist sehr hoch. Denken wir nur an Brettspiele, Strategiespiele oder Sportspiele. Heute herrscht Konsens darüber, dass Spielen auch Lernen bzw. ein Modus des Lernens ist.

Tom Felber
Journalist, schreibt seit 1986 über Spiele Rezensionen, teils Reportagen. Präsident der unabhängigen Kritiker-Jury «Spiel des Jahres», die jährlich Empfehlungslisten herausgibt über rund 30 Spiele und 3 Preise verleiht: «Spiel des Jahres», «Kinderspiel des Jahres» und «Kennerspiel des Jahres».

Tom Felber: An sich lernt man in jedem Spiel. Aber reinen Lernspielen stehen wir von der Jury «Spiel des Jahres» eher skeptisch gegenüber. Oft sind solche Lernspiele uninspiriert, wenig originell und auch nicht attraktiv. Sie machen nicht wirklich Spass, was für uns eines der zentralen Kriterien für gute Spiele ist. Weitere Kriterien sind, dass das Spiel positive soziale Aspekte hat und zum Wiederspielen anregt. Lerneffekte bei guten Spielen sind unter anderem: Initiative zu ergreifen, miteinander zu kommunizieren, Sachverhalte schnell zu analysieren, in kurzer Zeit Entscheide zu fällen, unternehmerisches Denken und Handeln, teamfähig zu werden etc.

Müsste «Spielen» angesichts solcher Lern­effekte nicht im Lehrplan verankert werden – vielleicht sogar als ein Fach «Spielen»?

Tom Felber: Ich finde es schwierig, das Spielen in einen Lehrplan zu integrieren. Spiele in Fächern wie Mathematik und Sprachen mögen ja Sinn machen. Spielen gehört unbedingt in die Schule, aber im Sinn von Lernen für das Leben, nicht fürs Lernen in der Schule.

Hans Tröhler: Spielen geht nur, wenn die Beteiligten sich dafür begeistern lassen. Das wird wohl nicht in jeder Klasse bei jeder Lehrperson auf Anhieb gelingen. Wenn ich von einem Spiel begeistert bin, gelingt es, Jugendliche zum Spielen eines Spiels zu bewegen, das sie ansonsten wohl nie in ihrem Leben gespielt hätten. Die Bedeutung einer Affinität zu einem Thema gilt ja auch für andere Fächer. Ein Schulfach Spielen würde wohl weder dem Spielen noch dem Lehren und Lernen wirklich etwas bringen.

Auch Erwachsene sollten immer mal wieder aus der realen Welt «austreten» können – auch sie profitieren davon. Evelyne Wannack

Evelyne Wannack: «Spielen» findet sich zwar im LP21 nicht unter den Kompetenzbeschreibungen. Aber im einführenden Kapitel zum Zyklus I wird betont, wie wichtig in diesem Alter das Spielen für die Kinder ist. Wenn den Kindern in einem Kindergarten bei ihrem Spiel zugeschaut wird, folgt die Entwicklung natürlich nicht einem immer gleichen und allenfalls von aussen steuerbaren Aufbau. Wenn nun in anderen Bereichen wie z. B. in der Mathematik oder in der Sprache Kompetenzen formuliert sind, gibt das einen Druck auf diejenigen Tätigkeiten, die eher mit der individuellen und sozialen Entwicklung verknüpft sind und zu denen nicht klare, planbare und zu einem bestimmten Zeitpunkt zu erwartende Kompetenzen formuliert werden können. Kompetenzmessung müsste versagen, wenn z. B. nachgewiesen werden sollte, was ein Kind an Kompetenz zugelegt hat, wenn es gelernt hat, in einem Spiel zu verlieren.

Tom Felber: In der Tat sind viele mit Spielen einhergehende Kompetenzen nicht messbar, etwa: Initiative, Eigenverantwortung, «unternehmerisches», strategisches Denken und Handeln, Planen, Antizipieren, Engagement, Lernbereitschaft, Teamfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit, Einfühlungsvermögen, Empathie, Belastbarkeit (Spielen kann Stress erzeugen), Entscheidungsfähigkeit, Konfliktfähigkeit, Frustrationstoleranz, Offenheit und Veränderungsbereitschaft, Reflexionsfähigkeit.

Hans Tröhler
Lehrer auf der Sekundarstufe I und begeisterter «Spieler». Er führt an seiner Schule u. a. Spielnächte und Spiel-Projekt­wochen durch.

Hans Tröhler: Es ist erstaunlich, was sich im Zusammenhang mit Spielen zwanglos an «Schulischem» ergibt: So etwa Spielanleitungen verstehen und umsetzen, andern erklären, wie das Spiel funktioniert. Das ist bei anspruchsvolleren Spielen an Komplexität nicht zu unterschätzen. Wenn an solchen Kompetenzen gearbeitet wird –, die unter anderem mit Leseverstehen und Kommunikation zu tun haben – dann hat Spielen im Unterricht durchaus seine Berechtigung.

Tom Felber: Nun, auch nach dieser Diskus­sion bin ich für die Verbannung von Lernspielen aus der Schule. Gleichzeitig würde ich aber die Einführung eines Schulfachs «Spielen» begrüssen. Sicher ist das im Moment nicht realistisch. Dennoch: Beim Spielen lernt man etwas für die Persönlichkeits- und Charakterbildung, man erlernt soziale Kompetenzen.

Sie haben vorhin eine breite Palette von Kompetenzen im Zusammenhang mit Spielen aufgezählt. Haben diese auch als Kriterien für die Auswahl des «Spiel des Jahres» eine Bedeutung?

Tom Felber: Nein, eher weniger. Ob man beim Spielen nachweislich etwas lernt, ist für uns überhaupt kein Kriterium. Das Hauptkrite­rium ist: Spielen soll «Fun» sein. Wir beurteilen das Spiel-Erlebnis, die Spiel-Erfahrung. Darum spielen wir ein Spiel viele Male und mit vielen verschiedenen Leuten. Wenn ein Spiel für verschiedene Personen und nach dem x-ten Mal immer noch Spass macht sowie zum Wieder-Spielen animiert, dann hat es gute Karten bei der Jury. Dazu kommen weitere Elemente, die wir beurteilen: die Verständlichkeit und das Funktionieren der Spielregeln, die Qualität des Materials, die Spielgrafik und ihre Funk­tionalität hinsichtlich des Spiels.

Besteht beim Spielen in der Schule nicht auch die Gefahr, dass Spiele missbraucht werden, gleichsam als Tarnung für Lernen?

In der Virtualität des Spiels können Dinge ausgelebt werden, die im realen Leben so nicht möglich sind. Hans Tröhler

Hans Tröhler: Spielen soll nicht missbraucht werden für das Lernen. Kinder durchschauen die versteckte Absicht hinter Lernspielen sehr schnell: Es geht halt doch ums Lernen. Dennoch gibt es viele Eigenschaften beim Spielen, die erworben werden können, wie Frustrationstoleranz, Kreativität, Eintauchen in eine fiktive Welt. In der Virtualität des Spiels können Dinge ausgelebt werden, die im realen Leben so nicht möglich sind.

Evelyne Wannack: Sicher ist es so, dass bei so genannten Gesellschaftsspielen viel gelernt werden kann: vorausschauen, antizipieren, Strategien aushecken und anwenden usw. Die Frage ist: Was zählen wir alles zum Lernen? Lernspiele können als Verpackung gesehen werden, in die Lernen eingebettet ist. Kleine Kinder aber lernen spielend aus lauter Neugier und Lust, Neues auszuprobieren. Hier spreche ich auch vom Spielen mit unstrukturiertem Material wie Tüchern, Holzstöcken, Seilen … Kinder fantasieren sich eigene «Welten» zusammen und formulieren ihre eigenen Rollen und Regeln. Dabei lernen sie enorm viel.

Hans Tröhler: Im Spiel selbst liegen genügend Möglichkeiten für das Lernen. Man darf ruhig dazu stehen: Jetzt lernen wir explizit in einem Fach und in einem anderen Moment findet Lernen implizit statt, ohne dass wir uns dessen beim Spielen gewahr werden. Beim Testen eines Spiels im Unterricht konnte es vorkommen, dass Kinder – vermutlich geprägt vom Elternhaus – fragten: «Ist das nun Schule?» Aber mittlerweile ist anerkannt, dass das Spiel in meinem Unterricht einen begründbaren Platz hat.

Gibt es altersspezifische Unterschiede in der Bereitschaft zu spielen?

Spielen gehört unbedingt in die Schule, aber im Sinn von Lernen für das Leben, nicht fürs Lernen in der Schule. Tom Felber

Tom Felber: Ich stelle schon fest, dass Kinder in der Pubertät weniger spielen. Spielen hat viel mit der eigenen Persönlichkeit zu tun, da bringt man sich wirklich ein. In einem Alter, in dem man auf der Suche nach der eigenen Persönlichkeit ist, exponiert man sich nicht mehr so gern beim Spielen. Manche finden dann nach 20 wieder zum Spielen zurück.

Hans Tröhler: Was auffällt: Spielkurse werden vor allem von Lehrpersonen der Primar­stufe besucht. Angebote wie etwa Lagerspiele für die Sekundarstufe I können mangels Interesse oft knapp oder gar nicht durchgeführt werden. Ab dem Zyklus II und vor allem gegen die Selektion für die Oberstufe hin trauen sich viele Lehrpersonen nicht mehr, Zeit fürs Spielen zu «vergeuden». Zu überlegen wäre, was sich für das Spiel auf dieser Stufe tun liesse.

Evelyne Wannack: Ich bin auch im Sport zu Hause. Wir wissen, dass das, was die Kinder und Jugendlichen im Sportunterricht am liebsten machen, das Spielen ist. Auch dort kommen Fähigkeiten zum Zug, die wir von anderen Spielen her schon kennen: Spielstrategien, Kooperationsfähigkeit in Teamspielen, Spielintelligenz etc. Wenn man das Spielen etwas breiter definiert, als wir das bisher diskutiert haben, geht das Spielen auch in der Mittel- und Oberstufe weiter. Angesichts der schulischen Ansprüche, z. B. im Zusammenhang mit der Berufswahl, ist es vielleicht ein Privileg von Projekt- oder Landschulwochen, dass sich Lehrpersonen und Schülerinnen und Schüler in einem solchen Kontext z. B. mittels Spielen auf andere Weise begegnen können.

Wie würde Ihr Schlusswort an die Leserinnen und Leser des «profil» lauten?

Hans Tröhler: In der Schule sollte man zwischendurch Dinge wagen, mit denen ein Teil der Eltern eventuell etwas Mühe bekundet. Und dabei aufzeigen, wie wertvoll solche Ausflüge in andere «Bereiche» sein können. Das gälte eben auch und besonders für das Spielen.

Tom Felber: Es ist vielleicht ein typisch schweizerisches Phänomen, dass man meint, auch beim Spielen etwas lernen zu müssen. Einfach Spass zu haben, scheint irgendwie verdächtig zu sein. Die Schweiz hat eine enorme Produktion von Geografie-Spielen. Das kennen andere Länder nicht. In einem Vortrag hat der frühere Chef des Ravensburger Spieleverlags mal gesagt, die Schweizer würden immer ihre Pädagogik in die Spiele hineinzubringen versuchen. Von diesem Leistungsgedanken im Spiel sollte man sich lösen können.

Evelyne Wannack: Denn Spiel soll frei von sonstigen Ansprüchen ein Eigenwert zugestanden werden. Dazu gehört ebenfalls, Spielen und Lernen bzw. Arbeiten nicht als Gegensätze zu konstruieren. Auch die Gräben zwischen Kindergarten, dem man das Spielen noch zugesteht, und der Schule, in der «der Ernst des Lebens» Einzug hält, sind nicht sachdienlich. Denn Spielen ist auf jeder Altersstufe, also auch im Erwachsenenalter, eine Möglichkeit, immer mal wieder «aus der realen Welt austreten» zu können.

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