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Tanz – echt stark!

In den Tanzprojekten «Echt stark!», «Ich & Du!» und «Reise ans Meer!» ­lernen Schulkinder, Gefühlen, Erlebnissen und Klängen körperlich Gestalt zu ­geben. Wie das vor sich geht, erzählen Christina Sutter und Silvano Mozzini vom Projektteam im folgenden Interview. Von Verena Eidenbenz.

Was ist beim professionellen Tanzen zuerst da: Musik, die mit Bewegung interpretiert wird, oder das Bedürfnis, Gefühle und Erlebnisse mit Bewegung auszudrücken?

Silvano Mozzini Im Zeitgenössischen Tanz kommen die verschiedensten Varianten vor. Man kann von einem Musikstück oder von einem Text ausgehen. Auch eine Bewegungsidee oder ein Bild kann als Ausgangslage dienen. Oft arbeiten wir bewusst mit Kontrasten, um Spannung zu erzeugen – Sequenzen bei denen Musik oder Bewegung im Zentrum stehen, die Musik wegfällt oder stark in den Hintergrund rückt. Auch die Bewegung kann in einem bestimmten Moment aussetzen.

Christina Sutter hat sich nach der Ausbildung zur Primarlehrerin an der Tanzhofakademie in Winterthur zur Tanzpädagogin für zeitgenössischen Tanz ausbilden lassen und mit dem Diplom SBTG abgeschlossen.

Christina Sutter Eine Tanzdarbietung kann auch gemeinsam mit Musikern in einer Interaktion entwickelt werden. Sogar Tanzstücke ohne Musik kommen gelegentlich vor. Wenn wir mit Kindern arbeiten und nicht so viel Zeit zum Proben haben, wählen wir die Musik gezielt aus.

Silvano Mozzini Die Qualität muss stimmen. Manchmal merkt man erst beim Entwickeln, dass die gewählte Musik nicht zu dem passt, was man ausdrücken möchte. Verändert sich das eigene Empfinden, kann dies kleine, aber spannende Verschiebungen im Bewegungsausdruck erzeugen.

Wie spielen Tanz als persönlicher Aus­­druck und choreografierter Tanz zusammen? Steht alters- oder geschlechtermässig das eine oder andere im Vordergrund? Fördert das eine die Entwicklung des anderen? Was bevorzugen Kinder?

Christina Sutter In der Tanzwelt spielt beides eine Rolle, so auch in unseren Workshops. Dies entspricht zudem den unterschiedlichen Vorlieben der Kinder. Manchmal erwartet man von uns, dass die Kinder einen bestimmten Tanz lernen, eine choreografierte Bewegungsabfolge. Wir lassen aber immer auch gestalterische Bewegungselemente einfliessen. Das heisst aber nicht, dass wir im Unterricht Musik abspielen und die Kinder auffordern: «Tanzt mal dazu!» Selbst der freie Bereich ist immer strukturiert. Die Kinder erhalten genaue Bewegungsaufgaben.

 

Alle Kinder sind eigenständige Persönlichkeiten. Einige bringen Talent und ein Flair für den Tanz mit.

 

Silvano Mozzini Je nach Alter muss man unterschiedlich vorgehen. Die Lust an der Bewegung steht für uns im Zentrum.

Christina Sutter Eine bestimmte Tanztechnik zu lernen, gelingt eher mit älteren Schülerinnen und Schülern. Sie arbeiten in der Regel auch lieber mit Vorgaben. Im Kindergartenalter ist das Nachahmen von Bewegungen begrenzt. Hier spielt die Fantasie eine wichtige Rolle. Jugendliche sind eher gehemmt und getrauen sich nicht, sich frei zu bewegen. Sind die Hemmungen abgebaut, haben auch sie Spass an der Bewegungsimprovisation.

Silvano Mozzini Wir bieten Halt, indem wir Tanzschritte einüben. Es ist uns aber wichtig, dass die Kinder aller Altersstufen lernen, selbst aktiv zu werden. Eine gründliche Einführung hilft ihnen, den eigenen Bewegungsausdruck zu finden.

Brauchen Kinder Vorwissen, um sich mittels Tanz auszudrücken? Wie bereiten Sie Kinder vor?

Silvano Mozzini Alle Kinder sind eigenständige Persönlichkeiten. Einige bringen Talent und ein Flair für den Tanz mit. Nicht jedes Kind tanzt gern, die Voraussetzungen sind sehr unterschiedlich. Zentral ist die Freude an der Bewegung und dass die Kinder lernen, auf die Musik zu hören und sich zu konzentrieren.

Silvano Mozzino ist Künstlerischer Leiter, Choreograf und Tänzer der Cie Carambole tanz & theater, ausgebildet in verschiedenen Stilen des zeitgenössischen Tanzes, in Tanztheater wie in Physical Theater.

Christina Sutter Wir beginnen mit einfachen Bewegungsübungen, die trotzdem herausfordern und achten darauf, dass jedes Kind mittun kann. Der Ablauf basiert auf einer ansprechenden Geschichte, die sich jedes Kind gut merken kann. Die erste Erfahrung muss sein: Ich kann das auch! Darauf können wir aufbauen, zu Abstrakterem hinführen und zum Weiterdenken anregen. Einige Positionen im Raum und ein paar Bewegungsabläufe sind vorgegeben; die Schülerinnen und Schüler erfinden eigene dazu. Anschliessend werden die Bewegungen zusammengeführt. Auch Zeit zum Üben ist wichtig. So können die Kinder die Bewegungsabfolgen gut memorieren. Oft staunen Lehrpersonen – einige Schülerinnen und Schüler können viel mehr, als sie ihnen zugetraut hatten.

Silvano Mozzini Es gibt natürlich auch solche Kinder, die immer wieder Neues erfinden. Dann intervenieren wir, sonst lernen sie nicht, sich an einen zuvor gemeinsam festgelegten Bewegungsablauf – eine Dramaturgie – zu halten. Dies stellt hohe Ansprüche an die Konzentration und an die Orientierung im Raum.

Christina Sutter Wir fordern viel, gehen es aber spielerisch an. Was spielerisch eingeübt wurde, klappt dann beim Vortanzen gut.

Silvano Mozzini Wir arbeiten immer in kleinen Gruppen. Die Schülerinnen und Schüler müssen aufeinander eingehen, sich anpassen, Synergien finden. So lernen sie, miteinander über die Körperlichkeit in Kontakt zu sein. Das passiert sonst meist nur beim Kämpfen.

Wie steht es mit den Geschlechterrollen – ist Tanz eher etwas für Schülerinnen? Wie motivieren Sie Schüler? Machen neuere Tanzformen wie Hip-Hop, Break­dance etc. den Tanz auch für Jungs wieder attraktiver?

Christina Sutter Wir sprechen bewusst beide Geschlechter an. Im Workshop «Echt stark!» fragen wir: «Bist du stark?» Beim Einstieg geht es darum, Kraft auszutesten. Das ist nicht Tanz im eigentlichen Sinn, aber alle sind danach präsent und meist offen für den weiteren Verlauf des Unterrichts, der nach und nach mehr ins Tänzerische übergeht. Wir beobachten dabei keine geschlechterspezifischen Unterschiede. Im Gegenteil, Knaben bewegen sich in der Regel sehr gern. Sobald sie merken, dass sie sich aktiv beteiligen können, sind sie motiviert.

Silvano Mozzini Als Mann bin ich Vorbild. Gewisse Unterschiede sind aber schon spürbar. Knaben fühlen sich mehr durch Akrobatisches angesprochen, während Mädchen sich lieber an das Tänzerische halten. Ich staune aber, dass sich trotz Hip-Hop und Breakdance die Rollen-Klischees hartnäckig halten. Es ist unsere Aufgabe, diese abzubauen.

Christina Sutter Für Freizeitkurse melden sich selten Knaben an. Wenn wir aber mit Klassen arbeiten, sind die Knaben sehr motiviert, denn Zeitgenössischer Tanz beinhaltet eine ganze Palette an Bewegungs- und Gefühlsausdrucksformen.

Silvano Mozzini Den älteren Schülerinnen und Schülern zeigen wir zudem Videos, um sie mit der Vielfalt von Tanzmöglichkeiten bekannt zu machen.

 

Tanz ist nicht nur Bewegung … intellektuell,mental, sozial wird den Kindern viel abverlangt.

 

Christina Sutter Profitieren können wir von den unterschiedlichen Kulturen. Gerade in multikulturellen Klassen ist mir aufgefallen, dass Jungs den Tanz weniger in Frage stellen. Sie erzählen, dass sie zu Hause an Festen auch tanzen. Dies wirkt prägend und erzeugt mehr Offenheit.

Silvano Mozzini Eine Aufführung vor Publikum ist immer sehr motivierend. Wenn diese gut verläuft, sind alle stolz. Wir zeigen den Schülerinnen und Schülern auch, wie sie sich in der Rolle der Zuschauenden gegenseitig unterstützen können, sodass niemand Angst vor dem Auslachen haben muss. Der gegenseitige Respekt schweisst die Gruppen zusammen.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten bezüglich Tanzen und Schule, welcher wäre das?

Christina Sutter Wie Musik und Theater sollte Tanz noch mehr in der Schule verankert sein. Für mich ist klar: Tanz sollte auch Schulfach sein!

Silvano Mozzini Tanz ist nicht nur Bewegung … intellektuell, mental, sozial wird den Kindern viel abverlangt. Lehrpersonen, die selbst keinen Zugang zum Tanz haben, sehen dieses Potenzial nicht. Deshalb wäre es wünschenswert, wenn Tanz mehr in die Volksschule integriert wäre.