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Ich wohne in einer Schuhschachtel

Ein Kinderzimmer so klein wie eine Schuhschachtel, und du sitzt ­mitten drin. Du denkst, das geht nur im Film? Wir verraten dir den Trick! Von Silvie Spiess.

Mädchen und Knaben haben oft fantastische Ideen, wie sie ihr Kinderzimmer am liebsten einrichten möchten: rosarote Blumen, die an Decken und Wänden wachsen oder eine riesige Rutschbahn, die direkt ins Bett im Auto-Design führt. Wie wäre es, wenn man selbst mitten in der eigenen Traumwelt stehen könnte? Mit einer Schuhschachtel, einer digitalen Kamera und einem Filmtrick lassen sich solche Ideen kreativ umsetzen und im Bild festhalten. Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt.

 

Das Kinderzimmer ist das persönliche Reich der Mädchen und Knaben. Hier spielen, lernen und schlafen sie.

 

Wirklichkeit und Träume

Das Kinderzimmer ist das persönliche Reich der Mädchen und Knaben. Hier spielen, lernen und schlafen sie. Die meisten von ihnen haben konkrete Vorstellungen, wie dieser Raum aussehen sollte. Entsprechend wird das Projekt «Mein Traumzimmer» von den Kindern der Kindergarten- und Unterstufe mit Begeisterung begrüsst. Ganz zu Beginn schildern die Schülerinnen und Schüler ihre aktuelle Wohnsituation. Wer hat allein ein Zimmer? Wer teilt sein Zimmer und mit wem? Welches ist dein liebster Gegenstand im Kinderzimmer? Was macht dein Bett gemütlich? Wo hältst du dich am liebsten auf und warum?

In einem zweiten Schritt machen sich die Kinder Gedanken, wie sie ihr Zimmer einrichten würden, wenn sie alles selbst bestimmen dürften. Welche Gegenstände sind dir wichtig? Was möchtest du zum Spielen? Welches sind deine Lieblingsfarben? Welchen Gegenstand könntest du speziell für dein Traumzimmer erfinden? In dieser ersten Phase wird den Mädchen und Knaben bewusst, wie unterschiedlich sowohl ihre tatsächlichen Wohnsituationen wie auch ihre Vorstellungen vom idealen Kinderzimmer sind.

So soll es aussehen

In der nächsten Lektion erstellen die Kinder erste Farbskizzen ihres Traumzimmers. Dabei empfiehlt sich der Einsatz von Papier im A3-Format und Neocolor, damit die Ideen grosszügig gemalt und erste Vorstellungen visualisiert werden können. Während die einen Kinder sehr zielstrebig zeichnen und ganz genau wissen, wo der Schreibtisch stehen soll und welche Farbe die Vorhänge haben, studieren andere länger und können sich nicht entscheiden, ob noch ein zweites Bett für den Bruder im Zimmer stehen soll oder ob sie eine Sprossenwand zum Klettern in die Ecke stellen möchten.

Die fertigen Skizzen werden in der Klasse vorgestellt, und die anderen Kinder dürfen begutachten und Fragen stellen. Hier ist darauf zu achten, dass die Wortmeldungen wertschätzend und konstruktiv sind. Sie sollen dabei helfen, den Entwurf zu optimieren und auf eventuell Vergessenes hinzuweisen. Die Lehrperson unterstützt bei der Umsetzung der persönlichen Vorlieben und gibt Tipps zur Anregung der Fantasie.

Bauen und möblieren

Jetzt geht es ans Sammeln des Bastelmaterials. Zentrales Element ist eine möglichst grosse Schuhschachtel. Dazu kommen weitere Materialien, wie sie in jedem Haushalt zu finden sind: kleine Schächtelchen, Döschen, Stoffreste, Knöpfe, Flaschendeckel, Korkzapfen, Kartonrollen …, je nach Bedarf und Verfügbarkeit. In der Schule dürfen die Kinder ihre mitgebrachten Materialien natürlich auch untereinander austauschen. Zum Bemalen von Karton eignen sich flüssige Farbe aus Flaschen oder Tuben und dicke Pinsel besonders gut. Die Kinder bemalen zuerst die vier seitlichen Aussenwände und die fünf Innenwände der Schuhschachtel. Je nach Beschaffenheit des Untergrunds und gewünschter Farbintensität ist nach dem Trocknen ein zweiter Anstrich nötig.

Danach geht es ans Zuschneiden, Bemalen und Kleben des Mobiliars. Bei diesem Arbeitsschritt zeigen sich grosse Unterschiede. Einige Kinder nehmen eine Suppenwürfel-Verpackung als Tisch ohne Beine, während andere sorgfältig und detailgetreu aus einer leeren Cremetube einen Lampenschirm formen und mit einem Kabel aus Strohhalmen versehen. Es entstehen Schlafkörbchen für die Haustiere, bunt gemusterte Bettanzüge, riesige Pingpong-Tische, Klettertürme, Sirupmaschinen und vieles mehr – was das Kinderherz begehrt. Das Konstruieren der Möbel erfordert manchmal etwas Fingerfertigkeit, Geduld und die eine oder andere Wäscheklammer beim Zusammenkleben. Entsprechend der Oberflächen-Beschaffenheit der Gegenstände ist beim anschliessenden Bemalen eine geeignete Farbe zu wählen.

Sind alle Möbel und Einrichtungsgegenstände gebastelt und getrocknet, können sie ins Traumzimmer gestellt und festgeklebt werden. Die Schuhschachtel wird dabei im Querformat mit der Öffnung zum Kind hin auf den Tisch gestellt. Am besten arbeiten die Schülerinnen und Schüler hier zu zweit, da das gleichzeitige Festhalten der Schachtel und das Platzieren des Mobiliars mit vier Händen einfacher und schneller geht.

Aus der Trickkiste

Mit der Fertigstellung des Traumzimmers in der Kartonschachtel ist der erste Teil unseres Projekts abgeschlossen. Mit Hilfe einer digitalen Kamera und einem Filmtrick können sich die Kinder nun optisch verkleinert in ihre eigene Schuhschachtel hineinzaubern. Im Fernsehen und im Kino begegnen wir immer wieder Szenen mit Greenscreen-Effekten. Der Wettermoderator steht im Studio vor einer grünen Wand, und erst in der nachträglichen Bearbeitung wird die geografische Karte eingeblendet, auf die er zeigt. Mit der gleichen Technik fliegt Harry Potter durch die Hallen von Hogwarts oder verschwindet unter seinem Unsichtbarkeitsumhang.

Bei der Arbeit mit Greenscreen wird eine Szene vor einem monochromen Hintergrund gefilmt. Dieser farbige Hintergrund wird anschliessend am Computer mit einem speziellen Programm durch ein beliebiges anderes Bild (oder auch durch eine andere Filmsequenz) ersetzt. Durch geschickte Bildmontagen kann so zum Beispiel die Illusion erzeugt werden, man stehe auf dem Gipfel des Matterhorns oder sitze klitzeklein neben einer Maus in ihrem Loch.

Da in der menschlichen Haut weder grün noch blau zu finden sind, eignen sich diese Farben am besten als Hintergrund. Zugleich darf die Farbe nicht in der Kleidung der gefilmten Szene vorkommen. Wir entschieden uns deshalb für einen grünen Hintergrund, weil die Kinder oft blaue Shirts oder Jeans tragen. Der Stoff für den Hintergrund sollte unifarben sowie matt sein und keine Falten werfen. Für den Einsatz in der Schule bietet sich ganz normaler Bastelfilz an.

Ich sitze in meinem Traumzimmer

Für unsere Film- beziehungsweise Fotosequenz im Traumzimmer befestigen wir den grünen Filz an einer Stellwand und setzen das Kind davor auf einen Stuhl. Am besten bestimmt die Lehrperson den genauen Platz – abgestimmt auf das Traumzimmer des Kindes. Durch die klar definierte Sitzposition fühlen sich die meisten Mädchen und Knaben sicherer und können entsprechend freier sprechen sowie eine bequeme Haltung einnehmen. Damit keine störenden Schatten zu sehen sind, ist auf ausreichend Abstand zum Hintergrund sowie auf eine konstante, frontale Beleuchtung zu achten. Die Stuhlbeine und Füsse müssen im Kamerabild an die untere Bildkante anschliessen. Liegen sie höher, scheinen sie später im Bild zu schweben.

Am besten wird vorher besprochen und geübt, was die Kinder über ihr Traumzimmer erzählen. Bei uns nennen die Kinder zuerst ihren Namen und beschreiben dann kurz ihr Zimmer oder erklären, was ihnen daran wichtig ist. So entstehen kurze Sprechsequenzen wie beispielsweise: «Ich bin Nina. Das ist mein Traumzimmer. An meiner Tapete hat es viele bunte Blumen. Und auf meinem Pult wächst eine Wiese. Mein Hund hat sein blaues Körbchen direkt neben meinem Bett. Mir gefällt meine gelbe Lampe mit den Fransen.» Wenn die Kinder beim Reden zusätzlich auf den imaginären Hintergrund zeigen, gewinnt der Film mit dem Greenscreen-Effekt noch mehr an Authentizität und Wirkung.

Aufnahme läuft!

Wir arbeiten mit einer digitalen Fotokamera (Film-Modus) und einem Stativ. Bei der Aufnahme schauen die Mädchen und Knaben direkt in die Kamera und nicht zur Lehrperson oder zu den Kameradinnen und Kameraden. Für gute Tonaufnahmen ist darauf zu achten, dass die Kinder laut, deutlich und langsam sprechen. Das kann im Vorfeld bereits ohne Kamera geübt werden.

Sind einzelne Schülerinnen und Schüler zu schüchtern, um vor der Kamera zu sprechen, lässt sich statt der kleinen Filmsequenz auch ein normales Foto vor dem Greenscreen machen, welches dann ebenfalls mit dem Schuhschachtel-Hintergrund zusammengefügt werden kann. Die Traumzimmer werden vor einem neutralen Hintergrund fotografiert. Im Idealfall füllt der Schuhkarton dabei fast das ganze Bild aus. Die untere Seite beziehungsweise der Boden des Traumzimmers sollte bündig zum unteren Bildrand in der Kamera sein, damit die Filmszene mit dem Stuhl optimal positioniert werden kann.

 

Sich selbst im Miniaturformat in einer Schuhschachtel sitzen zu sehen, ist aufregend und ungewohnt zugleich.

 

Medienbildung im Trickstudio

Sobald die Filmszene und der Schuhschachtel-Hintergrund bereit sind, können sie am Computer mit einer speziellen Software für Greenscreen-Effekte zusammengefügt werden. Das Programm ersetzt dabei den grünen Hintergrund mit dem selbst gewählten Bild, indem es die grüne Farbe herausstanzt und mit dem neuen Motiv austauscht. So entsteht die Illusion, dass das Kind im Schuhschachtel-Zimmer sitzt. Im Download-Bereich finden Sie die Anleitung für das Programm Videopad, welches für PC und für Mac erhältlich ist, sowie Hinweise auf weitere Greenscreen-Programme.

Die selbst gedrehten Filme werden in der Klasse angeschaut, bestaunt und besprochen. Einige Kinder sehen sich zum ersten Mal im Film, und sie sind entsprechend gespannt auf diese neue Erfahrung. Die Tatsache, dass man sich selbst plötzlich im Miniaturformat in einer Schuhschachtel sitzen sieht, ist für alle Mädchen und Knaben ein sowohl aufregendes wie auch ungewohntes Erlebnis. Entsprechend laut ist bei uns das lebhafte Lachen und scheue Kichern bei der ersten Vorführung. Gemeinsam denken wir darüber nach, was an diesen Filmen real ist, was Fiktion und wo wir dieses Phänomen sonst noch beobachten können.

Für mich ist es immer wieder eine wertvolle Erfahrung, wie nachhaltig aktive Medienbildung sein kann und wie viel aufmerksamer die Kinder danach ihre mediale Umwelt wahrnehmen.

Dieses Projekt eignet sich natürlich auch als multimediale Ausstellung oder als Kino-Erlebnis für die Eltern.

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