farbwelt

Unglücksfälle und Verbrechen

Eine sturmumtoste Französisch-Lektion in Tafers. Von Peter Uhr.

Ein Freitagnachmittag im November. Der stürmische Tag des Wetterwechsels. Regen peitscht an die Fenster der Orientierungsschule im freiburgischen Tafers. Lehrer Daniel Jungo schickt sich an, die 9. Klasse, die er einzig in der Fremd­sprache unterrichtet, auf die Französisch-Doppellektion einzustimmen.

Die Schülerinnen und Schüler bekommen das neue Erprobungsmaterial von «Clin d’œil» ausgeteilt. Faits divers steht da drauf; das sagt der Klasse noch nichts. Aber als Lehrer Jungo von einem cadeau, einem Geschenk an die Klasse spricht, macht sich doch etwas Neugier breit. Ich war gespannt, wie Daniel Jungo in dieses neue Magazin und seine Themen einführen würde. Der filRouge, der rote Faden für die Lehrpersonen, macht zwar Vorschläge für Auftaktlektionen; aber sind sie in der Praxis gangbar und zielführend?

Faits divers

Statt zuerst einen Gesamtüberblick über die Arbeit der nächsten Monate zu geben, hat der Lehrer sich entschieden, gleich mitten in ein konkretes Beispiel aus dem Material einzusteigen. Ein kurzer Amateurfilm über zwei entlaufene Kamele auf einer Autobahn flimmert über das Whiteboard. Das kommt an. Als die Lernenden der Episode nochmals be­gegnen – diesmal in Textform – können sie sich an bereits bekannte Lernstrategien erinnern: Hilfreich sind unter anderem ja Parallelwörter, Bilder als Verstehenshilfe, Schlüsselwörter etc. Und jetzt leitet Daniel Jungo über zur Vorschau auf das Kommende, aperçu de la tâche genannt.

Der filRouge, der rote Faden für die Lehrpersonen, macht zwar Vorschläge für Auftaktlektionen; aber sind sie in der Praxis gangbar und zielführend?

In der Folge enthüllt sich, worum es in diesem magazine geht, eben um faits divers. Der Lehrer fragt, wo in den Zeitungen, die die Schülerinnen und Schüler lesen, solche vermischten Meldungen zu finden seien. Da die meisten Jugendlichen nicht allzu eifrige Zeitungslesende sind, können sie die Frage nicht auf Anhieb beantworten. Nun wirft die Klasse einen Blick ins Inhaltsverzeichnis mit den objectifs. Die für die verschiedenen Kompetenzbereiche formulierten Ziele geben einen ersten Eindruck von den kommenden inhaltlichen und sprachlichen Herausforderungen: Die Lernenden werden sich mit wahren und erfundenen faits divers auseinandersetzen und zum Ende eine eigene Medien-Info schriftlich verfassen und mündlich vortragen oder aber in einem Ton- oder Filmbeitrag präsentieren. «Ganz schön anspruchsvoll» meinen die Einen, während andere sich bei dem Hinweis des Lehrers entspannen, dass dies ja alles allmählich und schrittweise aufgebaut werde.

Eigene Kurzbeschreibungen entwerfen

Auch auf die kommenden Arbeits- und Sozialformen weist der Lehrer hin: Während er die Einstiegsstunde bewusst selbst moderiert hat, lässt er die kommenden activités in Einzel-, Zweier- oder Gruppenarbeiten angehen. Nach einer halben Stunde schliesst der Lehrer den Ausblick auf Kommendes. Nun sollen die Lernenden selbst aktiv werden. Sie nehmen das magazine zur Hand und schlagen die activité A auf. Damit sichergestellt ist, dass auch alle verstehen, was sie gleich zu tun haben, wird die Aufgabe an einem ersten Beispiel durchgespielt. Auf den entsprechenden Magazin-Seiten finden sich Fotos, denen mehr oder weniger passende kurze Beschreibungen zugeordnet sind. Welche passen, welche nicht?

In Zweiergruppen einigen sich die Jugendlichen für eine oder mehrere passende Bildlegenden und entwerfen eigene Kurzbeschreibungen. Darauf aufbauend bereiten sie eine Mini-Präsentation für‘s Plenum vor. Weil in der Klasse dann spontan kaum Einspruch zu den Zuordnungen anderer Gruppen aufkommt, lässt Daniel Jungo den Lehrwerksteil revue zur Hand nehmen. Da finden sich Beispielsätze und passende Redewendungen zuhauf. Und schon gelingen da und dort inhaltlich und sprachlich stimmige Äusserungen. Aber es ist spürbar und wenig erstaunlich: Solche Sequenzen verlangen von den Schülerinnen und Schülern viel Disziplin und Duchhaltevermögen. Ich setze mich neben einen Schüler, der für ein Jahr vom französisch- in den deutschsprachigen Kantonsteil gewechselt hat. Meiner Vermutung, dass er die revue ja wohl nicht benötige, widerspricht er: Doch, doch, er benütze sie, um sich das entsprechende Deutsch anzueignen.

Die Technik der W-Fragen wird reaktiviert

Ich hörte – von der Lehrperson ohnehin – aber mehr­heitlich auch von den Lernenden – französische Sprache.

Und dann kommen zehn Laptops zum Einsatz. Eine Hörverstehensübung auf der Basis von Audio-Dokumenten, die mit entsprechenden Texten unterlegt sind. Diese stammen aus den Multimedia-Materialien von Clin d’œil und stimmen in wiederum etwas anderer medialer Form auf die kommenden faits divers ein. Nebenbei wird mit dieser Übung die Technik der W-Fragen reaktiviert und so sichergestellt, dass die Lernenden gut gewappnet an die Arbeit mit den anspruchsvolleren faits divers herangehen können.

Schliesslich erläutert Daniel Jungo noch die Aufgaben, die auf die nächste Lektion hin zu bearbeiten sind.

Was habe ich in diesen 90 Minuten über das Einleiten einer neuen Unterrichts- und Lern­phase erfahren? Ich sah stark von der Lehrperson geführte Sequenzen neben solchen, während derer die Schülerinnen und Schüler sich selbstständig mit Inhalten und Aufgaben befassten. Ich hörte – von der Lehrperson ohnehin – aber mehrheitlich auch von den Lernenden – französische Sprache. Ich erlebte, dass ein induktives, also von einem konkreten Beispiel ausgehendes Vorgehen der Motivation sehr viel förderlicher ist als ein eher abstrakter Zugang. Und ich denke, dass die Schülerinnen und Schüler eine gewisse Neugier auf die kommenden faits divers, diese Sammlung von «Unglücksfällen und Verbrechen» entwickelt haben. Mit diesen Eindrücken verliess ich Tafers; der Sturm wütete noch immer.

 

Ansichten der Lehrperson zum Einstieg ins magazine

Das Französisch-Lehrmittel Clin d’œil 9 kommt beeindruckend daher. Es ist nicht mehr ein magazine, sondern gleicht eher einem Buch. Dementsprechend sind der Umfang und das Angebot. Diese Fülle beeindruckt und kann zu Beginn eine Überforderung darstellen, daher ist das Angebot mit den Lernenden sorgfältig anzugehen. Gerade den lernschwächeren Schülerinnen und Schülern meiner Klasse muss ich die Arbeit Schritt für Schritt erklären, ich muss die Ressourcen sorgfältig aufbauen. Hier liegt der eigentliche Knackpunkt für mich als Lehrperson: In kürzester Zeit muss ich mir einen Überblick über ein mir noch wenig bekanntes «Buch» verschaffen und mögliche Stolpersteine und Ausbaumöglichkeiten erkennen. Der filRouge bietet mir dazu viele Hilfen, einiges muss ich aber viel stärker vertiefen und auf die Begebenheiten der Klasse anpassen. Dazu bleibt wenig Zeit und der Aufwand ist trotz viel Unterstützung seitens des Lehrmittels gross. Das Atelierangebot bietet die Möglichkeit der Differenzierung und ermöglicht insbesondere lernstarken Schülerinnen und Schüler selbständiges Arbeiten. Für die lernschwächeren Schülerinnen und Schüler birgt es ohne meine Hilfe die Gefahr der Überforderung. Diese Herausforderung nehme ich als Lehrperson gerne an, sie gibt mir die Motivation für den spannenden Französischunterricht mit Clin d’œil. Daniel Jungo

Die Stimme des Verlags

Wir sind den Lehrpersonen dankbar, die mit unseren Erprobungsmaterialien mutig ins kalte Wasser springen und uns dann detailliert von ihren Erfahrungen berichten. Diese können angesichts einer erstmaligen Begegnung mit oft gänzlich Neuem nicht nur euphorisch und kritikfrei sein. Weil diese vielfältigen Rückmeldungen aber von einer ernsthaften Auseinandersetzung mit Clin d’oeil zeugen, sind sie bei der Überarbeitung von der provisorischen zur definitiven Version hin wertvoll und werden von den Autorinnen und Autoren sorgfältig berücksichtigt.

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