farbwelt

Zebrastreifen und Igelstacheln

Ein Gestaltungsauftrag kann zu einer intensiven Beschäftigung ­mit ­einem Phänomen führen und damit einen Lernprozess auslösen. Schülerinnen und Schüler einer fünften Klasse zeichnen Magnet­feldbilder. Von Werner Jundt.

Neue Technologien eröffnen attraktive Möglichkeiten für den Umgang mit fragilen Erscheinungen im Unterricht. So lassen sich etwa mit Eisenspänen sichtbar gemachte Magnetfelder heute einfach mit dem Handy oder dem Tablet festhalten; dann die Bilder aus der Klasse auf der interaktiven Wandtafel sammeln, besprechen, auswählen, weiterbearbeiten, beschriften, … und das Ergebnis den Schülerinnen und Schülern wieder elektronisch zur Verfügung stellen. So elegant kann Unterricht heute sein! Aber – geht da nicht auch etwas verloren?

In einem Interview sagt der Künstler Alois Carigiet, der Schöpfer des berühmten Kinderbuches «Schellen-Ursli», er habe zwar auch fotografiert; aber seine schlechteste Zeichnung sei immer noch besser gewesen als sein bestes Foto. Denn: Beim Zeichnen habe er sich mit dem Detail auseinandergesetzt. – Carigiet spricht von seinen eigenen Fotos. Natürlich bemühen sich gute Fotografen um Details – aber nicht im «Subito-Klick-Verfahren» mit der Handykamera. Die Eleganz moderner Unterrichtstechnologien und ihre vielen Vorteile dürfen uns nicht Tugenden und Kompetenzen vergessen lassen, die früher selbstverständlicher gefordert und gefördert wurden: Geduld zum Beispiel und sorgfältiges Beobachten.

 

Meine schlechteste Zeichnung ist immer noch besser gewesen als mein bestes Foto. Alois Carigiet.

 

Geduld brauchen die Fünftklässler, die wir heute besuchen! Und sorgfältiges Beobachten ist angesagt. Die Schülerinnen und Schüler haben Eisenspäne in flache Plastikschalen gestreut. Mit verschiedenen Magneten, die sie unter der Schale positionieren, erzeugen sie Feldlinienbilder. Sie wissen: Magnete ziehen eisenhaltige Gegenstände an. Von Magneten geht eine Kraft aus. Man sieht sie nicht. Im heutigen Experiment wird diese Kraft «sichtbar». Die Eisenspäne zeigen, wie die Kraft wirkt, indem sie ihr folgen, sich nach ihr ausrichten. Faszinierende Bilder entstehen. Aber sie sind unbeständig. Rasch ist das Bild zerstört, wenn man an die Plastikschale stösst. Zu zweit versuchen die Schülerinnen und Schüler ein besonders eindrückliches Bild zu erzeugen. Hufeisen- oder Stabmagnet? Oder gleich mehrere Magnete – gleiche oder verschiedene? Die Knopfmagnete geben nicht so schöne Bilder. Und ein Sammelsurium von Magneten bringt auch nicht viel. Die Stabmagnete sind super – und erst der grosse Hufeisenmagnet! Aber dann beginnt die eigentliche Aufgabe: Eine «wissenschaftliche Zeichnung». Das Phänomen so wiedergeben, dass Wesentliches möglichst detailgetreu, Unwesentliches nur angetönt oder gar nicht erscheint. Wesentlich sind hier diese Linien – die keine sind, sondern aus aneinandergereihten Stäubchen bestehen; Punkte – nein: feine Strichlein, die erst in ihrer grossen Zahl und Ausrichtung das bilden, was später im Unterricht als «Feldlinien» besprochen wird. «Wie Zebrastreifen», schreibt ein Knabe zu seiner Zeichnung. «Wie die Stacheln eines Igels», notiert ein Mädchen, um zu sagen, dass auch Späne nach oben weisen – was sehr schwierig zu zeichnen ist. So viele Späne sind zu zeichnen, das braucht Durchhaltewillen. Immer wieder droht die Gefahr, «den Automaten einzuschalten», das zu zeichnen, was man zu wissen glaubt, nicht das, was man sieht. Das braucht auch ab und zu die Mahnung der Lehrperson.

Immer Zwei zeichnen nach der gleichen Vorlage, die sie arrangiert haben. Das gibt auch zu reden. Man zeigt sich Dinge, man stellt Fragen. Beides wird nachher auch notiert: Was man sieht; was man wissen möchte.

Die Fragen entstehen oft aus dem, was man sieht – oder eben gerade nicht sieht.

  • Mich nimmt wunder, ob diese Linien auch oben oder unten drübergehen.
  • Gehen diese Linien auch hinauf, also 3D? (Der oben erwähnte «Igel» wirft die Frage auf.)
  • Wann hören die Linien auf?
  • Ich möchte wissen, warum die Eisenspäne nicht alle an den Magneten kleben, sondern nur ein paar kleben, und viele wie ein Lineal geordnet sind?
  • Wieso hat es an den Ecken mehr Eisenspäne?
  • Ich frage mich, wie alle Magnete verschiedene Zeichnungen ergeben?
  • Ich möchte wissen, wie man die Linien nennt.

Aber auch die Arbeit selbst wirft Fragen auf. Gestalten kann in einem Lernprozess unterschiedliche Funktionen erfüllen. In diesem Beispiel bringt es die Schülerinnen und Schüler dazu, sich eingehend mit dem Phänomen abzugeben, so weit einzudringen, dass Fragen entstehen, denen man nachgehen möchte. Es kann sogar eine Beziehung zum «eigenen» Phänomen entstehen.

 

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