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Sprache wirkt

Schülerinnen und Schüler untersuchen die Sprache von Fanmails an Skistars. Sie erfahren dabei, wie mit sprachlichen Mitteln Wirkung erzeugt werden kann. Sogar mit Satzzeichen! Eine Reportage aus der Sekundarschule Dietlikon. Von Therese Grossmann.

«C’est le ton qui fait la musique» – «Wie man in den Wald ruft, so tönt es zurück» – «What goes around turns around» steht auf dem Whiteboard der Klasse A2b. Die heutige Deutschstunde beginnt gleich mehrsprachig. In einer kurzen Partnerarbeit suchen die Schülerinnen und Schüler nach Gemeinsamkeiten der drei Redensarten und kommen zu Ideen wie: «Es kommt sehr darauf an, wie man etwas sagt» oder «die Sprache ist eine Art Echo; wenn ich zum Beispiel etwas wütend sage und dabei Fluchwörter verwende, bekomme ich wahrscheinlich auch eine wütende Reaktion.» Nun versuchen die Jugendlichen, sich an Situationen zu erinnern, in denen jemand sie durch einen speziellen Sprachgebrauch schockiert, provoziert, begeistert oder erstaunt hat. Sie überlegen auch, woran es lag, dass es zu dieser Wirkung kam. Ein Schüler erzählt, wie schockiert er war, als seine Mutter zu seiner Schwester «Du Ratte!» sagte. Er hätte nie gedacht, dass eine erwachsene Person ein Schimpfwort, das man unter Kollegen braucht, auch anwenden würde, und das erst noch in der Familie.

Wie man in den Wald ruft, so tönt es zurück!

Die persönlichen Erfahrungen mit der Wirkung von Sprache haben die Lernenden mitten ins Thema «Sprache – Wirkung – Stil» geführt, wie es im Lehrmittel «Sprachwelt Deutsch» angelegt ist. Dort sind auch authentische Mailbeispiele aus der Fanpost an Skistars abgebildet. Diese sollen die Schülerinnen und Schüler nun auf ihre sprachlichen Merkmale und deren Wirkung untersuchen. «Die Mail von Iréne schauen wir gleich zusammen an», führt Fabienne Meier in den Auftrag ein, «beobachtet die Sprache von Iréne genau, zum Beispiel schon die Anrede.» Einer Schülerin fällt das Duzen auf. «Das wirkt auf mich ziemlich unhöflich, Iréne schreibt ja an eine erwachsene Person, die sie nicht kennt.» Eine andere Schülerin weist auf den Spitznamen «Mike» in der Anrede hin, das wirke zu persönlich und zu direkt als Anrede an eine unbekannte Person. Nach weiteren Beobachtungen der Schülerinnen und Schüler zur Sprache leitet die Lehrerin zur Einzelarbeit über: «Ihr geht von der Sprache in den verschiedenen Mails aus, die ihr genau unter die Lupe nehmt. Anschliessend beschreibt ihr die Wirkung auf euch.» Dass es gar nicht so einfach ist, sich mit der Wirkung auseinanderzusetzen, zeigen die anfänglich spärlichen Einträge der Lernenden in der Kolonne «Wirkung» in ihren Heften. Es braucht nochmals einen Hinweis der Lehrerin mit einem Beispiel zur Wirkung von Sprache aus der Mail von Iréne. Eine Schülerin schreibt dann in ihr Heft, das Schweizerdeutsch in Marcos Mail wirke unprofessionell, zu kollegial. Die spätere Auswertung in der Gruppe wird zeigen, dass das gleiche sprachliche Phänomen unterschiedlich wirken kann: Eine Schülerin hat zum Beispiel geschrieben, eine Fanmail in Schweizerdeutsch wirke auf sie sympathisch und freundlich.

In der Gruppenarbeit geht es um die Wirkung der Mails, sie wird durch folgende Fragen angeleitet: Was wirkt wie auf mich? Woran liegt das? Zwei Schüler sind sich einig, dass die Mail von Iréne auf sie wirke, als ob sie angeschrien würden, also ziemlich aggressiv. Das liege an den vielen Ausrufezeichen, 13 habe es in der Mail, jeder Satz höre mit mindestens einem Ausrufezeichen auf. Alle in der Gruppe sind erstaunt, dass auch Satzzeichen Mittel der Sprache sind, die stark wirken können. In einer anderen Gruppe wird darüber gesprochen, warum denn Stefans Mail so frech und unpersönlich wirke. «Er hat überhaupt nichts von sich geschrieben oder warum er ein Fan des Skistars ist», erklärt eine Schülerin, «er beginnt gleich mit der Anfrage, in die er nicht einmal ein ‹bitte› einfügt. Das Wort ‹nicht› in der Formulierung ‹kannst du mir nicht eine Autogrammkarte senden› verstärkt das Freche.»

Die Ergebnisse aus der individuellen Untersuchung und der Arbeit in der Gruppe halten die Schülerinnen und Schüler auf einer grünen Do-Liste und einer roten Don’t-Liste fest. Die Listen werden dazu dienen, die eigenen Fanmails zu überprüfen. Die Ankündigung der Lehrerin, die Erkenntnisse dieser Deutschstunde in einer Mail an einen selbst gewählten Star umzusetzen, löst Begeisterung aus. «Ich schreibe an Magnin», meint ein Knabe spontan. «Und ich an Johnny und Manu», sagt ein Mädchen lächelnd. Jetzt hoffen wir, dass die Schülerinnen und Schüler den richtigen Ton treffen, sodass ihr Anliegen, ein Autogramm zu erhalten, Gehör findet.

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