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Ich heisse Muhammad, ich komme aus Syrien

Unterrichten heisst Kinder «abholen». Was dies bei einem Knaben bedeutet, dessen Sprache und Kultur der Lehrperson völlig fremd ist und der aus einem Kriegsgebiet kommt, zeigt uns das Beispiel des 12-jährigen Muhammad aus ­Syrien. Eine kurdische Klassenkameradin hat beim Übersetzen geholfen.

Vorname Name

Muhammad

In Syrien wohnten wir in einer kleinen Blockwohnung in der Stadt Talbiseh (im Nordwesten Syriens, 30 000 Einwohner). Die Wohnung hatte drei Zimmer. Eines teilten mein 20-jähriger Bruder und ich. Auf der Strasse vor dem Hause habe ich mit meinen Freunden oft Fussball gespielt. Zum Glück hatte es wenig Verkehr. Trotzdem mussten wir gut auf die parkierten Autos achten. Hinter dem Haus hatten wir einen kleinen Garten, in dem ich mit meinem besten Freund, Abdel Rahman, oft Hüpfspiele gespielt habe. Spielzeuge oder Bücher hatten wir keine. Sehr wichtig waren für mich meine acht Tauben. Ich habe sie gefüttert und gepflegt wie eigene Kinder. Ich weiss nicht, was mit ihnen passiert ist. Sicher sind sie alle weggeflogen.

Unsere Schule war nicht so gut. Sie dauerte nur zwei Stunden pro Tag. Man konnte deshalb nicht so viel lernen. Auch mussten meine Eltern die Bücher alle selbst kaufen. Immerhin lernte ich dort etwas Mathematik und das Schreiben der arabischen Sprache. Wir lasen auch im Koran. Ich hatte aber kein Turnen, keine Naturkunde und kein Zeichnen oder Werken. Leider wurde ich in der Schule geschlagen, deshalb haben mich meine Eltern nach einem Jahr nicht mehr geschickt. Dafür hat mich mein Vater an seinen freien Nachmittagen in Arabisch weiterunterrichtet. Er ist Arabisch-Lehrer. Er lehrte mich auch das Schreiben und Lesen der Buchstaben, die man hier braucht.

Vor vier Monaten sind meine Eltern, mein Bruder und ich nun mit dem Flugzeug in die Schweiz gekommen. Mein Bruder und mein Vater haben hier keine Arbeit. Ich vermisse meine Verwandten, die wir in Syrien oft besucht haben. Wir telefonieren aber mit ihnen. Hier kennen wir niemanden. Mir gefällt hier vieles, trotzdem möchte ich später sehr gerne wieder zurück nach Syrien, auch wenn in Talbiseh viele Häuser durch den Krieg zerstört worden sind. Zu Hause kocht meine Mutter, und mein Vater lehrt mich immer noch Arabisch. Er selbst lernt deutsch. Wenn es mir mal langweilig ist, habe ich noch mein iPad, auf dem ich am liebsten ein Kriegsspiel spiele, in dem die Leute gegeneinander kämpfen. Ich möchte hier aber lieber mehr Fussball spielen.

Die deutsche Sprache ist für mich sehr schwierig. Ich versuche, möglichst viel zu verstehen und verschiedene Sachen zu lernen. In der Schule bin ich lieber alleine. Ich erzähle zuhause nur manchmal, was ich dort alles erlebe.

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