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Die rollende Forscherkiste

Die Forscherkiste ist gar keine Kiste, sondern ein fahrbarer Anhänger, gefüllt mit etwa 250 gebrauchsfertigen Experimenten zum Sehen, ­Riechen, Tasten, Schmecken, Hören, zur Energie und zur Mathematik ... und natürlich zum Staunen. Eine Woche lang steht der Anhänger auf dem Schulhausplatz Rebacker in Münsingen. Eine Reportage von Hansruedi Hediger.

Der Anhänger ist beklebt mit bunten Sponsorenplakaten und vielseitigen Fotos vom Einsatz in den Schulen. Im Schulhaus ist es um diese Zeit noch ruhig – die Klassen arbeiten in der ersten Lektion nach Stundenplan.

Lehrer Hansjörg Siegenthaler nimmt sich vor dem Unterricht Zeit, von der Projektwoche mit der Forscherkiste zu erzählen. Bereits zum dritten Mal wird mit fünf Mittelstufenklassen eine solche Woche durchgeführt. Das Angebot der Experimente ist reichhaltig, interessant und ideal für Kinder dieses Alters, die Anleitungen sind grundsätzlich kurz, einfach und bebildert. Deshalb verlangen nur wenige Experimente die Durchführung oder die Unterstützung durch die Lehrperson.

Ich weiss nicht, was oben und unten ist. Das Geländer führt doch abwärts, obschon ich aufwärtssteige.

Der Aufwand für die Lehrpersonen hält sich in Grenzen. Es gibt eine Information durch die verantwortliche Forscherkiste-Betreuungsperson (siehe Interview). Für das Modul «Riechen und Schmecken» müssen einige frische Produkte eingekauft und der Ablauf und die Gruppeneinteilung organisiert werden. Es ist aber nicht nötig, dass die Lehrpersonen über alle Experimente genau Bescheid wissen. Auch der Abend, an dem die Schüler und Schülerinnen ihren Eltern die Experimente zeigen und vorführen können, muss nicht besonders vorbereitet werden.

Hansjörg Siegenthaler möchte in seinem Modul den Kindern vor Augen führen, dass es in der Mathematik auch um spielerische Ansätze gehen kann, um ganz andere Denkwege, dass Mathematik Spass machen kann.

Um neun Uhr finden sich die Schülerinnen und Schüler in Zweier- oder Dreiergruppen in den jeweiligen Themenräumen ein. Nach einer kurzen Einleitung beginnen die Kinder mit den Experimenten. Bald herrscht rege Betriebsamkeit.

Der Sechstklässler Nico hat sich die Umkehrbrille auf die Nase gesetzt und lässt sich auf seinem Gang durchs Schulhaus von einem Knaben leiten: «Aha, das ist nun die erste Stufe der Treppe. Ich weiss nicht, was oben und unten ist. Das Geländer führt doch abwärts, obschon ich aufwärtssteige. Ich klebe wie an der Decke oben. Das sieht voll lustig aus. Autsch, hier ist ein Tisch, der von der Decke herunter­hängt. Aus meiner Sicht war der doch viel weiter weg. Es ist ein ganz verkehrtes Gefühl, so umherzugehen.»

Da werden Parfüms gemischt, gerochen und beurteilt, Holundersirup wird mit Lebensmittel­farben gefärbt, es wird an ­Döschen gerochen, und es werden Gewürze und Kräuter gekostet.

Im Raum «Riechen–Schmecken» werden die Geruchsnerven stark strapaziert. Da werden Parfüms gemischt, gerochen und beurteilt, Holundersirup wird mit Lebensmittelfarben gefärbt, es wird daran genippt und deren Wirkung begutachtet. Zwiebeln und Äpfel werden geschnitten, es wird an Döschen gerochen, und es werden Gewürze und Kräuter gekostet. Gut, dass in der Pause endlich gelüftet werden kann.

Am besten kommen die Experimente an, bei denen man sich bewegen kann, bei denen viel passiert. Draussen auf dem Schulhausplatz zünden einige Schülerinnen mit Lupen und Sonnenlicht «Frauenfürze» an. Es kracht und alle kreischen und lachen. Daneben versuchen zwei Knaben, eine möglichst hohe Wasserfontäne mit PET-Flaschen zu erzeugen. Joshua erklärt, er lese die Anleitungen zu den Experimenten nicht so gerne, er wähle lieber solche aus, bei denen er ohne auskomme. Manuel ist etwas ratlos bei der Frage, was er gelernt habe. Lieber zählt er auf, was ihm besonders Spass gemacht hat. Den Eltern will er am Abend unbedingt das Velo vorführen, mit dem man Strom erzeugen kann.

Gegen Ende des Morgens sind nur vereinzelt forschungsmüde Schüler und Schülerinnen zu entdecken. Alle sind sich einig: Das Arbeiten mit dieser Forscherkiste macht Spass und bringt grosse Abwechslung in den Unterricht.

Einem Phänomen begegnen, Staunen, Fragen, Untersuchen, Klären, Einordnen sind Stationen eines Forschungsprozesses. Die Forscherkiste bietet einen reichen Schatz an Möglichkeiten, Forschungsprozesse in Gang zu setzen. Ob diese auch zu Ende geführt werden, hängt davon ab, wie weit auch das Untersuchen, Klären und Einordnen im weiteren Unterricht Platz finden.

 

brigitte kohli

Brigitte Kohli

Brigitte Kohli ist pensionierte Lehrerin und arbeitet im kleinen Forscherkisten-­Team mit. Ihre Begeisterung und ihr ­Engagement sind zu spüren.

profil Wie ist die Forscherkiste entstanden?

Brigitte Kohli 2005 begannen fünf pensionierte Berner Lehrer nach dem Muster von Gerd Oberdorfer, einem Ostschweizer Lehrer, ebenfalls eine Forscherkiste aufzubauen. Unterstützt wurden sie durch den Berufsverband «LEBE» (Lehrer und Lehrerinnen Bern). Im Winter 2013/14 erlebte die Forscherkiste eine Totalrevision. Wir haben die Anleitungen vereinheitlicht und vereinfacht, viel Material ersetzt und zum Teil neue Experimente eingebaut.

Wie ist die Forscherkiste aufgebaut?

Im Anhänger stehen fast 250 Experimente zu folgenden fünf Teilbereichen bereit: Sehen, Tasten, Riechen, Schmecken, Hören, Energie und mathematische Spielereien. Zu jedem Experiment gehört das entsprechende Material in einer handlichen, stapelbaren Kiste und eine schülergerechte, laminierte Anleitung. Im Weiteren gibt es zu jedem Teilbereich ein Handbuch für Lehrpersonen mit ausführlichen Erklärungen und Materiallisten.

Was ist der Sinn der Forscherkiste?

Lernen soll «greifbar» gemacht werden. Die Lehrpersonen sollen ein Phänomen nicht erklären. Die Schülerinnen und Schüler sollen im Idealfall durch ihre natürliche Neugierde und durch ihr Handeln ein Phänomen erfahren und verstehen. Ein Ordner mit ausführlichen Erklärungen steht bereit. Zu ausgewählten Experimenten ist es sinnvoll, ein Protokoll zu führen.

Welches sind die Aufgaben und Voraussetzungen als Betreuerin?

Es braucht handwerkliches Verständnis, eine Bereitschaft zur Zusammenarbeit im Team und etwas Organisationstalent. Ich mache wie meine Kollegen vor dem Einsatz jeweils eine Einführung für die Lehrer und Lehrerinnen, wir sind dann während der Woche nicht mehr vor Ort, aber immer ansprechbar. Ausserdem kümmern wir uns darum, dass der Anhänger von der abnehmenden Schule abgeholt wird. Ende der Woche kontrollieren wir das Material, ersetzen und flicken es wenn nötig, damit die Forscherkiste für die nächste Schule wieder bereitsteht.

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