farbwelt

mein & aber

Ich bin ein Arbeitsblatt

… und ich bin beliebt. Nicht bei allen, aber bei vielen. Und nicht jeder oder jede steht dazu, dass sie oder er mich liebt und oft benutzt. Und ich helfe ja gern. Ich ermögliche stilles, selbstständiges Arbeiten, zielführendes Repetieren und Vertiefen, die Entlastung der Lehrperson vom steten frontalen Zurverfügungstehen und vieles mehr. Was mich ein wenig kränkt, ist dieses herablassende Verächtlichmachen durch didaktisierende Pädagogen und pädagogisierende Didaktikerinnen. Natürlich, sie vertreten vorgeblich kinder- und differenzierungsfreundliche Ideale … aber sind diese auch rea­litätsnah genug?

Gut, es stimmt: Ich werde zuweilen auch missbraucht. Nicht oder nur halb Verstandenes zu beüben, bringt ja echt nichts. Und manchmal schaudert mich selbst, was für unprofessionellen Drill-Kompost man da auf mir ausbreitet. Ich meine, Kinder sind ja nicht doof. Würde man sie nach einer wirklich sinnleeren Aufgabensequenz fragen: «Was hast du jetzt gelernt?», würden sie vielleicht zurückfragen: «Hätte ich sollen? Musste ich nicht einfach nur üben?» Aber das kennen wir ja gut vom Lehrer-Schüler-Verhältnis: Manchmal ist’s ja ein unausgesprochener Pakt so in der Art: Wir lassen einander in Ruhe und tun als ob …

Das bringt mich auf ein verwandtes Thema: Den viel geschmähten Lehrplan, heisse er nun 95 oder 21 oder wie auch immer. Verhalten sich da Bildungsbehörden und Lehrpersonen nicht manchmal wie Lehrpersonen und Schulkinder? Bildungsbehörden: «Wir tun so, als würden wir die Umsetzung des Lehrplans verlangen.» Lehrpersonen: «Wir tun so, als würden wir den Lehrplan XY tatsächlich umsetzen.» Alle kennen die Regeln und lassen einander in Ruhe. Denn der nächste Lehrplan kommt bestimmt. Wo kämen wir hin, wenn wir alles 1:1 ernst nehmen würden, nicht wahr? Aber ich bin ja bloss ein einfaches Arbeitsblatt und habe nichts mit Bildungspolitik am Hut. Schön ist halt, dass ich bisher alle Stürme und Reformen im Unterrichtsbereich überlebt habe. Denn wer mir an den Kragen will, bekommt es mit … (Zutreffendes einsetzen) zu tun. Wie auch immer man zu mir steht, ich bin der Lichtblick, die Verschnaufpause und der letzte Trost im Meer der unerfüllbaren Ansprüche im täglichen Kampf ums Überleben der Lehrperson. Ein gutes Gefühl, jedenfalls für mich.

Protokolliert von Peter Uhr