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Gestalten heisst ordnen

Was bedeutet «Gestalten», und wie begegnet man den unterschied­lichen Ansprüchen von Ziel- oder Altersgruppen? Sind Kompromisse nötig? Wir haben bei Iwan Raschle nachgefragt, in dessen Atelier Publikationen für Jung und Alt entstehen. Von Peter Uhr.

Gestalten heisst, den Gedanken eine Form geben, sie dadurch sichtbar und mitteilbar zu machen. Zu dieser Defini­tion haben wir während der Vorbereitung dieser «profil»-Ausgabe gefunden. Bist du damit einverstanden?

Iwan Raschle Ja, durchaus. Beim Wort Gestalten denke ich aber auch an Gestaltung in einem weiteren Sinn. Gestalten heisst für mich auch Mitwirken, Mitbestimmen, etwa mit Blick auf unsere Gesellschaft, aber auch auf einen Verein oder auf ein Team. Wenn ich in einem Team Vorschläge zu Veränderungen eines Prozesses oder eines Produktes mache, bringe ich mich ein, beteilige ich mich an der Gestaltung eines Prozesses oder eines Produktes – und letztlich an der Gestaltung des Teams selbst. Dieses Sich-Einbringen ist immer auch ein Sich-Aussetzen.

Wer gestaltet, setzt sich aus: dem zu gestaltenden Gegenstand, den Rahmenbedingungen und schliesslich der Betrachterin oder dem Betrachter, der Öffentlichkeit. Der Kritik. Aussetzen aber kann sich nur, wer sich zu verorten weiss und wer bereit ist, Entscheide zu fällen. Der Entscheid für oder gegen eine Farbe zum Beispiel, für das waghalsige Verwerfen einer fast fertigen Idee kurz vor Abgabetermin, oder dafür, von zehn mitgelieferten Bildern nur deren zwei zu verwenden, weil sich die Geschichte durch diese Reduktion besser darstellen und somit auch besser erzählen lässt.

Du gestaltest für verschiedene Zielgruppen: Für Behörden, Firmen, für die breite Öffentlichkeit, für Eltern, Schülerinnen und Schüler, für Lehrpersonen etc. Für jede dieser teils heterogenen Zielgruppen sollte die Gestaltung passend sein. Ist das überhaupt möglich? Was überlegst du dabei? Welche Kompromisse sind nötig?

Iwan Raschle

ist Grafiker und Journalist. Er ist Inhaber von raschle & partner, Atelier für Gestaltung und Kommunikation GmbH, und gestaltet mit seinem Team seit vielen Jahren das «profil» und verschiedenste Lehrwerke für den Schulverlag. Als Erster Vorsitzender des Schweizerischen Werkbundes engagiert er sich über sein Berufsfeld hinaus in gestalterischen Fragen und präsidiert die Trägerschaft der Berufsprüfung «Gestaltung im Handwerk».

Gestalten ist zunächst einmal ordnen. Was geordnet wirkt, symmetrisch, harmonisch, empfinden die meisten von uns als schön. Ob uns irgendwelche Rechtecke vorgesetzt werden oder Gesichter, wir bevorzugen harmonische Proportionen. Natürlich gibt es keine Regel ohne Ausnahme, ohne Brüche. Es wäre ja langweilig, fänden wir stets alles aufgeräumt und im goldenen Schnitt zueinander stehend vor. Gestalten heisst auch deshalb zunächst einmal ordnen, weil es zu Beginn eines Auftrages Wünsche, Bedürfnisse und Ideen zu ordnen gilt – jene der Kundin, des Kunden genauso wie unsere eigenen. Lassen wir uns als Gestaltende offen auf diesen Prozess ein, sind Kompromisse vielleicht gar nicht mehr nötig, weil sie sich bereits ergeben haben. Natürlich gibt es immer wieder Varianten, für die man etwas länger kämpft oder auch kämpfen muss, denn in Zeiten, in denen immer mehr Leute «auch ein bisschen Indesign können» wollen, gilt es bisweilen, die eigene Profession zu verteidigen. Letztlich müssen wir uns aber irgendwo zwischen unseren gestalterischen Idealvorstellungen und den Vorstellungen der Kundin, des Kunden treffen. Das gelingt uns zum Glück fast immer, und immer wieder geschieht es auch, dass wir im Rahmen eines Projektes etwas entdecken, das wenig später in einem anderen Projekt Ausgangspunkt für eine ganz unerwartete Lösung sein kann. Unterschiedliche Kundinnen und Kunden, Zielgruppen oder Projekte stellen somit nicht nur eine Herausforderung dar, sondern sind auch sehr bereichernd.

Lehrpersonen und Kinder gehören unterschiedlichen Generationen mit unterschiedlichen visuellen Prägungen und Geschmäckern an. Lehrmittel sollen sowohl die Kinder wie auch die Erwachsenen ansprechen. Wie löst du dieses potenzielle Dilemma?

 

Grundsätzlich glaube ich, dass wir Kindern etwas mehr zutrauen dürften in den Lehrmitteln, mehr Lebendigkeit und Frische.

 

Ich weiss nicht, ob wir es wirklich lösen, sicher aber schaffen wir es nicht abschliessend. Selbst wenn uns nach der Erprobungsphase eines Lehrmittels Lob erreicht, ist nicht auszuschliessen, dass manches der einen oder anderen Lehrperson oder dem einen oder anderen Kind nicht gefällt. Wenn es uns aber gelingt, die erwähnte Ordnung zu schaffen, eine Harmonie, und bei aller Harmonie dazwischen auch wieder etwas Unordnung zu erzeugen, wird wahrscheinlich bei den meisten etwas Positives anklingen. Wenn wir uns darüber hinaus ein Stück kindlicher Phantasie und Verspieltheit bewahren und diese auch einzusetzen erlauben, sind wir sicher schon einmal auf einem guten Weg. Grundsätzlich glaube ich, dass wir Kindern etwas mehr zutrauen dürften in den Lehrmitteln, mehr Lebendigkeit und Frische. Manchmal werden gestalterische Elemente von Erwachsenen als möglicherweise zu bunt oder zu wild angesehen, aber wenn wir vergleichen, was Kinder in ihrer Freizeit konsumieren, was sie in Kinder- und Jugendmagazinen und natürlich auch in den elektronischen Medien zu sehen bekommen, sieht vermeintlich Wildes in unseren Büchern plötzlich eher brav aus. Damit meine ich nicht, dass wir punkto Lautstärke und Knalligkeit mit Freizeitmagazinen gleichziehen müssen, wir sollten diese gestalterischen Entwicklungen und Einflüsse aber auch nicht ignorieren.

Welche Elemente gehören für dich zentral zur Gestaltung von Text-Bild-Publikationen, wie soll das Text-Bild-Verhältnis bemessen sein, welche Schriften sollen zum Einsatz kommen? Hast du diesbezüglich Kriterien, Vorgaben, Überzeugungen?

Kriterien und Vorgaben gibt es, aber so viele journalistische, typografische und gestalterische Grundsätze finden hier nicht Platz. Überzeugungen sind einfacher zusammenzufassen. Ich bin ausgebildeter Journalist und vertrete daher in meiner Arbeit nicht allein den Gestalter, sondern eben auch den Schreibenden, den Geschichtenerzähler. Geschichten zu erzählen, braucht Zeit, braucht Platz, aber diesen Raum sollten wir nicht nur mit Text besetzen. Ich mag lange, ausladende Berichte, und ich habe als Journalist für diese gestritten. Heute weiss ich, dass jeder Text besser zur Geltung kommt, wenn er genügend Raum hat, wenn zwischen zwei Textspalten auch einmal eine ganze Spalte leer bleiben darf. Kürzungen fallen uns nie leicht, ich kenne diese Mühe, aber sie schaffen Raum für eine attraktivere Gestaltung und dienen letztlich der Lesbarkeit.

Die Gestaltung dieses Magazins wird immer wieder angepasst. Kannst du die «Geschichte des profils» unter dem Aspekt Gestaltung beschreiben? Denkst du, dass die Art der Gestaltung die Rezeption bei den Leserinnen und Lesern beeinflusst, dass sie mehr oder weniger Lust aufs Lesen macht?

Vergleichen wir eine aktuelle Ausgabe dieser Zeitschrift mit einem Heft aus den Anfangsjahren, sehen wir eine deutliche Entwicklung: das «profil» ist gewachsen, und das nicht allein in Bezug auf sein Format. Die Zeitschrift ist journalistischer geworden, rhythmisierter, überraschender. Die Beiträge sind insgesamt erzählender und weniger didaktisiert, das empfinde ich als Fortschritt. Mit der Aussage, die Gestaltung werde immer wieder angepasst, bin ich nur teilweise einverstanden. Zwar hat sich das «profil» weiterentwickelt und verändert, nach einer Überarbeitung oder Neuentwicklung des Gestaltungskonzeptes sollte dieses aber auch eine Zeit lang gelten. Innerhalb des Gesamtkonzeptes grosse Freiheit für die Gestaltung jedes einzelnen Beitrags zu haben, ohne aber an den Grundfesten wie Seitenraster und Schriften rütteln zu müssen, ist gewiss von Vorteil für eine abwechslungsreiche Zeitschriftengestaltung.

Die Gestaltung eines Beitrages ist sicher mitbestimmend dafür, ob ein Text gelesen wird oder nicht, zusammen mit dem Titel, dem Einführungstext und einem packenden Aufmacherbild ist sie wahrscheinlich sogar entscheidend. Ich bin deshalb überzeugt davon, dass es ein Gewinn ist, die für die Grafik einer Publikation zuständige Person von Anfang an in die redaktionelle Arbeit miteinzubeziehen. Die Gestaltung einer Zeitschrift beginnt nicht erst nach Abgabe eines Manuskriptes, sondern bereits beim Festlegen der Themen und der Heftdramaturgie. Hier sollten Gestalterinnen und Gestalter ganz im Sinne der erwähnten erweiterten Bedeutung von Gestaltung mitwirken – mitgestalten – dürfen.

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