farbwelt

Zumutungen

florence lavenchy

Peter Uhr

An der Buchhändlerschule durfte ich vor vielen Jahren einen tollen Lehrer erleben. Als es zum Beispiel darum ging, die deutsche und französische Literatur der Aufklärung kennenzulernen, liess er uns in Gruppen je einen Auftrag bearbeiten: Die einen arbeiteten sich in die Zeitgeschichte ein, andere spürten den wirtschaftlichen Entwicklungen nach, eine dritte Gruppe stieg in Architektur, Musik und Kunst ein. Nach einigen Wochen präsentierten wir unsere Erkenntnisse mit Wort, Bild und Ton. Bei der anschliessenden Lektüre damaliger Autoren begriffen wir nun besser, in welcher Welt diese lebten, welche Fragen sie an das Leben stellten, woran sie litten und was sie ersehnten.

Ich spürte: Dieser Lehrer traute uns etwas zu.

Was empfand ich als besonders an dieser Art von Unterricht, die damals übrigens keineswegs an der Tagesordnung war? Ich spürte: Dieser Lehrer traute uns etwas zu. Er vertraute darauf, dass wir zu Ergebnissen kommen und dass wir mit der uns zugestandenen Selbstständigkeit verantwortungsvoll umgehen würden. Damit ging er Risiken ein, und er hat gewonnen – unter anderem ein vertrauensvolles Lehrer-Schüler-Verhältnis. Lernen kann nicht erzwungen werden. Aber es kann mit Zutrauen, Zumuten sowie klar formulierten Zielen begünstigt werden. Und damit braucht man nicht bis nach der obligatorischen Schulzeit zu warten!

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