farbwelt

Vom Kribbeln in den Händen

Im Bilderbuch «Johanna im Zug» macht Kathrin Schärer die ­Entstehung eines Bilderbuchs zum Thema. Das Gespräch mit der Autorin und Illustratorin führte Therese Grossmann.

Auf der ersten Doppelseite des Bilderbuchs «Johanna im Zug» sieht man die Zeichnung einer leeren Doppelseite sowie Gestaltungsutensilien und die Hände der Zeichnerin. Welche Ideen, die gestaltet werden wollen, stecken da schon in Ihrem Kopf?

Kathrin Schärerr

Kathrin Schärer
Kathrin Schärer, geboren 1969 in Basel, studierte Zeichen- und Werklehrerin an der Hochschule für Gestaltung Basel. Sie unterrichtet an einer Sprachheilschule und arbeitet als freischaffende Illustratorin.

Auf der ersten Doppelseite hat es auch einen kleinen Bücherstapel, da sieht man, woher die Ideen kommen. Ich lasse mich oft von Büchern inspirieren oder von Filmen. Hier ist es «Biografie: Ein Spiel» von Max Frisch. Ich habe das Buch vor mehr als zwanzig Jahren gelesen, irgendetwas setzt sich beim Lesen offenbar immer fest. Es geht bei Frisch um jemanden, der die Gelegenheit erhält, verschiedene Situationen in seinem Leben noch einmal neu zu gestalten – ein Spiel mit Möglichkeiten. Diese Gelegenheit habe ich ja auch als Autorin und als Gestalterin: Ich habe die Fäden in der Hand, ich probiere etwas aus und bestimme dann, wie meine Figuren in welchen Situationen agieren. Das andere Buch, das mich inspirierte, war «Der Nachtzug nach Lissabon» von Pascal Mercier. Da beschreibt eine der Hauptfiguren die Zugfahrt als Metapher fürs Leben: Du sitzt allein in einem Abteil und weisst nicht genau, wo der Zug durchfährt. Das dritte Buch ist «Der Tunnel» von Dürrenmatt, die Idee einer Tunnelfahrt habe ich jedoch später rausgekippt. Diese Quellen haben sich in meinem Kopf zu einer Geschichte verwoben. Ich erinnere mich noch gut, dass ich auf dem Velo sass und zur Schule fuhr, als mir die Geschichte von Johanna in den Sinn kam. Ich beschleunigte dann meine Fahrt, um die Idee möglichst rasch aufschreiben zu können. Im Kopf der Zeichnerin steckt also eigentlich bereits die ganze Geschichte, wenn sie mit ihrer Arbeit beginnt. Das leere weisse Blatt ist etwas ganz Besonderes, da habe ich jeweils ein bisschen Hemmungen, denn ich weiss, dass ich schon mit dem ersten Strich anfange, mich festzulegen. Sobald etwas auf dem Papier ist, habe ich bereits Gestaltungsentscheide getroffen, die ich allerdings auch immer wieder verwerfe.

Zwei Seiten später sieht man ein kleines Schwein, das Zug fährt und feststellt, dass die Zeichnerin nicht weiss, wohin. Ist es üblich, dass sich die Konkretisierungen der Geschichte erst während des Gestaltens einstellen?

Das leere weisse Blatt ist etwas ganz Besonderes, da habe ich jeweils ein bisschen Hemmungen, denn ich weiss, dass ich schon mit dem ersten Strich anfange, mich festzulegen.

Wenn ich eine Geschichte lese, läuft bei mir ein innerer Film ab. Ich habe schon ziemlich genaue Vorstellungen, wie die einzelnen Bilder aussehen könnten, ebenso vom Buch als Gesamtes. Es ist aber so, dass sich während des Gestaltens vieles ändert, das Entwerfen und Verwerfen gehören wesentlich zu meinem Arbeitsprozess. Zum Konkretisieren gehört auch das Scheitern: Ich fange an und realisiere dann, dass ich das, was ich im Kopf hatte, technisch nicht hinkriege und dann nach einer Lösung suchen muss, die funktioniert. Ich erinnere mich an eine Situation während der Illustration des Kinderbuches «Die Stadtmaus und die Landmaus». Es gibt dort eine Szene, in der die Stadtmaus der Landmaus einen Supermarkt zeigt. Die Landmaus ist völlig gestresst von all den Menschen und Gerüchen, vom Licht und der Musik. Das hätte ich gerne futuristisch gestaltet in Anlehnung an Delaunay, mit Farbflächen, mit Linien, mit Bewegung – aber es ging einfach nicht. Es sah völlig dilettantisch aus und entsprach nicht meinen Vorstellungen. Die Lösung entstand dann aus einer Frustrations-Handlung, indem ich mit schwarzer Tusche Figuren hinklatschte. Dieses Kraftvolle hat mir dann gefallen! Obschon es nicht das Flirrende war, das ich ursprünglich hätte zeigen wollen.

In Ihrem Beispiel mussten Sie als Zeichnerin beim Konkretisieren auf Ideen verzichten. Gibt es auch das Gegenteil? Dass Konkretisierungen zu Anreicherungen von Ideen führen?

Es passiert sehr oft, dass beim Ausprobieren neue Ideen entstehen – und vor allem die Lust, bei einem Bild etwas auszugestalten, an das ich vorher nicht gedacht hätte. Der ganze Konkretisierungsprozess ist eigentlich wie ein Jonglieren mit Ideen. In der Geschichte von Johanna zum Beispiel musste ich die Farbe von Johannas Hemd neu denken, als ich das Bild zeichnete, auf dem Johanna am Bahnhof den Eisbären sieht. Johanna trug da noch ein weisses Hemd, weil es mir für sie besser gefiel als ein rotes oder ein blaues. Mit dem Eisbär kam aber das Weiss ins Bild, und da brauchte ich nun einen warmen Vordergrund. Also passte das weisse Hemd nicht, Johanna bekam ein rotes Hemd mit Streifen, und ich musste alle Bilder von Johanna neu zeichnen.

Während der Zugfahrt fragt das kleine Schwein nach seinem Namen. Da Sie ihn noch nicht wissen, erkundigt sich das Schwein bei der Geiss, die in einem andern Abteil mitfährt. Am Ende des Gesprächs zwischen Schwein und Geiss schlägt diese vor, dass das Schwein ­Johanna heisse. Inwiefern ist dieser Dialog ein Abbild des Entstehungsprozesses der Geschichte?

In diesem Buch, zu dem ja ich die Geschichte geschrieben habe, frage ich mich selbst: Was für eine Figur ist das, die ich gestalten will? Was für eine Art Schweinchen ist es, mit welchem Charakter? Welcher Name passt zu diesem Charakter? Die Namensgebung ist ganz wesentlich für die Figur. Bei Johanna habe ich mir tatsächlich all die Namen überlegt, die im Dialog zwischen ihr und der Geiss vorkommen. Zu einem wirklichen Dialog während meines Arbeitsprozesses kommt es, wenn ich Geschichten von Lorenz Pauli illustriere, eigentlich müsste ich sagen, wenn ich mit ihm zusammenarbeite. Denn wir machen schon die Vorarbeit fürs Schreiben gemeinsam, indem wir zusammen das Thema festlegen. Wir haben zum Beispiel beschlossen, ein Buch über die Liebe zu gestalten, mit einem kleinen und einem grossen Tier. Erst waren es ein Frosch und ein Braunbär, dann entwarf ich verschiedene Tierpaare, die wir besprachen, zum Beispiel einen Maulwurf und einen Eisbären. Weil uns keine der von mir skizzierten Tiere voll entsprachen, erfand ich Fantasiefiguren, mit denen wir dann die Geschichte schrieben und gestalteten. Wir arbeiten in einem permanenten Dialog zusammen: Lorenz kann bei der Gestaltung mitreden und ich beim Text. Diese intensive Form der Zusammenarbeit ist allerdings eher selten in meinem Beruf.

Johanna will nicht mehr alleine reisen. Sie möchte, dass Sie jemanden zeichnen, der zu ihr ins Abteil kommt. Vielleicht wünschen sich das ja auch die Kinder, an die sich Ihr Buch richtet. Wie beziehen Sie die Kinder in Ihren Schaffensprozess ein?

Ich habe die Fäden in der Hand, ich probiere ­etwas aus und bestimme dann, wie meine Figuren in welchen Situationen agieren.

Auf verschiedene Weisen. Da sind einmal die Erinnerungen an meine eigene Kindheit, die ich einbeziehe. Ich überlege mir, was mir als Kind gefallen hat und was mir wichtig war. Ich denke, dass viele Aspekte gleich geblieben sind: Kinder wollen eine Identifikationsfigur, und sie wollen, dass etwas Lustiges passiert, worüber sie lachen können. Sie mögen es auch, wenn es ein wenig gefährlich ist, am Ende aber doch gut herauskommt. Ich denke da an die Vorlesesituation zuhause – das Kind kuschelt sich vielleicht an Mama oder Papa, dort fühlt es sich etwas sicherer und erträgt eine kleine Gruselsituation. Dann sind es die Kinder in der Schule, die mir den Zugang zu heutigen Kindern mit ihren Vorstellungen eröffnen. Zudem prüft Lorenz Pauli, wie meine Gestaltung bei den Kindern ankommt, er arbeitet als Kindergärtner und hat mit dieser Altersstufe mehr zu tun als ich. Über diese Sichtweise bin ich sehr froh, denn mir geht es in erster Linie um die spannende Gestaltung der Doppelseite. Während meiner Lesungen bekomme ich Reaktionen von Kindern mit, ich erfahre, wo sie lachen und wo sie erschrecken. Das ist manchmal auch überraschend für mich. So weinte einmal ein Knabe während einer Lesung heftig, als ich das Bild aus dem Buch «Pippilothek ???» zeigte, auf dem der Fuchs das Buch und später das Huhn im Maul trägt.

Gegen das Ende der Geschichte fragen Sie Johanna, ob es gut sei, dass Sie in ihr Abteil das Schwein Jonathan gezeichnet hätten. Johanna bejaht und fordert Sie auf, eine neue Geschichte zu zeichnen, sie komme nun alleine zurecht. Das war vor einigen Jahren. Wer sagt Ihnen heute: «Nimm ein neues Blatt und zeichne was anderes.»?

Wenn Johanna zu der Zeichnerin sagt, sie komme nun allein zurecht, läuft bei dieser bereits der Prozess des Loslassens von den Figuren einer Geschichte – das ist immer ein bisschen schwierig. Denn auf dem Tisch liegen nach der Abgabe der Bilder an den Verlag alle die Figuren, die ich während des Gestaltens verworfen habe. Die schauen mich dann vorwurfsvoll an, weil ich sie nicht verwendet habe. Das Zusammenräumen ist wie ein Abschied, da kommen alle Erinnerungen an den Gestaltungsprozess hoch: Hier war ich an dieser Idee, hier ging es wegen diesem und jenem nicht weiter usw. Zum Glück gibt es jeweils schon das nächste Projekt! Oft erhalte ich, während ich am Gestalten einer Geschichte bin, von einem Verlag eine neue Geschichte mit der Anfrage, ob ich sie illustrieren könnte. Ich lese die Geschichte und schaue, ob sie mich anspricht und ich ein Kribbeln in den Händen fühle. Wenn dies nicht der Fall ist, sage ich ab. Mittlerweile kann ich es mir leisten, einen Auftrag abzulehnen; das erleichtert vieles. Wenn ich aber in eine neue Geschichte richtig eintauchen kann und mich auf neue Figuren freue, ist das ein schönes Zeichen, dass sich der nächste Gestaltungsprozess bereits entwickelt.

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