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Eine Forschungs-Reise mit Gegenständen aus vergangener Zeit

Schülerinnen und Schüler tauchen mit Gegenständen aus dem Besitz ihrer Grosseltern in ihre eigene Geschichte ein. Von Verena Eidenbenz

In der multikulturellen Schule Kappeli in Zürich Altstetten unterrichtet Anwar Said eine 3. Klasse. Im Rahmen des Mensch und Umwelt-Unterrichts beschäftigen sich die Schülerinnen und Schüler mit ihrer Herkunft. Unter anderem recherchieren sie, wie ihre Grosseltern gelebt haben. Dazu bringen sie einen alten Gegenstand, der diesen gehörte, in die Schule mit. Sie setzen sich gründlich mit dem Objekt auseinander, um bei der Präsentation die Fragen ihrer Mitschülerinnen und -schüler beantworten zu können. Dadurch sollen sie auch erfahren, dass die eigene Geschichte mit und in den Dingen sichtbar wird, und verstehen, dass «Geschichte» (Vergangenheit) Teil der eigenen Identität ist. Dieses Vorhaben braucht eine sorgfältige Einführung und Vorbereitung.

Wieso braucht es dieses «Rund­umeli» – den spiralförmigen Teil? Ist er gefährlich?

Exemplarische Einführung

Der Lehrer lädt die Schülerinnen und Schüler zu einer Entdeckungsreise in seine eigene Vergangenheit ein. In einer Blackbox hat er einen Gegenstand versteckt, der seiner Grossmutter gehörte. Er erzählt den Kindern, dass er sich nicht mehr so gut an sie erinnern könne und deshalb seine Mutter gefragt habe, wie sie gewesen sei, wie sie gelebt habe und was sie gemeinsam unternommen hätten. Die Neugierde auf den Gegenstand in der Blackbox ist geweckt. Alle dürfen diesen befühlen und danach die Eindrücke als Bild in ihr Forscherheft zeichnen. Forscherheft? Die Kinder sind sich nicht ganz einig, ob das jetzt das Mathematik- oder doch eher das Deutschheft ist – in verschiedenen Fächern kann geforscht werden. Bald ist diese Frage geklärt, und das richtige Heft liegt auf dem Tisch.

Nun wird die Blackbox geöffnet. Einige Kinder freuen sich, dass sie den Gegenstand so gut gezeichnet haben. Als Nächstes notieren sie ihre Fragen zum Gegenstand. Sie überlegen, was sie wissen möchten, was sie interessiert. Anschliessend werden die Fragen gesammelt: «Ist das eine Steckdose?», lautet die erste Frage. Diese wird nun in eine Forscherfrage verwandelt, die nicht mit ja oder nein beantwortet werden kann. Wie funktioniert der Gegenstand? Wofür hat die Oma den Gegenstand gebraucht? Wieso braucht es dieses «Rundumeli» – den spiralförmigen Teil? Ist er gefährlich? Wie heisst der Gegenstand? Woraus ist er gemacht? Wozu dient das rote Teil in der Mitte? Woher kommt er? Wann wurde er erfunden? Wie alt ist er? Seit wann gibt es überhaupt Strom?

Anwar Said führt nun den Gegenstand vor. Alle beobachten gespannt, was passiert. Die Kinder diskutieren lebhaft über die kleinen Blasen, die im Wasser sichtbar werden, den Wasserdampf, und wie das genau funktioniert. Bald ist allen klar, dass das Gerät Wasser zum Kochen bringt, indem der Strom die Metall­stäbe aufheizt. Metall ist wichtig, weil Gummi schmelzen würde. Das rote Teil entpuppt sich als Griff, der nicht heiss wird. Einiges gibt Rätsel auf, besonders der spiralförmige Teil des Tauchsieders. Eine Schülerin mutmasst, dass dadurch das Wasser schneller kocht, weil das Wasser dort bewegt wird. Eine andere Hypothese lautet, dass dieser den Strom gewissermassen nach vorne zieht und besonders heiss wird. Auch über die Frage, woher der Gegenstand kommt, wird spekuliert – China, Deutschland, Schweiz? Nicht auf alle Fragen hat der Lehrer eine Antwort – es gibt noch viel Stoff zum Forschen.

Wochenaufgabe

Nach der Pause erklärt Anwar Said den Schülerinnen und Schülern die Aufgabe: Sie sollen einen alten Gegenstand suchen, der ihren Gross­eltern gehört hat. Möglichst etwas Spezielles, das man nicht jeden Tag sieht. Wie soeben geübt, sollen sie sich Fragen zum Gegenstand stellen und versuchen, diese durch Recherchieren zu beantworten. Für die Präsentation sollen sie ein Plakat mit dem Namen des Gegenstandes sowie wichtigen Informationen gestalten. Sie haben für diese Aufgabe eine Woche Zeit und erhalten vom Lehrer Unterstützung.

Präsentation der Forschungs­gegenstände

Eine Woche später sind die Schülerinnen und Schüler mit ihren Präsentationen bereit. Der erste Gegenstand liegt in der Blackbox und wird vorsichtig abgetastet. Dann darf geraten werden. Es ist nicht, wie angenommen, ein Glaskrug, der zum Vorschein kommt, sondern ein Dekorationsgegenstand aus blauem Glas, verziert mit goldenen Blumenmustern. Was so schön klingelt, wenn man den Gegenstand bewegt, entpuppt sich als «Augenperlen» (Glasperlen), die Glück bringen sollen. Der seltene Gegenstand stammt aus der Türkei und ist etwa 30 Jahre alt. Er wurde in der Familie weitergegeben. Diskutiert wird vor allem die Frage, ob die «Augenperlen» wirklich Glück bringen und wie ein solcher Brauch überhaupt entsteht. Kann Glück geschenkt werden? Diese philosophischen Fragen sind nicht einfach zu beantworten und müssen vertiefter diskutiert werden.

Was so schön klingelt, wenn man den Gegenstand bewegt, entpuppt sich als «Augen­perlen», die Glück bringen ­sollen.

Weitere interessante Gegenstände werden präsentiert: ein einfacher runder Holzstab zum Auswallen von Teig, ein Rollator, eine schöne Halskette, ein Mörser aus Holz, verziert in den Farben der algerischen Flagge, der wunderbar nach Minze riecht. Ein arabisches Mokkakännchen löst eine Diskussion über unterschiedliche Arten der Kaffeezubereitung aus. Durch den häufigen Gebrauch sieht es etwas abgenutzt aus, hat deutliche Spuren der Zeit, eine sogenannte Patina. Ungeklärt bleibt die Frage, wie das arabische Mokkakännchen in den Kosovo gelangte. Ein wunderschönes Holzkästchen, das einen kleinen Koran enthält, und ein antiker Rosenkranz animieren die Kinder, sich gegenseitig zu zeigen, wie sie in den verschiedenen Religionen beten. Auch die Frage, was ein Gebet überhaupt ist, beschäftigt die Klasse. Eine Schülerin sagt: «Wenn ich bete, spüre ich, dass Gott mit mir redet.» Ein Schüler meint: «Gott ist in meiner Seele. Ich spüre durch ihn, wenn ich etwas falsch mache.» Im Fach Religion und Kultur werden diese Aussagen weiter thematisiert. Grosses Staunen löst ein schön verziertes Kästchen aus. Beim Öffnen kommen verschiedene Münzfächer zum Vorschein. Die wertvolle Rarität stammt aus Wien und ist etwa 120 Jahre alt. Das Portemonnaie ist nicht – wie vermutet – aus Metall, auch nicht aus Holz, sondern aus Horn gefertigt. Die Schülerin erzählt, dass die Blumenmuster zuerst eingeritzt und dann mit Perlmutt und wahrscheinlich Elfenbein eingelegt wurden. Auch die auf dem Deckel eingefügten Initialen lösen Fragen aus wie: «Was sind Initialen? Was ist das für eine Schrift? Sind es die Initialen der Oma, der früheren Besitzerin oder vielleicht gar der Person, die es angefertigt hat?» Das Portemonnaie wurde offenbar nur für Münzgeld benutzt, deshalb beschäftigt auch die Frage, wann eigentlich Notengeld eingeführt wurde. Zu jedem Gegenstand gibt es noch viel zu entdecken!

Zum Schluss stellt Anwar Said den Schülerinnen und Schülern die Frage, ob ein Gegenstand auch etwas über einen selbst aussage. Nach längerem Überlegen sagt ein Mädchen: «Der Dekorationsgegenstand, der von Generation zu Generation weitergeht, zeigt, dass alle sehr vorsichtig damit umgehen, dass alle sehr sorgfältig sind.» Ein Schüler meint: «Erinnerungen sind Gefühle, verbunden mit dem, was man liebte oder nicht gern hatte.» Anwar Said fasst zusammen, dass demnach die Gegenstände Geschichten erzählen, die mit Erinnerungen und Gefühlen verbunden sind. Es lohne sich, diese zu kennen, da es in diesen Geschichten ja auch um die eigene Geschichte gehe.

Erinnerungen sind Gefühle, verbunden mit dem, was man liebte oder nicht gern hatte.

Fürs gute Mitmachen und für das in den Fragen zum Ausdruck gebrachte Interesse erhalten die Schülerinnen und Schüler ein Kompliment. Alle freuen sich darauf, an den noch ungeklärten Fragen weiterzuforschen.

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