farbwelt

Königsdisziplin

Verena Eidenbenz

Verena Eidenbenz

«Weiss ich doch nöd, kei Ahnig!», herrschte mich Elina jeweils mit al­banisch gefärbtem Akzent in den unterschiedlichsten Lernsituationen an. Ihr forsches Auftreten funktionierte bestens, denn es verunsicherte, verärgerte, belustigte mich je nach eigener Gefühlslage und vernebelte erst einmal meine Sicht. Oft suchte ich gedanklich meine vorgängigen Erklärungen nach Schwachstellen ab, um diese zu korrigieren und ihr eine Lernbrücke zu bauen. Wurde ich nicht fündig, übte ich sanften Druck aus. Das führte zu nichts – Elina schaute trotzig vor sich hin und verweigerte sich. Humor und eine spielerische Verpackung der Inhalte hatten mehr Erfolg. So gab ich manchmal vor, die Aufgabenstellung selbst nicht zu verstehen. Das wirkte wie ein Türöffner: In der Lehrerinnenrolle erklärte sie mir gut verständlich, was zu tun sei. Nach längerer Beobachtungszeit erkannte ich hinter ihrem patzigen Auftreten grosse Unsicherheit, auch Scham darüber, etwas nicht zu wissen. Dies half mir, geduldiger vorzugehen.

Humor und eine spielerische Verpackung der Inhalte hatten mehr Erfolg.

Erfolgserlebnisse – auf beiden Seiten – festigten allmählich unsere Beziehung und stärkten ihr Selbstvertrauen. Lernaktivitäten erfolgreich zu begleiten, gehört zur Königsdisziplin jeder Lehrperson und basiert auf einer starken Lernbeziehung. Manchmal wird man für den Einsatz belohnt. Als Elina die Klasse wechselte, schenkte sie mir einen selbst gefalteten Papierflieger. Darauf stand: «Danke – war eine gute Zeit – ich vermisse dich.»

AnhangGröße
PDF icon Download dieses Beitrages58.64 KB