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In Kippel wird auf Französisch gespielt

Zwei verschiedene Klassen – eine Erkenntnis: Sprachspiele sind quasi authentische Kommunikationssituationen. Die Schülerinnen und Schüler sprechen effektiv französisch beim Spielen! Ein Unterrichtsbesuch im Lötschental. Von Peter Uhr.

Mit einem freundlichen «Bonjour» begrüssen der Lehrer Walter Kronig und seine Klasse einander. Auf den Pulten liegen verschiedene Spiele auf. Die Schülerinnen und Schüler der 8. Klasse können wählen, mit wem sie welches Sprachspiel in der Französisch-Stunde spielen wollen. Es gibt unter anderem Memorys, ein domino-artiges Vokabeltraining, ein Spielbrett mit Würfeln oder ein Scrabble. Auf den Weg gibt ihnen der Lehrer eine einzige Anweisung: «On parle que le français, n’est-ce pas?»

Der Beobachter kommt von jenseits der Alpen; die Lektion findet an der Orientierungsstufe in Kippel im vorderen Lötschental statt. Der «profil»-Redaktor möchte beobachten, welche Nutzen Spielformate im Fremdsprachenunterricht haben und wie das Lehrpersonen und Lernende je wahrnehmen. «Non, ce n’est pas juste», interveniert ein Knabe, als ein anderer eine nicht passende Vokabelkarte hinlegen will. «Qui a le mot allemand pour il s’endormait?», tönt es an einem anderen Tisch. Es wird tatsächlich französisch gesprochen.

Sprachspiele: die breitest mögliche Aktivierung aller in der Klasse

Die für die deutsche Sprache entwickelte Scrabble-Version stellt Probleme. Die beiden «scrabbelnden» Schüler entdecken: Von manchen Buchstaben wie W hat es zu viele, von anderen, im Französisch häufiger vorkommenden wie C und Y eher zu wenige. Da es nur Grossbuchstaben hat, stören wenigstens die fehlenden «accents» nicht.

Die Orientierungsschule Kippel ist eine jener rund zwei Dutzend Schulen, die die Erprobungsversion des neuen Lehrmittels «Clin d’œil» einem jährigen Praxistest unterziehen. Auch im Lehrmittel gibt es einiges an Lernspielen und Spielvorschlägen. In der anderen Klasse, die von Cécile Werlen geführt wird, findet sich auf dem Tisch ein offensichtlich multifunktionaler Spielplan aus dem Materialienset des 7. Schuljahres. Die Schülerinnen bestehen darauf, dass die Lehrerin mitspielt.

Auch hier: Alle bemühen sich, sich auf Französisch auszudrücken. Wenn die Figur auf ein Situations-Feld gelangt, wird eine Karte gezogen. Sie ist selbst angefertigt und bildet eine Szene aus dem «parcours» ab, mit dem sich die Klasse zuvor beschäftigt hat. Da liegt zum Beispiel eine Karte mit einer Bahnhofsituation oder einem Fahrplan auf dem Tisch. Aus der Erinnerung, aber frei formuliert die Schülerin, was sie auf der Karte sieht, wie spät es gemäss Bahnhofsuhr ist, auf welchem Perron die Dame sich befindet, wohin der Zug fahren wird etc. Das geht recht flüssig, und wo jemand nicht weiterweiss, helfen die Klassenkolleginnen oder die Lehrerin.

Auf die Frage, ob man mittels Spielen gut lernt, meint eine Schülerin: Wenn man das Voca (die Wörter) gut gelernt habe, erkenne man auf den Bildern ja, was vorher Thema war, und könne dann doch einiges sagen zu diesen Szenen. Diese Aussage bestätigt, was die beiden Lehrpersonen zur Verortung von Lernspielen im Unterricht zuvor gesagt haben: «Die von uns eingesetzten Lernspiele dienen dem Training, der Vertiefung von Gelerntem. In der Regel wird beim Spielen nichts Neues dazu gelernt. Aber Gelerntes wird in als echt empfundenen Spiel- und Kommunikationssituationen angewandt und vielfach repetiert.»

Einfache Spiele, grosse Wirkung

In der Gruppe von Cécile Werlen wollte es der Zufall, dass die Spielfiguren x-mal auf Feld 1 zurück mussten oder – waren sie mal etwas weiter avanciert – die Position mit einer anderen Figur tauschen mussten. Besonders lustig natürlich, wenn das wiederholt der Lehrerin passierte.

 

profil: Walter Kronig, warum setzen Sie im Französisch-Unterricht Lernspiele ein?

Walter Kronig: Es gibt nichts Effizienteres, wenn man möglichst viele Schülerinnen und Schüler aufs Mal aktivieren will. Innert weniger Sekunden sind alle am Arbeiten, Denken, Reden und Üben. Und: Die Lernenden schätzen etwas Abwechslung im Unterricht. Auch die Sozialformen wechseln sich ab: Einzelne Spiele erfordern Partnerarbeit, bei anderen können grössere Gruppen gebildet werden. Je nach Spiel können Jugendliche auch verschiedene Aufgaben und Rollen übernehmen.

profil: Cécile Werlen, sind Lernspiele effizienter als andere Lernarrangements?

Cecile Werlen: Nein, nicht unbedingt. Denn Spielen benötigt doch relativ viel Zeit. Und dennoch würde ich auf diese Form des Lernens und Übens keinesfalls verzichten wollen. Warum? Weil sie eine Abwechslung ins Unterrichtsgeschehen bringen, weil sie die Kinder sehr schnell zum aktiv Werden und Handeln führen und weil Lernspiele zuweilen auch der Lehrperson erlauben, sich in eine andere Rolle zu begeben. Der Einsatz von Lernspielen rhythmisiert den Unterricht in einer guten Art und macht den Jugendlichen in aller Regel Spass. Mit Spass lernen: Was könnte Besseres geschehen?

 

Fazit:

In Kippel dienen Lernspiele im Sprachenbereich dem Festigen, Anwenden, Automatisieren. Dies primär in den Bereichen Wortschatz und Grammatik. Und – wie zu sehen war – es funktioniert. Auf die Frage, die auf die Diskussion im Rundtischgespräch zurückgeht: «Findet ihr, dass man das Spielen nicht zum Lernen missbrauchen sollte?», antworteten die Schülerinnen von Cécile Werlen: «Ausser in der Schule kann ja jeder auf seine Weise lernen. Wenn wir dies inform von Lernspielen tun dürfen, fühlen wir uns jedenfalls nicht missbraucht.»

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