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Forschen im Lehrplan 21

Wissen wird nicht passiv empfangen, sondern aktiv konstruiert – so die gängige Auffassung. Forschen gehört somit wesentlich zum Lernen. Und seit mehreren Jahrzehnten bildet das Konzept des aktiv-entdeckenden Lernens einen Schwerpunkt in der didaktischen Diskussion. Von Werner Jundt.

Lehrpläne der letzten Generation waren primär inhaltlich ausgerichtet und konnten didaktische Ideen nur sehr allgemein, als Hinweise mit empfehlendem Charakter aufnehmen. So findet man etwa im Berner Lehrplan 95 bei den didaktischen Hinweisen zur Mathematik den folgenden Passus.

Aktiv-entdeckendes Lernen

Mathematik wird durch eigenes Tun und Erfahren wirkungsvoller gelernt als durch Belehrung und gelenktes Erarbeiten. Lernen ist ein vom Individuum bestimmter Vorgang. Schülerinnen und Schüler müssen deshalb im Mathematik­unterricht immer wieder Gelegenheit erhalten, Sachverhalte mit eigenen Fragestellungen zu erforschen und Beziehungen zu den persönlichen Erfahrungen herzustellen. Zum selbsttätigen Lernen gehören herausfordernde Situationen, die zum Beobachten und Vermuten, zu Fragen und zur Suche nach eigenen Lösungsansätzen anregen.

In einem kompetenzorientierten Lehrplan besteht die Möglichkeit, Forschen und Entdecken als Handlungsaspekte im Zusammenhang mit bestimmten Kompetenzen explizit zu fordern. Wird diese Chance im Lehrplan 21 genutzt? – Tatsächlich führen «erforschen», «entdecken», «erkunden», und «untersuchen» als Suchbegriffe im neuen Lehrplan zu weit über zweihundert Treffern! Zwar liegen diese nicht in allen Fächern gleich dicht – erwartungsgemäss machen NMG und Mathematik am meisten Aussagen zu den betreffenden Begriffen –, aber grundsätzlich lässt sich feststellen, dass der Lehrplan 21 generell eine forschende Grundhaltung für Schülerinnen und Schüler unterstützt bis ausdrücklich fordert.

Wie in früheren Lehrplänen finden wir auch im Lehrplan 21 Aussagen auf allgemeiner Ebene, so etwa in den didaktischen Hinweisen zum Fach NMG:

Im naturwissenschaftlichen Unterricht sollen Schülerinnen und Schüler selbst Naturwissen- schaften betreiben, indem sie genau beob- achten, eigene Fragen stellen und Phänomene selbst erforschen. Das Sammeln von (experi- mentellen) Daten gehört dabei ebenso dazu wie das Kommunizieren und Interpretieren von Prozess und Ergebnis oder die Reflexion über das, was die Naturwissenschaften ausmacht.

Oder in der Mathematik, wo «Erforschen und Argumentieren» als einer von drei Handlungs­aspekten die Fachstruktur entscheidend mitprägt.

Beim Erforschen und Argumentieren erkunden und begründen die Lernenden mathematische Strukturen. Dabei können beispielhafte oder allgemeine Einsichten, Zusammenhänge oder Beziehungen entdeckt, beschrieben, bewiesen, erklärt oder beurteilt werden. Zentrale Tätigkeiten: Sich auf Unbekanntes einlassen, ausprobieren, Beispiele suchen; Vermutungen und Fragen formulieren; Sachverhalte, Darstellungen und Aussagen untersuchen; Einer Frage durch Erheben und Analysieren von Daten nachgehen; Zahlen, Figuren, Körper oder Situationen systematisch variieren; Ergebnisse beschreiben, überprüfen, hinterfragen, interpretieren und begründen; Muster entdecken, verändern, weiterführen, erfinden und begründen; Mit Beispielen und Analogien argumentieren; Beweise führen.

 

Im neuen Lehrplan sind aber auch sehr viele detailliertere, für die Unterrichtsplanung relevantere Aussagen in konkreten Kompetenzbeschreibungen zu den einzelnen Fächern zu finden. Dazu ein paar Beispiele:

Fremdsprachen

Die Schülerinnen und Schüler

  • können unter Anleitung einzelne grammati- sche Strukturen erforschen, gegebenenfalls mit anderen Sprachen vergleichen und darüber auf Deutsch Vermutungen anstellen (z.B. Singular-Pluralform, bestimmter/un- bestimmter Artikel, Wortstellung in einem Fragesatz).

Fachbereichslehrpläne › FS2E.5.D.2.a

Mathematik

Die Schülerinnen und Schüler

  • können operative Beziehungen zwischen natürlichen Zahlen erforschen und beschreiben (z.B. die Differenz von 2 Umkehrzahlen ist ein Vielfaches von 9 :  41 - 14 = 27; 83 - 38 = 45).

Fachbereichslehrpläne › MA.1.B.1.g

Natur, Mensch, Gesellschaft (ERG)

Die Schülerinnen und Schüler

können in der Umgebung und in Medien religiöse Spuren entdecken, Informationen dazu erschliessen und darstellen. Friedhof, religiöse Gebäude, Gegenstände, Symbole.

Fachbereichslehrpläne › NMG.12.1.c

Gestalten

Die Schülerinnen und Schüler

  • können die Verfahren erkunden, angeleitet nachvollziehen und üben: schneiden, reissen, lochen (Papier, Filz, Stoffe, Styropor); sägen, bohren (Holzleisten, Sperrholz).

Fachbereichslehrpläne › TTG.2.D.1.a

Musik

Die Schülerinnen und Schüler

  • können Materialien musikalisch differenziert erkunden und bespielen (z.B. Alltagsgegen- stand, Spielobjekt, Naturmaterial).

Fachbereichslehrpläne › MU.4.B.1.a

Deutsch

Die Schülerinnen und Schüler

  • können untersuchen, in welchen Situationen Mundart und Hochdeutsch verwendet werden. Sie denken dabei auch über Funktion und Wirkung dieser beiden Sprachformen nach.

Fachbereichslehrpläne › D.5.B.1.c

Natur, Mensch, Gesellschaft (NT)

Die Schülerinnen und Schüler

  • können die Wirkung von Magneten auf ver- schiedene Materialien untersuchen (z.B. messen, bei welchem Abstand eine Büroklam- mer angezogen wird; magnetische Türschliesser und Tragkraft von magnetischen Haken prüfen). Magnetische Anziehung, Abstossung; Wechselwirkung von Magneten untereinander.

Fachbereichslehrpläne › NMG.5.2.c2

Im Lehrplan 21 sind die Kompetenzen den drei Alterszyklen zugeordnet. Der inhaltliche Aufbau führt oft zu einer noch feineren Zuordnung. An vielen Kompetenzen kann (und muss) aber schuljahrübergreifend gearbeitet werden. Am obigen Beispiel lässt sich leicht zeigen, dass das sogar an den gleichen Inhalten geschehen kann: Werden die Untersuchungen konkret mit Plättchen in einer Stellentafel ausgeführt, lassen sich schon in unteren Schuljahren Erkenntnisse gewinnen. Die algebraische Notation der gleichen Struktur ermöglicht weitergehende Untersuchungen in oberen Schuljahren.

Zwischen den Lehrplänen der vorderen Generation und dem Lehrplan 21 hat der Ansatz des forschenden Lernens an Gewicht gewonnen. Viele didaktische Erkenntnisse haben ihren Niederschlag in neueren Lehrmitteln gefunden. So gesehen beschreibt der neue Lehrplan nur, was in der Zwischenzeit angelegt wurde. Damit es jetzt auch umgesetzt wird, braucht es forschungswillige Lehrpersonen. Wenn wir eingangs gesagt haben, Forschen gehöre wesentlich zum Lernen, gilt das ebenso für das Lehren.

Fazit

Am direktesten unterrichtswirksam dürften solche Beschreibungen dort sein, wo auch inhaltliche Konkretisierungen aufgeführt sind. Zu Deutsch und Mathematik sind die im Beitrag dargestellten Umsetzungen denkbar.

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