farbwelt

mein & aber

Jürg AklinJürg Werner Jundt

Szene 1 (Hier und jetzt): Im Fernsehen fragt ein Quizmaster: «Wie hiess der italienische Priester, Philosoph und Astronom, der 1600 wegen Irrglaubens hingerichtet wurde?» Der Kandidat: «Galileo Gali …» Aufschrei im Publikum. Die Million ist hin.

Szene 2 (Rom, 1600): Der Inquisitor fragt: «Wie ist das Universum?» Der Angeklagte: «Unendlich und ewig». Das bringt ihn auf den Scheiterhaufen.

Szene 3 (Hier und jetzt): Ein Lehrer fragt: «Wie hiess der italienische Priester, Philosoph und Astronom, der 1600 auf dem Scheiterhaufen sein Leben liess?» Die Schülerin: «Giordano Bruno». Da winkt eine gute Zensur! Den drei Szenen gemeinsam ist, dass eine Person eine Frage stellt, deren Antwort sie kennt. Und dass sie genau diese Antwort hören will. Und gemeinsam ist auch die ungleiche Verteilung der Fragehoheit. Ein Kandidat im Quiz, eine Schülerin in einem Test und erst recht ein Angeklagter im Verhör hat zu antworten und nicht zu fragen. Gewiss: In der Schule gehen keine Millionengewinne verloren, und über Leben und Tod wird schon gar nicht entschieden. Aber Zukunftschancen stehen immer schon auch ein bisschen auf dem Spiel.

Zum Wissen gelangt man durch Fragen.

Der Homo, der sich «Sapiens» nennt – der Wissende – , ist wesentlich ein Fragender. Zum Wissen gelangt man durch Fragen. Darum ist für die Bildung eine gute Fragekultur so wichtig. Lernende sollen lernen, Fragen nicht nur zu beantworten (und schon gar nicht mit dem Hintergedanken: «Was will er von mir hören?»). Schülerinnen und Schüler sollen lernen, gute Fragen zu stellen und mit Fragen produktiv umzugehen. Das heisst: Erkenntnisse gewinnen und mittels dieser Erkenntnisse neue Fragen. Und weil man fragen beim Fragen lernt und nicht beim Antworten, darf die Fragehoheit nicht bei der Lehrperson allein sein.

Szene 4 (Neu Delhi, 1999): In einem Slum ist in der Aussenwand eines Hauses ein Computer mit Internetzugang eingemauert, frei zugänglich für jedermann. Kinder und Jugendliche kommen, spielen damit und merken, wie sie mit diesem Gerät an Wissen gelangen, das ihnen sonst vorenthalten ist. Sie bringen sich gegenseitig bei, wie man Fragen stellt und Antworten sucht. Nach dem Vorbild dieses Experiments wurden in den Folgejahren in Afrika und Asien 150 Lernstationen an frei zugänglichen Plätzen installiert, was 300 000 Kindern Zugang zu Bildung ermöglichte. – Noch Fragen? Googeln Sie: Sugata Mitra.

AnhangGröße
PDF icon Download dieses Beitrags (PDF)57.09 KB