farbwelt

Spielend eine Geschichte erzählen

In einem Workshop erfahren ­Lehrpersonen, wie Kinder durch das Figurentheater in ihrer Erzählkompetenz ge­fördert werden können. Einblick in einen ­Weiterbildungstag in ­Oetwil am See. Von Therese Grossmann.

Im Klassenzimmer 6 der Schule Breiti sieht es heute anders aus als sonst. Auf den Tischen entlang des Fensters liegen Tannzapfen, Rindenstücke, kleine Steine, farbiges Papier, bunt bemusterte Stoffresten und viele Recyclingmaterialien: Zum Beispiel Plastikbecher, Kaffeerahmflaschen, Milchbeutel, Eierschachteln, kleine PET-Flaschen. Auf den zwei vordersten Pulten hat es Leimstifte, Scheren, Farbstifte, Klebeband. Luisa Marretta hat die vielen verschiedenen Materialien mitgebracht und ausgebreitet. Sie ist die Kursleiterin des Workshops «Kinder spielen Tischtheater», der heute im Rahmen des gemeinsamen Weiterbildungs­tages der Schule Oetwil stattfindet. Die Kursteilnehmerinnen, vorwiegend aus der Unterstufe, werden aus den Materialien Figuren zu einer Geschichte herstellen.

«Das Tischtheater ist eine herkömmliche Spielform», erläutert Luisa Marretta in ihrer Einführung, «neu aufgewertet wird es durch wissenschaftliche Untersuchungen zur Sprachentwicklung, speziell zur Erzählfähigkeit von Kindern. Im Tischtheater wird den Kindern eine Geschichte erzählt oder vorgelesen. Diese wird von den Kindern dann gespielt. Die Kinder stellen aus einem grossen Materialienschatz selbst eine Figur aus der Geschichte her. Durch diesen Gestaltungsprozess entsteht ein emotionaler Bezug zu der Figur.» Luisa Marretta hebt hervor, dass die Kinder im Tischtheater improvisieren, also keine auswendig gelernte Rolle spielen. «Die Kinder legen den Fokus auf die Figur, die sie selbst gestaltet haben, sie spielen und sprechen im Schutz dieser Figur. Dadurch finden sie den Mut zum freien Sprechen. Durch das Spiel, den physischen Nachvollzug, prägen sich Worte und Sätze besser ein. Eigentlich ist Tischtheater eine lustvolle, spielerische Sprachübung!» Nach der kurzen Einführung in die Prinzipien des Tischtheaters geht es nun über zum praktischen Teil des Workshops. Luisa Marretta erzählt die Geschichte «Die Steinsuppe» und liest das Grimm-Märchen «Warum der Schnee weiss ist» vor. Jede Kursteilnehmerin wählt eine der beiden Geschichten, die sie zusammen mit andern Teilnehmerinnen spielen will. Rasch werden erste Abmachungen zu den Figuren bzw. zu den Materialien getroffen. «Ich mache die Frau mit dem Pouletbein, das sie dem Hausierer in den Wald als Anreicherung seiner Steinsuppe mitbringt», ist aus der einen Gruppe zu hören. «Es hat durchsichtige Becher für die Figur des Schnees», tönt es aus der anderen Gruppe. Jede Teilnehmerin stellt nun ihre Figur für die Geschichte her: Es wird geschnitten, geklebt, gemalt, geheftet und beschriftet. Die Teilnehmerinnen arbeiten rasch, ganz auf ihre Figur konzentriert. Die verschiedenen Farbblumen der Schneegeschichte – das Veilchen, die Sonnenblume, die Rose – sind fertig, nur dem Schnee fehlt noch das Kleid. «Du könntest für den Schnee einen Plastiksack in den Becher stülpen, so trägt er ein durchsichtiges Kleid», rät eine Kollegin, die gerade ein grünes Papier über einen Schülertisch legt. Damit ist auch die Spielfläche bereit und das Figurentheater zur Schneegeschichte kann beginnen.

Die Kinder legen den Fokus auf die Figur, die sie selbst gestaltet haben, sie spielen und sprechen im Schutz dieser Figur.

Die Augen der ganzen Gruppe sind auf den Schnee gerichtet, der über die Wiese schreitet, die farbigen Blumen bestaunt, auf das lila Veilchen zugeht und fragt: «Gibst du mir etwas von deiner Farbe?» Die Antwort des Veilchens ist wortreich, die Teilnehmerin scheint das Spiel mit der Figur und mit der Sprache zu geniessen. Es wird gelacht, auch in der Gruppe, in der die Steinsuppe gerade mit dem Pouletbein angereichert wird. Es wird auch improvisiert, die Dialoge werden zunehmend kreativer.

Was Luisa Marretta in ihrer Einführung über das Figurenspiel bei Kindern beschrieben hat, gilt offensichtlich auch für Erwachsene: Die Erzählfreude entwickelt sich beim Spielen mit den Figuren, sie manifestiert sich in den Dialogen. Es kommt zum Spiel mit der Stimme, Varianten der Tonhöhe und der Intonation werden ausprobiert. Es kommt auch zum Spiel mit der Menge des Gesagten, und es kommt zum Spiel mit dem Inhalt des Dialogs, indem zum Beispiel neue Inhalte hinzugefügt werden. Dies wiederum kann eine andere Spielfigur zum Improvisieren beim Sprechen herausfordern. Wer sich das nicht zutraut, kann sich an den Dialogen der Geschichte orientieren bzw. seine Sprechanteile klein halten.

In der kurzen Auswertung heben die Teilnehmerinnen ihre Freude am Spielen und Sprechen mit der selbst gestalteten Figur hervor. Luisa Marretta verweist nochmals auf die Möglichkeiten der Erzählförderung, die durch das Nachspielen der Geschichte bzw. durch das spielerische Sprechen entstehen. Die Rolle der Lehrperson ist dabei vielfältig, sie kann zum Beispiel den Erzählpart der Geschichte übernehmen und auf diese Weise die Kinder bei ihren Dialogen beobachten, sie kann auch mitspielen und dabei als sprachliches Vorbild wirken bzw. die Kinder ihren Möglichkeiten entsprechend zu Dialogen herausfordern. Oder sie kann als Beobachterin ausserhalb des Spiels eingreifen und einzelne Kinder in ihren Dialogen unterstützen bzw. sie zu anspruchsvolleren Sprechleistungen ermutigen. Je nach Entwicklungsstand der Kinder kann die Lehrperson die Geschichtenstruktur sichtbar werden lassen und damit die Kompetenz der Kinder fördern, eigene Geschichten mündlich und schriftlich zu erzählen.

Als Abschluss des Workshops wünscht Luisa Marretta den Teilnehmerinnen, dass sie das Figurentheater bei ihren Schülerinnen und Schülern immer wieder als Grundlage für spielerische Sprachförderung einsetzen können.

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